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Die Erinnerung wach halten

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Gegen das Vergessen des Nazi-Schreckens: Der fast 100-jährige Zeitzeuge Hofrat Marko Feingold sprach bei der Gedenkfeier für die Opfer von Surberg. Von Lioba Huber, die eine bewegende Lesung hielt, gab es Blumen für den Salzburger. Weitere Bilder finden Sie unter www.traunsteiner-tagblatt.de/fotos im Internet. (Foto: Wittenzellner)

Surberg. Rund 150 Bürger aus dem Landkreis gedachten der Opfer von Surberg, die Anfang Mai 1945 auf ihrem sogenannten Todesmarsch aus den Konzentrationslagern auch durch die Region kamen. Die zumeist jüdischen KZ-Häftlinge hatten einen langen Leidensweg hinter sich. Die SS-Schergen ermordeten die Häftlinge am 3. Mai 1945 kurz vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen in einem Wald in der Nähe von Surberg. An der Gedenkstätte findet nun schon seit vielen Jahren eine jährlich vom Kreisverband Traunstein der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten veranstaltete Gedenkfeier für die Opfer statt.


»Ideologie mündet in Gewalt und Verbrechen«

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»Sie waren Zeugen schrecklicher Greueltaten. Und kurz vor Kriegsende wurden sie ermordet.« So beschrieb Christine Belser vom Veranstalter die Situation vor 68 Jahren. Sie zog eine Parallele zu den zehn Morden der Neonazigruppe NSU. Zwar sei die heutige politische Situation nicht mit der von 1945 zu vergleichen. Letztlich seien die Menschen damals aber durch die Naziideologie ihres Lebensrechts beraubt worden. »Und das ist heute noch genauso.« Diese Ideologie münde immer in Gewalt und Verbrechen betonte Belser.

Franz Kammhuber vom Aktionsbündnis für Demokratie und Toleranz im Landkreis Altötting bezog sich in seinem Grußwort auf die Situation in Halsbach, in der die rechte Szene ein Zentrum für die südostbayerische Region geplant hatte und dazu eine Dorfwirtschaft ersteigern wollte. Er lobte das behutsame Vorgehen des Bürgermeisters und den »Gemeinschaftsgeist eines ganzen Dorfes«, was es den Neonazis letztlich unmöglich gemacht habe, dort sesshaft zu werden. Man sei sich hinterher darüber einig gewesen, dass man ein breites Aktionsbündnis in der Region brauche, um auch weiterhin bei ähnlichen Versuchen der braunen Szene aktiv werden zu können. Man setzte gegen »verführerische und plakative Stammtischargumente« vor allem fachliche Aufklärung und Information und gehe gerade auch in die Schulklassen, um dort über die Gefahren rechtsradikaler Gesinnung zu informieren. Für ihn sei es wichtig, dass beim Auftreten rechter Gruppen schnell öffentlich reagiert werde. Man wisse um die breite öffentliche Meinung, die deutlich mache, dass man nicht zurück in die »braune Vergangenheit« wolle. Die Aufarbeitung und Veröffentlichung der regionalen Geschichte der damaligen Zeit müsse festgehalten werden. Hier sei man in Traunstein sehr weit sagte Kammhuber und fügte hinzu: »Diese Zeit darf nie wiederkommen.«

Hofrat Marko Feingold, seit 35 Jahren Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, sagte, er habe seine persönliche Geschichte als Zeitzeuge und Überlebender von vier Konzentrationslagern unter anderem schon vor über 6000 Schulklassen erzählt. Der gebürtige Wiener war nach seiner Emigration in die Tschechoslowakei 1939 von den Nazis verhaftet worden und musste anschließend die unmenschlichen Grausamkeiten der Konzentrationslager Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald erleben.

Medizinische Versuche mit den Gefangenen

Manches könne er nicht aussprechen, sagte er mit Verweis auf sein Buch, in dem er seine Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Er schilderte die Greuel der Nationalsozialisten, die medizinische Versuche an ihm durchgeführt hatten, und machte deutlich, dass die NS-Ideologie von Anfang an auch darauf abgezielt habe, die Erziehung durch das Elternhaus und die Schule zu unterbinden. Ziel sei gewesen, nur noch auf die Führungskräfte in der Hitlerjugend zu hören.

Trotz des emotional ergreifenden Themas und der persönlichen Erlebnisse die der fast 100-Jährige schilderte, waren seine Ausführungen nie anklagend. In einem lockeren Dialog mit den Anwesenden ermutigte er diese, ihm Fragen zu stellen. Sehr erfreut zeigte er sich davon, dass sehr viele zu der Gedenkfeier gekommen waren: »Heute sind mehr Leute da, als jemals zuvor«, betonte Feingold und fügte abschließend hinzu: »Die Erinnerung muss immer aufrechterhalten bleiben.«

Bewegend auch die kurze Gedenkansprache, die Lioba Huber vorlas. Sie las die Rede von Semiya Simsek vor, die diese bei der zentralen Gedenkfeier im vergangenen Jahr in Berlin gehalten hatte. Der Vater der heute 26-Jährigen war das erste Opfer der NSU-Terrorzelle. Sie hätte nicht in Ruhe von ihrem Vater Abschied nehmen können und elf Jahre auch kein Opfer sein dürfen, las Huber die Worte Simseks vor. Die Familie sei jahrelang ausspioniert und verdächtigt worden, Mafiakontakte zu haben. In der bewegenden Rede wurde auch die Frage nach der persönlichen Entfaltungsfreiheit des Einzelnen gestellt: »In unserem Land, in meinem Land muss sich jeder frei entfalten können«, las Huber die Worte Simseks. Jeder sei gefordert, Fremdenfeindlichkeit entgegen zu treten.

Ihre Achtung und ihr stilles Gedenken an die Opfer des 3. Mai 1945 machten die Anwesenden durch eine Schweigeminute deutlich und indem viele von ihnen nach Ende der Veranstaltung eine Blume oder gemäß eines jüdischen Brauches einen Stein an den Chanukka-Leuchter in der Gedächtnisstätte legten. awi