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»Die Kacke ist jetzt richtig am Dampfen«

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So wie auf diesem Foto sieht das Stellwerkpult des Fahrdienstleiters aus. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – »Die Kacke ist jetzt richtig am Dampfen« – mit aufgeregter Stimme rief der 40-jährige Fahrdienstleiter aus dem Stellwerk Bad Aibling am 9. Februar gegen 7 Uhr bei seinem 27-jährigen Kollegen im Stellwerk Bruckmühl an. Er habe vergessen, ein Ausfahrtssignal zurückzunehmen und dadurch zwei Züge aufeinander zufahren lassen. Da war die Katastrophe jedoch schon passiert: Um 6.47 Uhr waren die beiden Regionalzüge kollidiert. Am Landgericht Traunstein schilderten gestern acht Bahnmitarbeiter die Minuten vor und nach dem Unglück.


Der 40-Jährige soll durch Spielen des Online-Spiels »Dungeon Hunter 5« abgelenkt gewesen sein. Einem Versehen folgten mehrere – vom Fahrdienstleiter am ersten Prozesstag eingestandene – Fehlentscheidungen. Er setzte Sicherheitstechnik außer Funktion. Zwei »Nothalteaufträge« erreichten die Zugführer nicht – weil er sie an den falschen Empfängerkreis gefunkt hatte.

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Die Bahnmitarbeiter erschienen zumeist mit Zeugenbeistand, so auch ein 59-jähriger »Notfallleitstellenbediener« bei der Bahnbetriebszentrale München. Dort laufen alle Notfallereignisse auf den Bahnstrecken Bayerns zusammen. Gleichzeitig dient die Einrichtung als Schnittstelle zu Behörden wie Bundespolizei, Polizei und Rettungsdienst.

Der erste Anruf bei ihm sei um 6.52 Uhr von der Integrierten Leitstelle Rosenheim eingegangen, erinnerte sich der 59-Jährige. Sie habe von einem »Zusammenstoß« gesprochen – »aber noch sehr vage«. Kurz danach habe sich die Einsatzzentrale der Polizei gemeldet. Drei bis vier Minuten nach dem ersten Telefonat habe der Angeklagte angerufen. Dazu der Zeuge: »Er teilte mit, er habe zwei Züge auf die Strecke eingelassen. Das war für mich die letzte Gewissheit, dass es sich um den Zusammenstoß zweier Züge handelt.«

Ausfahrtssignal in Kolbermoor war doch grün

Auf seine Frage, wie das angesichts der technischen Sicherungen passieren konnte, habe der Angeklagte geantwortet, er habe für den einen Zug in Kolbermoor ein Ausfahrtssignal gestellt. Das habe nicht sofort reagiert. Da habe er gedacht, das Signal stehe noch auf Rot und habe den anderen Zug in Bad Aibling starten lassen. Erst danach habe er gesehen, dass das Ausfahrtssignal in Kolbermoor doch grün war. Er habe versucht, die Zugführer noch über Funk zu warnen, jedoch zu beiden keinen Kontakt bekommen, zitierte der 59-Jährige den Angeklagten.

Im Stellwerk Bruckmühl hatte damals der 27-Jährige Dienst. Über Streckenfernsprecher übergab er den ausfahrenden Regionalzug an den Fahrdienstleiter in Bad Aibling. Wenig später hörte der Zeuge über Funk die falsch abgesetzten Nothaltaufträge des Angeklagten: »Achtung, Betriebsgefahr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling – Züge sofort anhalten.« Durch die Zugkollision fiel der Strom der Oberleitung aus, ebenso der Strom im Stellwerk Bruckmühl.

Die Kammer wollte mehr über die Tätigkeit in einem Stellwerk wissen. Der 27-Jährige erläuterte die Geräte. Dabei wurde deutlich: Das Absetzen eines Notrufs ist kompliziert, erfordert zum Beispiel beidhändige Bedienung mit mehreren Handgriffen. Und: Es gibt zwei völlig getrennte Notrufe – einen für Triebwerksführer und einen für Streckenpersonal.

Der 27-Jährige informierte weiter: »Wenn alles im Regelbetrieb läuft, wird der Alltag zur Routine. Es kann aber auch stressig werden. In Pausen warte ich, bis ein Zug kommt. Das kann langweilig werden.« Das Verbot für die Mitarbeiter, private Computer im Dienst zu verwenden, sei in einer Richtlinie verankert. Die Bezirksleitung führe regelmäßig unangekündigte Kontrollen durch.

»Nie gab es disziplinarische Vorgänge«

Das bestätigte der 61-jährige Vorgesetzte. Er umriss den Angeklagten: »Er war dienstlich vorbildlich, zuverlässig, pflichtbewusst und pünktlich. Nie gab es disziplinarische Vorgänge.« Wenn ein privates Handy im Stellwerk liege, aber nicht benutzt werde, sei das »kein Vergehen«. Von Computerspielen im Dienst habe er nie etwas bemerkt.

Ein für die Funktechnik zuständiger Ingenieur berichtete, die Notrufe des Angeklagten, beide »mit höchster Priorität«, hätten lediglich Streckenpersonal, nicht jedoch die Zugführer erreicht. Ein anderer Fachmann bestätigte, der Funkverkehr zwischen Stellwerk und Zügen habe technisch einwandfrei funktioniert. Bei einer Messfahrt stellte ein Sachverständiger für Nachrichtentechnik vom Bayerischen Landeskriminalamt fest: Es gab keine Bahnfunklöcher, die Empfangsqualität der Funksignale in beiden Zügen war auf der gesamten Strecke ausreichend. Eine spätere Inspektion im Stellwerk bewies: Dort war ebenfalls alles in Ordnung.

Noch »kein abschließendes Bild« über das Unglück konnte sich bislang die Unfalluntersuchungsstelle der Bahn verschaffen, wie ein 60-jähriger Beamter unterstrich. Technische Probleme habe man schnell ausschließen können. »Wir sind mit unseren Ermittlungen noch nicht am Ende, von welchem Fehler man ausgehen muss«, merkte der Zeuge an. Das Gutachten könne bis Weihnachten dauern.

Der Untersuchungsführer lieferte viele Details zu Signalfragen. Das Stellpult sei voll funktionstüchtig gewesen. Vorsitzender Richter Erich Fuchs zur Ausstattung des Stellwerks: »Die Geräte kommen mir veraltet vor. Ein Telefon mit Wählscheibe kenne ich nur aus meiner Jugend.« Der Zeuge bejahte, es gebe modernere Anlagen. Das Stellwerk Bad Aibling stamme aus den 1970er Jahren. kd