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Der Schuhabdruck im Kompost

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Der 21-jährige Ex-Soldat äußert sich bisher nicht zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Er soll in der Nacht des WM-Finales einen 72-jährigen Rentner ermordet und eine damals 17-Jährige lebensbedrohlich verletzt haben. (Foto: dpa)

Traunstein – Als »Nachtwanderer«, der Abenteuerfilme drehe, gab sich der 21-jährige Soldat aus, der sich derzeit wegen Mordes, versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung vor dem Landgericht Traunstein verantworten muss. Währenddessen bemühten sich in Bad Reichenhall gerade Helfer um eine lebensbedrohlich mit Messerstichen verletzte, 17-jährige Auszubildende an der Berchtesgadener Straße. Das berichtete ein Verwaltungsangestellter der Stadt Bad Reichenhall am Mittwoch im Schwurgerichtsprozess der Jugendkammer Traunstein gegen den Ex-Soldaten, der am 14. Juli 2014, in der Nacht des Fußball-WM-Finales, mutmaßlich einen 72-jährigen Rentner ermordete und die junge Frau eine halbe Stunde später lebensgefährlich verletzte.


Der Angestellte war durch die Blaulichter gegen 3.45 Uhr wach geworden. Beim Blick aus dem Fenster bemerkte er auf einer Gartenlaube eine Bewegung. »Jemand saß auf dem Dach. Ich fragte, 'wer bist du?' Er sagte, er heiße Alexander und komme aus Berchtesgaden.« Nach der Vorstellung als »Nachtwanderer« stieg der dunkel gekleidete Unbekannte herunter vom Dach, trat dabei in einen Komposter und lief am Wintergarten des Anwesens vorbei in Richtung Florianiplatz.

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Vor Gericht war sich der Zeuge »zu 60 Prozent sicher«, dass der Angeklagte der nächtliche Besucher war. Er hatte damals die Polizei angerufen, weil er zunächst glaubte, der Mann habe einen Unfall verursacht und sei geflüchtet. Später fanden die Ermittler einen gut sichtbaren Schuhabdruck im Kompost, der genau zu Schuhen des Soldaten in einem Spind in der Hochstaufen-Kaserne passte.

Etwa ein Dutzend früherer Kameraden vernahm das Gericht mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann bereits. Unterm Strich beschrieben sie den in Koblenz gebürtigen Angeklagten als unauffällig und ruhig. Ob er aggressiv oder ausfällig unter Alkohol wurde, fragte die Kammer viele der Zeugen. Deren Angaben wichen voneinander ab, reichten von »nie« bis »oft«. So soll er angetrunken grundlos fremde Leute angerempelt haben. Manchmal machte er Unsinn, inspizierte einmal als selbst ernannter »Kommandant« eine Kaserne mit weiblichen Soldaten.

Aus Sicht eines weiteren Kameraden war der 21-Jährige »ab einem gewissen Punkt nicht mehr berechenbar«. Einer der Zeugen berichtete, in den Tagen nach den Ereignissen in der WM-Nacht habe er mit anderen und dem Angeklagten einen Kurs in Hammelburg absolviert. Der 21-Jährige habe sich »völlig normal« benommen. Nichts habe darauf hingedeutet, dass er mit den Verbrechen in Bad Reichenhall irgendetwas zu tun gehabt habe. Kurz danach hatte sich der damals noch 20-Jährige nach Norwegen abgesetzt, wo er am 5. August 2014 festgenommen und zwei Monate später an die bayerischen Justizbehörden ausgeliefert wurde.

Niemals äußerte er sich in den knapp sechs Monaten seither zu den Vorwürfen von Oberstaatsanwalt Volker Ziegler und Staatsanwalt Björn Pfeifer – weder vor Kripo und Ermittlungsrichter noch vor Sachverständigen oder seinem Verteidiger, Harald Baumgärtl aus Rosenheim. Nur zu seiner Vergangenheit mit schwieriger Kindheit und Jugend in Heimen war im Vorfeld des Prozesses etwas von ihm zu erfahren.

In der Verhandlung schwieg der 21-Jährige bis dato beharrlich. Mit unbewegter Miene, stets gleichem Gesichtsausdruck, ohne sichtbare Emotionen saß er im immer gleichen, blauweiß gemusterten Pullover auf der Anklagebank.

Das eindeutige Gutachten zu dem Schuhabdruck im Kompost ist Teil einer Indizienkette, die für die Täterschaft des Angeklagten spricht. Dazu zählen Blut- und DNA-Spuren an Kleidung und verschiedenen Gegenständen, die Tatwaffe, ein 30 Zentimeter langes Bundeswehr-Kampfmesser, das der Täter wegwarf und das mit Sicherheit vorher in einer Messerscheide steckte, die dem Angeklagten gehörte und die sein Genmaterial trug. Außerdem konnten Spezialisten DNA-Spuren beider Opfer an dem Messer nachweisen, ebenso am Fahrrad der damals 17-Jährigen. Zudem stammte ein bei dem 21-Jährigen gefundener Taschenspiegel eindeutig aus der Handtasche der jungen Frau.

Dazu kommen verschiedene Zeugen. Die inzwischen 18 Jahre alte Auszubildende hat den Angeklagten in dem Prozess schon als den nächtlichen Messerstecher identifiziert. Sie habe ihn am Blick erkannt, so die Nebenklägerin. Mehreren Kameraden gegenüber hatte sich der Angeklagte als »Täter«, als »Mörder« bezeichnet. Eine Gruppe Jugendlicher aus Anger begegnete dem 21-Jährigen, dessen Hände voller Blut waren, dessen Kleidung Blutspritzer aufwies und der sagte: »Ich hab gerade jemand umgebracht.«

Der Prozess geht am morgigen Freitag um 9 Uhr weiter. Bei Einhalten des Zeitplans soll das Urteil am 6. Mai verkündet werden. Als Reservetag steht der 20. Mai zur Verfügung. kd