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Der »Zeitungs-Robert« von Traunstein

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Robert Jenke und sein Bauchladen gehörten in der Nachkriegszeit zum Stadtbild Traunsteins.

Traunstein – Eine spannende Reise in die Lebenswelt vergangener Jahrhunderte bietet das neu erschienene Jahrbuch des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein. Der Schwerpunkt des Bandes liegt diesmal auf Traunsteiner Persönlichkeiten, auf deren Spuren sich Albert Rosenegger und Christian Focke begeben haben.


Viele alteingesessene Traunsteiner erinnern sich wahrscheinlich noch an den »Zeitungs-Robert«, der über viele Jahrzehnte zum Stadtbild gehörte, und dessen Biographie heute stellvertretend für unzählige seiner Zeitgenossen der Kriegsgeneration steht: Als Soldat im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet und aus seiner Heimat Schlesien vertrieben, landet Robert Jenke, Jahrgang 1911, in Traunstein, wo er sich in den kargen Jahren der Nachkriegszeit mit viel Fleiß und Entbehrung eine neue Existenz aufbaut.

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Vom Hausmeister zum rasenden Zeitungs-Robert

Zuerst als Hausmeister und Kellner, danach macht Jenke sich mit einem Bauchladen selbstständig und tourt in der Region auf Jahrmärkten und Festen. Arbeit von früh bis spät, oft sogar bis tief in die Nacht und am Ende trotzdem nur so viel Geld in der Kasse, dass es gerade mal zum Überleben reicht, prägen den Alltag des gebürtigen Schlesiers, der dazu noch an den Folgen einer Kriegsverletzung leidet.

Ab 1952 verkauft Jenke, der in der Traunsteiner Au ein Zuhause gefunden hat, neben Süßigkeiten und Tabakwaren dann auch Zeitungen – was ihm schließlich seinen Spitznamen »Zeitungs-Robert« einbringt. »Der Robert rennt buchstäblich in jede Ecke der Stadt – von den Lokalen am Stadtplatz zum Bahnhof, von dort über den Sailerkeller zum Gasthof Haidforst, hinauf zur Weinleite und wieder zurück über den Hirschen zum Botenwirt, das Vereinshaus, den Friedlwirt, das Gasthaus Sametz, das Rinnerstüberl und weiter zum Stürzer, zum Rührgartner und ins Park-Café und manchmal sogar bis zum Angerbauerhof – und das alles zu Fuß«, beschreibt Christian Focke den Arbeitsalltag des rasenden Zeitungsboten, seinen Großonkel.

Mit Traunsteiner Persönlichkeiten befasst sich auch der Beitrag von Kreisarchivar Albert Rosenegger, der die Geschichten der 41 steinernen Epitaphen an der Außenmauer der ehemaligen Friedhofskirche St. Georg und Katharina erforscht. Hinter der Tafel Hanns Distlers, der 1639 als erster auf dem damals neuen Friedhof begraben wurde, verbirgt sich etwa eine Familiengeschichte, die sich um den Streit ums liebe Geld dreht.

Eine schillernde Persönlichkeit war auch Pfarrer Josef Osterhamer. Der in Hart geborene Geistliche entpuppte sich als streitbarer Patriot, dem alles Preußische zutiefst zuwider war, und womit er auch in der Öffentlichkeit nicht hinter dem Berg hielt. 1872 musste der streitbare Wahl-Traunsteiner wegen Beleidigung des Deutschen Kaisers sogar zwei Monate in Festungshaft verbringen. Den Wortlaut der Inschriften ergänzt Albert Roseneggers Arbeit. fb

Das Jahrbuch 2016 ist im Buchhandel und in der Geschäftsstelle des Traunsteiner Tagblatts an der Marienstraße erhältlich.