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»Die Angst steckt immer noch in ihr«

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Traunstein – Wegen des sexuellen Missbrauchs seiner zu Beginn erst zehn Jahre alten Stieftochter muss ein 50-jähriger Angeklagter fünf Jahre ins Gefängnis. Die Jugendschutzkammer am Landgericht Traunstein befand den lediglich teilgeständigen Täter gestern des 176-fachen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen, davon in zehn Fällen des schweren Missbrauchs, überführt. »Das ausführlich Gute-Nacht-Sagen mit Kraulen und Streicheln erweiterte der 50-Jährige in unzulässiger, strafbarer Weise«, konstatierte das Gericht.


In der Urteilsbegründung betonte der Vorsitzende Richter Dr. Klaus Weidmann: »Der Angeklagte hat sich durch anfangs aktiv engagierte Zuwendung das Vertrauen der Kinder erworben. Dadurch kannte er auch das Alter der Kinder.« Der Hintergrund dieser Anmerkung: Der 50-Jährige hatte sich nicht nur an dem inzwischen 16-jährigen Hauptopfer vergangen, sondern auch dessen jüngere und ältere Schwestern in sexueller Weise begrapscht. Diese Vorwürfe wurden allerdings im Vorfeld des jetzigen Verfahrens mit Blick auf die Schwere der Taten an dem mittleren Kind vorläufig eingestellt.

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16-Jährige noch immer in therapeutischer Behandlung

Die Schuldfähigkeit des Angeklagten war laut Weidmann durch den angegebenen Alkoholkonsum in keiner Weise beeinträchtigt. Die Folgen der Übergriffe für die Jugendliche und ihre Familie waren erheblich. Die 16-Jährige lebt derzeit in einer Pflegefamilie, ist noch immer in therapeutischer Behandlung, leidet an einer Anpassungsstörung und möglicherweise Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie Gutachter attestierten. Dr. Weidmann wörtlich: »Die Angst steckt immer noch in ihr. Sie kann zum Beispiel nicht allein mit einem Mann in einem Auto fahren.« Die übrigen Familienmitglieder, auch die Mutter der Kinder, benötigten ebenfalls stationäre psychotherapeutische Hilfe.

Bei den positiven Aspekten erwähnte Dr. Weidmann das vorstrafenfreie Leben des Angeklagten und sein Teilgeständnis. Im »letzten Wort« habe er angegeben, dass ihm alles leidtue. Andererseits seien die Länge und der Aufwand des Verfahrens zu sehen. Wegen des anfänglichen Leugnens habe ein Glaubwürdigkeitsgutachten angefertigt werden müssen. In dem Prozess habe sich der 50-Jährige aber kooperativ gezeigt: »Er war einverstanden mit Abspielen der Videovernehmung des Kindes, hat keinen Antrag auf ergänzende Vernehmung gestellt. Damit hat er dem Mädchen eine Re-Traumatisierung erspart.« Weiter habe der Angeklagte keine körperliche Gewalt ausgeübt, »nur« emotionalen Druck erzeugt durch den Satz: »Das darfst du niemand erzählen. Sonst komme ich in den Knast.« Wenn sich das Kind bestimmten Praktiken widersetzt habe, habe der Stiefvater dies akzeptiert.

Auch das Vertrauen der Mutter missbraucht

An die Spitze der strafschärfenden Argumente rückte der Vorsitzende Richter »die Vielzahl der Taten, die sich über einen langen Zeitraum gesteigert haben«. Das Kind sei anfangs deutlich unter dem Schutzalter von 14 Jahren gewesen. Außerdem habe der Angeklagte »das Vertrauen, auch der Mutter, missbraucht«, habe er doch die Erziehung der Kinder von der Mutter übertragen bekommen.

Ein besonders negativer Umstand sei: »Er hat das Kind nicht nur durch die Knast-Äußerung unter Druck gesetzt. Er hat sogar das Einverständnis der Mutter mit dem Missbrauch vorgetäuscht. Damit hat er das Koordinatensystem des Kindes, seine Orientierung, völlig gestört. Ein Kind muss wissen, worauf es sich verlassen kann. Das war einer der Kernpunkte dieses Verfahrens, dass das seelische Gleichgewicht des Opfers so gestört wurde.« Das Verhalten des missbrauchten Kindes in dem Polizeivideo habe »Bände gesprochen«. Seine Aussage habe große Detailqualität an den Tag gelegt. Wie die Sachverständige in dem Glaubhaftigkeitsgutachten habe auch das Gericht dem Opfer vollen Glauben geschenkt.

Staatsanwältin Dr. Kerstin Spiess hatte auf sechs Jahre Haft plädiert. Ein Zitat ihrer Mandantin hatte Manuela Denneborg als Vertreterin der Nebenklage zur Ahndung des Missbrauchs vorgebracht: »Ne bisschen hohe Strafe, weil er auch die kleine Schwester angefasst hat und der kleine Bruder sich Vorwürfe macht, seine Schwestern nicht beschützt zu haben«. Verteidiger, Andreas Grabmann aus Rosenheim, hatte keinen bezifferten Antrag zur Höhe der Strafe gestellt. Er ließ gestern offen, ob das Urteil der Jugendschutzkammer per Revision angefochten wird. kd