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Die Borkenkäfer schwärmen im großen Stil aus

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Ein Borkenkäfer kriecht über eine befallene Fichte.
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Das Problem beim Borkenkäfer ist, dass er sich rasend schnell vermehrt. Forstoberrat Wolfgang Madl verdeutlicht das mit Hilfe von drei Gläsern, in denen sich getrocknete Borkenkäfer befinden: Die »Kindergeneration« eines Borkenkäferpaars umfasst 60 Käfer, die »Enkelgeneration« bereits 1800 Käfer. Gibt es noch eine dritte Generation, besteht diese aus 108 000 Käfern. (Foto: Schwaiger-Pöllner)

Der Borkenkäfer schwärmt zurzeit massenhaft aus – und hat bereits erste Fraßspuren an den Fichten hinterlassen.


Für die Wälder rund um Trostberg hat Forstoberrat Wolfgang Madl vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Traunstein am gestrigen Donnerstag die rote Gefährdungsstufe aktiviert; im restlichen Landkreis Traunstein gilt die gelbe Warnstufe. Madl mahnt: »Die Waldbesitzer müssen jetzt hinaus in den Wald und ihre Fichten begutachten.«

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Die heimischen Wälder sind geschwächt, die Nachwehen von Sturmtief »Niklas« sind immer noch zu spüren; im März 2015 hatte der Orkan in nur einer Nacht großflächig Bäume umgeworfen und so rund 40 000 Festmeter Schadholz alleine im Landkreis Traunstein erzeugt. Die warmen, oftmals auch trockenen Sommer tun ihr übriges dazu. Der Borkenkäfer hat so ein leichtes Spiel.

Nach »Niklas« sei es nicht überall gelungen, das Schadholz schnell aus den Wäldern herauszubringen, erinnert sich Abteilungsleiter Wolfgang Madl. »Das bot ideale Brutvoraussetzungen für den Borkenkäfer.« 2016 habe sich die Situation dann noch einmal »aufgeschaukelt«. »Dabei hatten wir noch Glück, dass wir letztes Jahr mehr Niederschläge hatten«, führt der Forstoberrat aus. Trotzdem sei man mit einer »wesentlich erhöhten Käferzahl« in den Winter gegangen.

Ein Borkenkäferpaar hat bis zu 100 000 Nachkommen

»Jetzt macht uns bereits die erste Kindergeneration dieser Käfer zu schaffen«, führt Madl aus. Das entscheidende Problem ist, dass sich der Borkenkäfer rasend schnell vermehrt. Ein Borkenkäferpaar zeugt bei einer Paarung an die 60 Kinder; die Enkelgeneration besteht damit bereits aus 1800 Käfern. »Wenn das Wetter passt, dann gibt es sogar noch eine dritte Generation«, erklärt der Experte. Ein einziges Borkenkäferpaar kann in einem Jahr somit über 100 000 Nachkommen zeugen. »Das ist wie eine Kettenreaktion, das hat man nicht mehr im Griff«, so Madl.

Er rechnet weiter vor: »Rund 1000 Käfer reichen aus, um eine Fichte absterben zu lassen.« Die Nachkommen eines einzigen Borkenkäferpaars können also theoretisch 100 Fichten töten.

Die einzige Möglichkeit, den Borkenkäfer zu bekämpfen, ist die sogenannte Bohrmehlsuche. Wenn sich die Käfer in eine Fichtenrinde bohren, dann rieselt braunes Bohrmehl an den Fuß des Stammes hinunter. »Der Waldbesitzer muss nach dem Bohrmehl suchen«, erklärt der Forstoberrat. Er empfiehlt, vor allem an Sturmorten, rund um bereits befallene Bäume sowie an sonnigen Waldrändern nachzusehen.

Befallene Fichten gehören innerhalb von drei bis vier Wochen gefällt und abtransportiert – »entweder direkt in ein Sägewerk oder mindestens 500 Meter vom nächsten Wald entfernt«, so Madl, um eine weitere Ausbreitung der Schädlinge zu verhindern. Eine Alternative sei es, so der Experte, die befallenen Bäume im Wald zu entrinden oder zu spritzen. »Die Käfer müssen in jedem Fall getötet werden.«

Die rund 15 000 Waldbesitzer im Kreis Traunstein sind per Gesetz dazu verpflichtet, befallene Fichten aus dem Wald zu bringen. Wer das nicht macht, für den kann es teuer werden. »Wenn wirklich gar nichts mehr hilft, dann schicken wir ein Forstunternehmen vorbei, das die befallenen Fichten aus dem Wald holt«, so Madl. Die Rechnung zahlt dann natürlich der Waldbesitzer. Der Forstoberrat mahnt außerdem, die Bohrmehlsuche etwa alle drei Wochen zu wiederholen.

Wer glaubt, dass der Borkenkäfer ein Problem der Moderne ist, der liegt falsch. »Der Borkenkäfer ist ein uraltes Problem«, weiß der Abteilungsleiter. Davon zeuge unter anderem die Holzkirchener Kerzenwallfahrt zum Bogenberg (Landkreis Straubing-Bogen). Die Holzkirchener legten vor über 500 Jahren ein Gelübde ab, dass sie der Muttergottes jedes Jahr auf dem Bogenberg ein Kerzenopfer darbringen. Damals wütete der Borkenkäfer in den Wäldern rund um Holzkirchen und gefährdete mit dem Absterben der Bäume eine wichtige Existenzgrundlage der Bevölkerung. Bis heute erfüllen die Holzkirchener treu ihr Gelübde: Erst am vergangenen Wochenende pilgerten sie wieder auf den Bogenberg.

Rund die Hälfte aller Bäume in den Wäldern sind Fichten

Das »Problem Borkenkäfer« ist auch deshalb so groß, weil in den vergangenen Jahrhunderten der Anteil der Fichte in den Wäldern durch den Menschen künstlich erhöht worden ist. Rund die Hälfte aller Bäume, die in den heimischen Wäldern stehen, sind Fichten – und das, obwohl der Baum eigentlich in deutlich kälteren Gegenden, in Nordamerika, Skandinavien oder Russland, heimisch ist. Ihre Umsiedlung hatte wirtschaftliche Gründe: »Keine andere Baumart wächst so schnell wie die Fichte«, erklärt Madl.

Jetzt ist die Baumart vom Borkenkäfer bedroht. Ein Blick auf die interaktive Risikogebietskarte auf der Internetseite der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft zeigt: Die beiden Borkenkäferarten Buchdrucker und Kupferstecher sind auf dem Vormarsch. Im nördlichen Landkreis Traunstein gilt seit Donnerstag die rote Gefährdungsstufe. Aktiviert hat sie Wolfgang Madl. Er tauscht sich ständig mit seinen Revierleitern aus und weiß so, wie die Situation draußen in den Wäldern ist.

Was schlimmstenfalls passieren könnte? »Das, was im Bayerischen Wald passiert ist«, sagt der Forstoberrat. Dort sind Mitte der 1990er Jahre etwa am Lusen weite Teile des alten Bergfichtenwalds dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. san

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