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Die A 8 ist ihr Wohnzimmer

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Polizeikommissar Andreas Witzleben (links) und seine Kollegin, Polizeihauptmeisterin Evi Bauer kontrollieren an der A 8 einen jungen Mann aus Bosnien-Herzegowina. Nach welchem Muster die Schleierfahnder kontrollieren, basiert aus einer Mischung von Erfahrung und Bauchgefühl. (Foto: Wannisch)

Piding – 5.45 Uhr: Polizeikommissar Andreas Witzleben steht mit einem Kollegen der Nachtschicht in der Zentrale der Polizeiinspektion Fahndung in Piding. Die Beamten tauschen sich darüber aus, was in der Nachtschicht passiert ist, welche Aufgaben von der Frühschicht noch bearbeitet werden müssen und ob es aktuelle Fahndungsaufrufe gibt, die für die Streifen relevant sind.


Es war eine ruhige Nacht, kaum relevante Vorkommnisse. Zwei Schleuser gingen den Schleierfahndern ins Netz, sie sitzen jetzt zusammen mit den illegal Eingereisten – darunter eine Mutter mit zwei Kindern – in den Zellen auf der Dienststelle der Fahnder in Piding/Urwies.

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6.45 Uhr: Noch ist es dunkel an diesem Herbstmorgen, frische sieben Grad zeigt das Thermometer. Der Himmel ist klar. Für Witzleben – sportliche Statur, Jeans, rote Jacke und Turnschuhe – und seine Kollegin, Polizeihauptmeisterin Evi Bauer, geht es auf Streife. Die Autobahn 8 zwischen Piding und dem Bernauer Berg ist »unser Wohnzimmer«, wie Bauer es formuliert. Hier kennen sie jeden Streckenkilometer auswendig.

Die schwere BMW-Limousine der Schleierfahnder lässt sich im fließenden Morgenverkehr Richtung München treiben. Was ein Dienstauto der Fahnder können muss? »Vor allem schnell sein«, sagt der Kommissar. Routiniert überprüfen die beiden Beamten im Vorbeifahren Autokennzeichen. Kontinuierlich ist das leise Piepsen des Laptops – im Fachjargon Carpad genannt – zu hören, in den Bauer Kennzeichen zur Überprüfung eintippt. In der europäischen Datenbank »Eucaris« wird überprüft, ob etwa ein Fahrzeug als gestohlen gemeldet oder zur Fahndung ausgeschrieben ist. Auch gibt es Auskunft über den Halter. Für ungeübte Augen ist im Zwielicht der Morgendämmerung bei Tempo 120 kaum ein Unterschied zwischen den einzelnen Nummerntafeln auszumachen. Doch die beiden 34-jährigen Beamten wissen, wonach sie Ausschau halten. Hauptsächlich Autos und Kleintransporter mit österreichischen oder südosteuropäischen Zulassungen.

Taktik: Bauchgefühl und Erfahrung

6.55 Uhr: Plötzlich gibt Witzleben Gas und verfolgt einen schwarzen VW Golf mit bosnischem Kennzeichen. Warum gerade dieses Auto ihre Aufmerksamkeit erregt? »Es ist die Kombination aus Bauchgefühl und Erfahrung«, sagt der Polizist, ohne sich genauer in die Karten schauen zu lassen. Als sich der Wagen der Schleierfahnder vor den Golf gesetzt hat, leuchtet im Fond der Schriftzug »Polizei, bitte folgen« auf; zudem gibt Evi Bauer mit der Kelle dem Fahrer des bosnischen Wagens zu verstehen, den Fahndern nachzufahren.

Auf einem Standstreifen an der Ausfahrt Neukirchen wird der Wagen kontrolliert. Andreas Witzleben nähert sich der Fahrertür, zückt seinen Dienstausweis und befragt den Fahrer. Währenddessen wirft Evi Bauer, die mit ihren über 1,80 Metern eine große physische Präsenz ausstrahlt, einen Blick in den Wagen und den Kofferraum.

Die beiden Männer sind nach eigenen Angaben auf dem Weg nach Dortmund, um einen Lastwagen abzuholen. »Lkw-Dantler«, bestätigt Witzleben die Tätigkeit der beiden Männer. Die zahlreichen Stempel in den Ausweisen decken sich mit der Geschichte. Alles unverdächtig, die beiden Männer dürfen weiterfahren.

Gefälschte Urkunden, Pässe, Dokumente oder Markenwaren, Autoschieber, Drogenkuriere, Personen, die sich illegal in Deutschland aufhalten oder illegal nach Deutschland geschmuggelt werden, und Eigentumsdelikte – diese Straftaten sollen die Schleierfahnder aufdecken oder vereiteln. Für das bayerische Innenministerium sind sie daher das Mittel, um grenzüberschreitende Kriminalität zu bekämpfen.

Verdachtsunabhängige Kontrollen sind erlaubt

Gegner der Schleierfahndung werfen den Fahndern dagegen sogenanntes Racial Profiling vor. Da es zu ihren Aufgaben gehört, den internationalen Reiseverkehr zu kontrollieren, sei es wenig Erfolg versprechend für die Fahndungsarbeit, sich auf heimische Autofahrer zu konzentrieren, sagt Bauer zur Taktik der Fahnder. Eine Identitätsüberprüfung ist jederzeit möglich. Das Gesetz erlaubt es den Schleierfahndern zudem, verdachtsunabhängig – also ohne konkreten Grund – zu kontrollieren. »Natürlich findet jede Kontrolle unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit statt«, betont die Polizeihauptmeisterin.

Seit zwölf Jahren sind die Autobahnen und Bundesstraßen im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich das Revier der beiden Beamten. Normaler Polizeidienst sei für sie nie in Frage gekommen. »Wir suchen uns unsere Kundschaft selbst«, nennt Witzleben einen der Vorzüge bei der Tätigkeit als Schleierfahnder. »Die menschlichen Dramen, denen Schutzpolizisten ausgesetzt sind, kennen wir in unserem Arbeitsalltag«, sagt Bauer. Zudem sei es ein Job »am Puls der Zeit«. Ständig ändern sich Taktik, Verstecke und Ware der Schmuggler. Das zwingt die Fahnder, sich immer auf dem Laufenden zu halten.

9.10 Uhr: So spannend sich ihre Arbeit auf den ersten Blick präsentiert – wer Schleierfahnder ist, braucht auch gutes Sitzfleisch. Um den Reiseverkehr Richtung Salzburg zu beobachten, steht der Wagen dieses Mal an der Ausfahrt Neukirchen – oft stundenlang. An diesem Vormittag ist es ruhig. Bisher ergaben die überprüften Kennzeichen und die Kontrollen keinen nennenswerten Treffer.

Die Schleierfahnder sind durchaus einem gewissen Erfolgsdruck ausgesetzt. »Es wird schon drauf geachtet, dass hier niemand spazieren fährt«, sagt Witzleben. Obwohl die Einheiten der bayerischen Schleierfahnder nach Angaben des Innenministeriums jährlich Zehntausende Aufgriffe machen, ist ihre Tätigkeit umstritten. Kritisiert wird das schwer abzuschätzende Verhältnis von Aufwand und Nutzen. »Mal trifft man, mal trifft man nicht«, sagt Bauer dazu.

Trotz Kritik: Gibt Erfolg den Fahndern Recht?

Die beiden Fahnder lässt diese Diskussion kalt. Der Erfolg gebe ihnen immer wieder Recht. So gelang es Bauer 2013, mehrere regionale Fälle von Geldautomatenbetrug – so genanntes Skimming – aufzuklären. Bei einer Kontrolle gingen ihr nicht nur die bereits zur Fahndung ausgeschriebenen Täter ins Netz, sondern sie fand in dem Auto – gut versteckt – auch die dazu nötige Technik. Der durch das Skimming verursachte Gesamtschaden hatte sich damals auf mehr als 50 000 Euro belaufen.

11.55 Uhr: Kurz vor Ende der Frühschicht gerät ein Golf mit Wiener Zulassung ins Visier der Schleierfahnder. Im Wagen sitzen gut erkennbar zwei Männer aus Ostafrika. Gerade als die Schleierfahnder den Golf eingeholt haben, schiebt sich vor das österreichische Fahrzeug ein anderes Auto, in dessen Hutablage der bekannte Schriftzug »Polizei, bitte folgen« aufleuchtet. Dieses Mal waren Bundespolizisten schneller – ein Umstand, der häufiger vorkommt und die Schleierfahnder ärgert. Schließlich ist die A 8 hinter der Landesgrenze »unser Wohnzimmer«. Verena Wannisch

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