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Der »VW-Hans« wird heute 90 Jahre alt

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Seinen 90. Geburtstag feiert heute der Traunsteiner Hans Osenstätter. Unser Foto zeigt ihn vor der Almhütte vor seinem Haus auf der Wartberghöhe, die er selbst gebaut hat.

Traunstein. Seinen 90. Geburtstag feiert Hans Osenstätter am heutigen Mittwoch. Der »VW-Hans« war viele Jahrzehnte weit über die Stadtgrenzen hinaus als Kfz-Händler bekannt, ehe er sich mit 70 Jahren aus der Firma zurückzog. Darüber hinaus engagierte er sich als »Bürgermeister« der Ludwigstraße und Mitglied in zahlreichen Vereinen.


Geboren wurde er am 25. September 1923 in Traunstein. 1930 wurde er in die Volksschule an der Rosenheimer Straße (heute Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule) eingeschult. »Wir waren damals 100 Kinder in zwei Klassen«, erinnert er sich. Im Betrieb seines Vaters begann er 1938 die Lehre als Automechaniker, die er nach dreieinhalb Jahren mit der Gesellenprüfung mit zweimal »gut« abschloss.

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Viel Glück während des Krieges

Nach der Gesellenprüfung wurde er gleich zur »Kfz 7« der Wehrmacht in München eingezogen. Kurze Zeit später kam er zur Gebirgsartillerie und wurde als Kraftfahrer nach Rostow in Russland versetzt. Es war eine bespannte Einheit, bei der die 10,5-Zentimeter-Geschütze noch mit Pferden gezogen wurden. Als Kommandeursfahrer war er der einzige Autofahrer in der Einheit. Mit einer Vorausabteilung wurde er in den Kaukasus verlegt. Dort hatte er das Glück, als Kommandeursfahrer am militärischen Alltag nicht teilnehmen zu müssen, da er immer in Bereitschaft sein musste, um seinen Chef zu fahren. Nachdem er beim Kuban-Rückzug, wo er den Traunsteiner Toni Münch traf, seinen Opel Kadett im Schlamm verloren geben musste, kam er zu den Funkern, bei denen er einen weiteren Traunsteiner traf: den inzwischen verstorbenen Dietmar Binder, der in Traunstein lange als Hausarzt praktizierte.

Am Kuban-Brückenkopf erkrankte Osenstätter am Fleckfieber und hatte abermals Glück: Mit einer Ju 52 (»Tante Ju«) wurde er auf die Halbinsel Krim ausgeflogen. So blieb ihm der verlustreiche Rückzug erspart. Im Lazarett auf der Krim gab es für ihn keine Medizin mehr – ein Sanitäter riet ihm, Krim-Sekt zu trinken. »Der Krim-Sekt hat mich wirklich geheilt«, so Osenstätter. Zur weiteren Genesung kam er in ein Lazarett in Zakopane in Polen.

Nach kurzem Aufenthalt in Garmisch wurde er wieder nach Russland abgestellt. In Rostow kam er zum ersten Mal mit der Automarke VW in Berührung. Er musste den Motor eines VW-Kübelwagens reparieren. Gegen Kriegsende erfolgte der Rückzug über Rumänien und Ungarn in die Tschechoslowakei. Dort wurde er von Partisanen an die Wand gestellt. »Als mir der Anführer seine Pistole auf die Brust setzte, hatte ich nur den einzigen Wunsch, dass meine Eltern erfahren sollen, dass ich tot bin«. Doch der Bürgermeister des Orts erklärte den Partisanen unmissverständlich, dass er bestimme, wer erschossen werde.

Osenstätter wurde mit anderen »Reichsdeutschen« und Österreichern von den Russen in einem Schulhaus gefangen gehalten. Ihnen sagte er, er sei Johann Osenstätter aus Wals bei Salzburg. Das war sein Glück, denn die »Reichsdeutschen« wurden von den Russen mitgenommen, die Österreicher freigelassen. In Zivilkleidern machte er sich mit dem Zug und dann zu Fuß auf den Weg nach Brünn. Dabei kam ihm eine Marschkolonne mit rund 10 000 Kriegsgefangenen der 4. Gebirgsdivision entgegen. Unter ihnen war auch Anderl Hächer aus Bergen, der ihm zurief – hätten die Russen das bemerkt, wäre seine Tarnung als Österreicher aufgeflogen.

Am 27. Mai war er endlich wieder in Bayern. Beim Wirt in Lauter bekam er neben einer Brotzeit sogar noch ein Fahrrad, um nach Traunstein fahren zu können. Kurze Zeit später wurde er von der amerikanischen Militärverwaltung in Bad Reichenhall offiziell als Soldat entlassen.

Aufbau des Betriebs

Mit seinen Brüdern Karl und Peter richtete er die Werkstatt und Tankstelle an der Ludwigstraße her. 1947 wurde ihnen ein VW-Werkstättenvertrag angeboten. Auflage war allerdings, eine Halle an der Pensionatsstraße zu bauen. Zwei Jahre später hatten die Brüder den begehrten Vertrag. Auch durften sie die ersten VW verkaufen. Osenstätter verkaufte gleich sechs Stück, obwohl ihm nur drei zur Verfügung standen. Seine Kunden mussten mit der Auslieferung ein Jahr warten. 1950 bekam die Firma einen VW-Händlervertrag und Osenstätter übernahm den Verkauf. Kunden waren zunächst Ärzte, Pfarrer und Geschäftsleute. Nachdem der Betrieb immer größer und der Platz an der Pensionatsstraße immer enger wurde, wurde ein Grundstück an der Wegscheid erworben. 1976 wurde dort die Werkstatt eröffnet. In einem zweiten Bauabschnitt folgte 1979 der Verkauf. Osenstätter wurde Verkaufsleiter für Neu- und Gebrauchtfahrzeuge. Als Mitinhaber arbeitete er bis zu seinem 70. Lebensjahr voll mit.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit war Osenstätter 23 Jahre lang auch »Bürgermeister der Ludwigstraße«. Die Ludwigstraßler sorgen bis heute für die Weihnachtsbeleuchtung und veranstalteten Ausflüge. In der Stadt bekannt wurden sie durch das Ludwigstraßlerfest, dessen Erlös dem Heimathaus und dem Georgiverein zugute kam.

Seinen 90. Geburtstag feiert er bei guter Gesundheit – vier Schlaganfälle und einen Herzinfarkt hat er relativ glimpflich überstanden. Er geht jede Woche in die Sauna und ins Thermalbad in Bad Endorf und trifft sich jeden Montag mit Freunden zum Schafkopfen. Damit auch andere etwas von seinem Glück abbekommen, verzichtet er auf Geschenke, sondern bittet um einen Obolus für die Traunsteiner Tafel. Das Traunsteiner Tagblatt wünscht ihm weiterhin viel Glück. Bjr

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