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»Die Bösen sind schon da«

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Kokain
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Foto: dpa / Symbolbild

Traunstein – Angeblich völlig ahnungslos war ein 53-jähriger albanischer Lkw-Fahrer über eine brisante Zusatzfracht, als er auf der Autobahn 8 in eine Schwerlastkontrolle geriet. In seinem Sattelauflieger entdeckten Polizeibeamte in einer Tasche neun kaffeepäckchengroße Tüten mit insgesamt über neun Kilogramm Kokain mit einem Endverkaufswert von rund 1,2 Millionen Euro. Der am 14. Juli 2016 nahe Bad Feilnbach festgenommene Angeklagte präsentierte am Landgericht Traunstein sechs Stunden lang fantasievolle Ausreden, ehe er sich zu einem Geständnis durchrang. Der Prozess wird fortgesetzt.


Der 53-Jährige verfügt über einschlägige Erfahrung. Vor einigen Jahren übernahm er an der albanischen Grenze mit einem Zugfahrzeug einen verschlossenen Anhänger. Was er vorgeblich nicht wusste: In dem Auflieger befanden sich knapp 500 Kilogramm Haschisch, die er zur nächsten Grenze schaffte. Monate später wurde er in Albanien festgenommen und wieder freigelassen. Auch in Kroatien und in Mazedonien klickten die Handschellen, gefolgt von Untersuchungshaft. In Mazedonien und Albanien wurde er zu jeweils zwölf Jahren Gefängnis verdonnert. Der Oberste Gerichtshof hob das albanische Urteil zuletzt auf – weil man nicht zweimal für die gleiche Tat bestraft werden kann. Von dem mazedonischen Urteil saß er gerade mal drei Jahre ab.

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»Rauschgift wurde in den Lastwagen geschmuggelt«

Die jetzt angeklagte Fahrt startete der 53-Jährige in Albanien mit einer Ladung Melonen für Kroatien. Von dort aus fuhr er ohne Ladung die 1600 Kilometer nach Belgien, wo er einen Peugeot und ein weiteres Auto übernahm, dazu Reifen, Farbeimer und andere Teile. Ein Belgier bat ihn nach seiner Aussage, einen Umweg über Holland zu machen. An einer Tankstelle warteten drei Personen. Der 53-Jährige behauptete stundenlang, einer der Holländer habe ihm ohne sein Wissen das Rauschgift in den Lastwagen geschmuggelt. Der Angeklagte bekam ein Handy und fuhr los. Das Telefon klingelte unterwegs mehrmals. Vor München erkundigte sich der Niederländer noch, wo der Lkw inzwischen sei.

Auf der A 8 München-Salzburg überholte ein Streifenfahrzeug den Lastwagen und signalisierte, zu folgen und die Autobahn zu verlassen. Der 53-Jährige fuhr hinterher zum Parkplatz Eulenauer Filz nahe Bad Feilnbach. Aus irgendwelchen Gründen landete er an der Leitplanke. Die Frontscheibe ging zu Bruch. Während der Bergungsaktion erreichte den 53-Jährige angeblich ein Anruf des Niederländers mit der Information, in Holland habe jemand »einen Fehler gemacht« und auf den Lkw »ein Paket mit Drogen« gepackt. »Wo war die Wundertüte?«, wollte Richter Dr. Jürgen Zenkel wissen. Der Angeklagte antwortete, der Holländer habe vom Sattelauflieger gesprochen. Als er die Fahrzeugtür geöffnet habe, um persönliche Dinge herauszuholen, sei die ihm unbekannte Tasche einfach so am Boden gestanden.

Polizeibeamte mehrerer Dienststellen und andere Zeugen bestätigten indes die Version der Anklage von Staatsanwalt Martin Unterreiner. Feuerwehrleute sahen, wie der 53-Jährige mit Gepäck in der Hand mehrmals auf die Autobahn rannte. »Die ganze Situation war komisch – die Art der Ladung, das Verhalten des Fahrers, seine Lenkzeitverstöße«, meinte ein Polizeizeuge. Ein Kollege fand die besagte Tasche in einer abgedeckten »Keulenmulde«. Ein Drogenhund schlug im Auflieger, dem darin befindlichen Peugeot und im Führerhaus an.

Angeklagter hat vor Hinterleuten Angst

Viele Male versuchte Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim seinen Mandanten angesichts der erdrückenden Beweislage und mit Blick auf eine niedrigere Strafe zu einem Geständnis zu bewegen. Erst nach vielen Stunden fasste sich der 53-Jährige ein Herz. Er ließ seinen Verteidiger erklären, die Hinterleute des Drogentransports seien »nicht ungefährlich«: »Sie würden sich sonst mit solchen Mengen nicht befassen.« Mit dem Belgier habe der Angeklagte, der sich selbstständig machen wollte und dazu einen eigenen Lkw benötigte, schon des Öfteren zu tun gehabt. Der Belgier, dessen Namen er nicht wisse, habe ihn nach Holland geschickt. Dort werde man ihm bezüglich eines neuen Lastwagens helfen. An der Tankstelle sei das Rauschgift in dem Peugeot platziert worden.

Als »Neuer« sei er während der Fahrt nach Süden beobachtet worden. Das zeige eine SMS seines Mandanten: »Holt mich ab. Die Bösen sind schon da.« Nach dem Unfall habe der Angeklagte vergeblich versucht, die Tasche loszuwerden und sie schließlich in der Keulenmulde versteckt. »Ich hatte Angst, Herr Richter. Der Staatsanwalt hat Allah ins Spiel gebracht. Allah wünscht auch, die Wahrheit zu hören. Ich hätte schon am Morgen alles sagen müssen. Es tut mir Leid, dass diese Sache in Deutschland passiert ist«, fügte der 53-Jährige an. kd