»Die Gewalt findet im Verborgenen statt«

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Laut einer EU-Studie hat jede dritte Frau schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren.

Von häuslicher Gewalt betroffen sind vor allem Frauen und Kinder. Im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd gab es im vergangenen Jahr knapp 1400 solcher Fälle. Doch die Dunkelziffer ist hoch. Denn oft werden Schläge, psychische Gewalt und Vergewaltigungen im persönlichen Umfeld der Opfer nicht bekannt, »denn sie finden im Verborgenen statt«, sagt Katharina Spöttl. Die Kriminalhauptkommissarin ist Beauftragte für Frauen und Kinder. Wer Hilfe braucht, kann sich an die 54-Jährige wenden. Sie kümmert sich um Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt.


Laut einer EU-Studie hat jede dritte Frau schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) hat dazu insgesamt 42 000 Frauen in  allen 28 EU-Mitgliedstaaten zwischen 18 und 74 Jahren befragt. Jede 20. Frau gab an, schon einmal vergewaltigt worden zu sein.

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»Gewalt wird immer schlimmer«

Diese Frauen berät Katharina Spöttl auch, doch diese Fälle sind eher selten. Am häufigsten wenden sich Menschen an sie, die geschlagen oder gestalkt werden. Dabei betont sie, dass sie die Anrufer vor dem Gespräch darüber informiere, dass sie bei ganz konkreten Fällen Ermittlungen anstellen müsse. »Wenn ein Opfer oder ein Angehöriger von Bedrohung, Nötigung oder Körperverletzung berichtet, dann habe ich als Polizistin die Verpflichtung, die Straftat zu verfolgen. Es wäre ja schlimm, wenn die Polizei da wegschauen würde.« Das sei der Unterschied zu anderen Beratungsstellen wie zum Beispiel einem Frauen- und Mädchennotruf oder »Frauen helfen Frauen«. Hier gebe es die Möglichkeit, auch anonym beraten zu werden. Außerdem stünden die Berater unter Schweigepflicht.

»Viele Frauen haben die Hoffnung, dass die Gewalt irgendwann aufhört. Doch das ist in der Regel nicht der Fall. Die Erfahrung zeigt, dass die Gewalt im Laufe der Jahre an Häufigkeit zunimmt und immer heftiger wird«, sagt Katharina Spöttl. Auf die Frage, warum es so schwer sei, Opfer vor häuslicher Gewalt zu schützen, sagt sie: »Weil viele Opfer sich schämen, mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit zu gehen. Oft kennen sie niemanden, der ihnen helfen könnte.« Es könne aber auch nachvollziehbare wirtschaftlich-soziale Gründe geben, welche ein Opfer zunächst davon abhalten, sich an Dritte zu wenden. Die Polizei sei also darauf angewiesen, dass sich die Opfer, Angehörige oder Nachbarn melden. »Das ist ein sehr sensibles Thema, bei dem auch Zivilcourage gefragt ist.«

»Sie interpretieren Gewalt als Zuneigung«

Manche Frauen seien sogar der Überzeugung, dass sie ihr Mann nur schlage, weil er sie so sehr liebe. Hier sei es oft schwierig, an die Opfer heranzukommen. »Sie interpretieren Gewalt als Zuneigung. Doch das ist ein Irrglaube«, betont die Kriminalhauptkommissarin. »Liebe basiert auf einer gleichberechtigten Partnerschaft und nicht auf Dominanz!« Das versuche sie den Opfern klar zu machen und erarbeite gemeinsam mit ihnen Ideen, wie es weitergehen könnte. »Ganz wichtig ist dabei, dass man dem Opfer keine Lösung überstülpt. Es muss bereit sein für die nächsten Schritte.« Wenn sich eine Frau beispielsweise entschließe, ihren prügelnden Mann zu verlassen, dann sei diese Entscheidung mit vielen Fragen verbunden: Was passiert mit den Kindern? Wer darf in dem gemeinsamen Haus bleiben? Wie sieht es nach einer Trennung finanziell aus? Die Polizei sei hier mit den verschiedensten Stellen sehr gut vernetzt und könne die richtigen Ansprechpartner nennen, sagt die 54-Jährige. Stalkingopfern rät sie zu einem völligen Kontaktabbruch mit dem Täter und dazu, wirklich jeden Fall anzuzeigen. »Nur so können Polizei und Gericht gegen den Stalker vorgehen.« Klara Reiter

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