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Die Erinnerung an das Grauen wach halten

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Die Schülerin Jolana Dandl und Friedbert Mühldorfer vom Veranstalter lesen die Namen der Menschen vor, die in Surberg 1945 kurz vor Ende des Krieges ermordet wurden. Mehr Fotos von der Veranstaltung finden Sie im Internet unter www.traunsteiner-tagblatt.de/Fotos. (Foto: Wittenzellner)

Surberg. »Erinnern an die eigene Geschichte ist etwas sehr Persönliches.« Jeder Mensch habe sein eigenes Leben mit seiner eigenen Geschichte, betonte der Zeitzeuge Ernst Grube bei der Gedenkfeier für die kurz vor Kriegsende ermordeten Häftlinge bei Surberg.


Heute gehe es darum, »Wissen um die Verbrechen der Nazis zu vermitteln«, sagte Grube. Dazu sei ein gesellschaftliches Erinnern nötig, da es damals im Entstehen des Greuelregimes der Nationalsozialisten einen »gesellschaftlichen Nährboden« gegeben habe. »Und dieser Nährboden ist heute noch da«, fügte er hinzu.

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Zur Gedenkfeier waren zahlreiche Besucher an die Gedenkstätte Surtal gekommen. Wie schon in den Vorjahren war auch wieder der 100-jährige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, Marko Feingold, anwesend und sprach ein kurzes Grußwort. Ausgerichtet wurde die Gedenkfeier vom Kreisverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten.

Neonazistische Agitationen auch im Landkreis Traunstein

Anna Bräsel von der Regionalen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus für Oberbayern und Schwaben sagte in ihrer Mahnung des »Nie wieder«, dass es leider wieder eine verstärkte »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« gebe. Neonazismus, die Wiederaufnahme nationalsozialistischen Gedankengutes nach dem Zweiten Weltkrieg, sei auch in Bayern ein Problem, das sich gerade auch in ländlichen Gegenden ausbreite. »Neonazistische Agitationen gibt es auch im Landkreis Traunstein«, betonte sie und lobte, dass man im Landkreis die Gründung eines »Netzwerks gegen Rechts« plane, was angesichts von Hakenkreuzschmierereien, einem verstärkten Auftreten der NPD aber auch jährlich wiederkehrender Aktivitäten im Berchtesgadener Land wie der rechtsextremistischen Versammlung zum »Charlemagnegedenken« in Bad Reichenhall, bei dem eine »Täter-Opfer-Umkehr zelebriert wird«, dringend notwendig sei.

Ernst Grube beschrieb die systematische Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, Behinderten, Homosexuellen und Andersdenkenden unter dem NS-Regime. Für ihn und seine Familie bedeutete dies zum Ende des Krieges hin die Deportation von München aus in das Konzentrationslager Theresienstadt, das er überlebte. Grube wirkte betroffen, als er schilderte, dass eine Aufarbeitung der Greueltaten der Nationalsozialisten in der deutschen Bevölkerung nach dem Krieg nie stattgefunden habe. Entweder, weil diese selbst Opfer durch den Krieg zu beklagen hatten, oder weil teilweise in der Nachkriegszeit auch weiterhin Nazis öffentliche Ämter bekleideten. Auch habe man im später einsetzenden Wirtschaftswunder die Erinnerung an die grauenhafte Vergangenheit verdrängt. »Eine Auseinandersetzung mit dem NS-Regime wurde jahrzehntelang verhindert«, betonte er. Dies habe sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten verändert.

Gleichzeitig schlug er eine Brücke zu dem vermehrten Ankommen von Flüchtlingen, Zuwanderern und Asylsuchenden in Deutschland, deren Anwesenheit in Teilen Deutschlands oft auf massiven Widerstand der Bevölkerung stoße. »Wieder stellen sich Bürger gegen Menschen, die bei uns Schutz suchen.« Im Rückblick auf die Geschichte seien die Aufklärung und das Informieren weiter die Aufgabe der Gesellschaft und des Staates. Es müsse alles getan werden, gerade auch einer jungen Generation klar zu machen, dass der Faschismus nie wieder aufkeimen dürfe.

Bewegend wurde es, als Friedbert Mühldorfer und die Schülerin Jolana Dandl die Namen der Opfer vorlasen. Bewusst hatte man dabei auch die Nummern vorgelesen, die den Häftlingen eintätowiert wurden. Der ermordete Moses Pfeffer trug beispielsweise die Nummer 86138, das Einzelschicksal wurde durch wenige Sätze persönlich. Ein vorgelesenes Gedicht von der Schülerin endete mit dem verbalen Aufstehen eines leidgeprüften, ehemaligen KZ-Häftlings: »Ich werde ein Verschweigen und Vergessen nicht zulassen.«

Für die musikalische Umrahmung der Gedenkfeier sorgten Sarah und Martin Lidl. Grundtenor der Lieder war das im Original von Konstantin Wecker stammende »Sage nein! Misch dich ein!«.

Gemäß eines jüdischen Brauchs und in Achtung der Toten legten viele nach der Gedenkfeier Steine oder Blumen auf den Gedenkstein oder den jüdischen Chanukka-Leuchter auf dem Friedhof. awi