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Der selbst erfüllende Werbespruch »Zeit für Dich«

Warum sich mit dem Auto stressen, wenn man mit dem Bayernticket für 22 Euro nach München und zurück fahren kann! Und den Termin um drei im Landwirtschaftsministerium schaffe ich leicht, wenn ich um 20 nach 12 losfahre.

In der Traunsteiner Bahnhofhalle schaffe ich es sogar mit Hilfe einer jungen Frau, dass der Automat nach nur wenigen Fehlversuchen das gewünschte Ticket anzeigt. Erleichtert zücke ich einen 50er und schiebe ihn in den Schlitz für die Scheine. Doch er kommt sofort unten wieder raus – ich kann ihn drehen und wenden wie ich will. Aha, der Automat nimmt nur Fünfer, Zehner und Zwanziger. Also ab zum Wechseln. Am Schalter warten viele Menschen, also gehe ich in den Backshop in der Hoffnung, dass die mir weiterhelfen. Doch die Verkäuferin, die gerade einem Kunden Geld herausgeben will, ist am Verzweifeln: Die Kasse geht nicht auf.

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Deshalb versuche ich es nun im Zeitschriftenladen. Da tippt mir von hinten ein freundlicher Herr auf die Schultern mit zwei Zwanzigern und einem Zehner in der Hand. Er hat mich offenbar beobachtet und wechselt mir den Fünfziger. Der Automat nimmt jedoch weder den einen noch den anderen Zwanziger und den Zehner ebenso wenig. Der gute Mann wird mir doch nicht etwa Falschgeld angedreht haben?! Der Verdacht wird im Keim erstickt, als mir ein anderer Bahnkunde anbietet, es mit einem Zwanziger von ihm zu versuchen. Denn: Der Automat streikt weiter.

Langsam pressiert's. Ich gehe an den Schalter und berichte, dass der Automat defekt ist. Am Schalter kostet das Ticket um zwei Euro mehr. Aber bevor ich den Zug verpasse... »Sie können eh erst mit dem um 12 Uhr 44 fahren, weil das Bayernticket nur für diese Zugkategorie gilt. Probieren s' halt den Automaten am Bahnsteig«, rät mir die Dame.

Es funktioniert und ich habe das ersehnte Ticket in der Hand. Mit dem Regionalexpress um 12.44 Uhr werde ich auch noch pünktlich sein. Eine halbe Stunde auf und ab gehen auf dem Bahnsteig: da kann man über dies und das nachdenken. »Zeit für mich«, denke ich zufrieden. Es ist 12.44 und durch den Lautsprecher kommt eine Durchsage. Ich verstehe sie nicht; vielleicht stehe ich ungünstig. Aber meine Frau rät mir schon seit längerem zu einem Hörgerät.

Um mich herum ein paar Dutzend Schulkinder: »Was hat er gesagt?« Achselzucken. Die haben’s also auch nicht verstanden. Ein junges Mädchen zückt sein Handy und ich höre bloß »Mama, ich komm 20 Minuten später«. Das also war die Durchsage. Und jetzt erscheint sie auch am Schriftband: 15 Minuten Verspätung. Haben die das erst um 12.44 Uhr gewusst, als sie festgestellt haben, dass der Zug nicht einfährt? Ich überlege, ob ich in die Tiefgarage gehe und mit dem Auto fahre, um wirklich pünktlich bei meinem Termin zu sein. Aber auch mit einer Viertelstunde Zugverspätung bin ich noch locker in der Zeit. Also bleibe ich.

Die neue Abfahrtszeit 12.59 Uhr verstreicht. Bis dahin braust ein Güterzug durch und die Schüler fahren mit einem Regionalzug davon, der in Rosenheim endet.

13.09 Uhr: wieder eine Durchsage. Jetzt hat der Zug 30 Minuten Verspätung. Zur regulären Abfahrtszeit oder ab jetzt?, frage ich mich. Es dauert nicht so lange: Um 13.18 Uhr fährt der Regionalexpress ein, gezogen von einer weiß-blau lackierten Lok mit der Aufschrift »Bahnland Bayern – Zeit für Dich« – wie treffend!

Vielleicht holt er ja bis München ein paar Minuten der Verspätung auf, denke ich. Wie naiv! Spätestens in Prien merke ich, wie dumm der Gedanke war. Wir stehen auf Gleis 1a und in den nächsten acht Minuten brausen zwei Schnellzüge vorbei, denen wir im Weg waren. Kurz vor Rosenheim die Durchsage: Wir haben 42 Minuten Verspätung. Zum Termin werde ich nicht pünktlich kommen. Hätte ich doch nur das Auto genommen! Ich versuche mich zu entspannen und tröste mich mit der sarkastischen Feststellung, dass die Beinfreiheit im Zug viel größer ist als in einem Flieger. Und auch der Slogan auf der Lok »Zeit für Dich« bekommt langsam einen Sinn.

Kurz vor München erfahren die Reisenden, dass sie gleich an der Endstation sein werden und Anschluss nach Oberstdorf, Passau und Lübeck haben. Wie tröstlich! Lübeck…

Warum eigentlich sind Züge immer dann nicht pünktlich, wenn ich alle heiligen Zeiten einmal beschließe, das Auto stehen zu lassen? Gestern las ich in der Zeitung, dass bald ein neuer Betreiber die Strecke nach München bedienen wird. Es fehle zwar noch an Zügen und Personal. Aber ich bin optimistisch: Recht viel schlechter kann’s ja wirklich nicht mehr werden.