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Der »Radl-Mayer« wird morgen 100 Jahre alt

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Er feiert am morgigen Sonntag seinen 100. Geburtstag: Hans Mayer, vielen Traunsteinern bekannter als der »Radl-Mayer«, manchen sicher auch als Heimatdichter. (Foto: Hohler)

Traunstein. Auch, wenn er in Grabenstätt geboren wurde, so ist er doch ein Traunsteiner Urgestein: Am morgigen Sonntag feiert Hans Mayer, der einstige »Radl-Mayer«, seinen 100. Geburtstag.


Sein Vater war eigentlich Schmied. Als er das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr machen konnte, gründete er 1913 noch in Grabenstätt sein Fahrradgeschäft, erinnert sich Hans Mayer im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Nach dem Ersten Weltkrieg zog der Vater mit seiner Familie nach Traunstein und eröffnete sein Geschäft an der Scheibenstraße. 1927 wurde das Geschäft an die Schaumburgerstraße verlegt. 1928 begann Hans Mayer die Mechanikerlehre beim Vater, zehn Jahre später bildete er sich bei der Autowerkstätte Ford Eberl in Auto-Elektrik weiter.

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Den Krieg »ohne Verletzung« überlebt

Dass Hans Mayer seinen 100. Geburtstag erleben darf, ist ein Wunder, besonders, wenn man sieht, was er während des Zweiten Weltkrieges durchmachen musste. Es gab kaum eine Front, an der er nicht hätte kämpfen müssen. Nach seiner Einberufung 1939 war er mit den Gebirgstruppen in Polen, Frankreich, Griechenland, auf Kreta, in Russland, in Italien und den Westalpen. Das alles hat er »ohne Verletzungen überstanden«, wie er dankbar auf diese schwere Zeit zurückschaut.

Noch während des Krieges heiratete er in Hechingen seine Frau Helene, die von dort stammte. »Es war eine Kriegshochzeit«, erinnert er sich. Auf die Frage, warum er sich in seine Frau verliebte, lächelt er und sagt: »Es geht ums ganze Wesen.« Nach der Trauung musste er wieder an die Front nach Italien, wo er im Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft geriet. Am 7. Juli 1945 durfte er heim nach Traunstein, im September zog seine Frau aus Hechingen nach Traunstein. 1946 übernahm er die Werkstatt, 1952 das gesamte Radl-Geschäft vom Vater. 1946 wurde auch sein erstes Kind geboren, seine Tochter Johanna, 1947 folgte sein Sohn Wolfgang und 1959 Nachzügler Roland.

Die »oide Hüttn« mit viel Liebe selbst renoviert

1954 kaufte Mayer das Haus am Stadtplatz, in dem er noch heute lebt. »Das war schon immer ein Wohn- und Geschäftshaus«, erinnert sich Claudia Feichtner, eine seiner Enkelinnen, die seine eigenen Aufzeichnungen über sein Leben aufbewahrt. »Das war sein ganzer Stolz, dass sie dieses Haus mit viel Liebe und handwerklichem Geschick selbst renoviert haben«, erklärt sie. Und er ergänzt: »Das war a oide Hüttn.« Im Mai 1955 zog er schließlich auch mit dem Geschäft in den rückwärtigen Teil des Hauses am Maxplatz, in dem heute ein Blumengeschäft ist.

»Auf der anderen Seite war die Drogerie Hiemer drin«, so Claudia Feichtner. »Zu der Familie hat er noch heute ein sehr freundschaftliches Verhältnis, nicht zuletzt über die Schrödlgassler.« Sie sind bis heute Teil seines sozialen Netzes. Das Fahrradgeschäft hat er 1980 an seinen Sohn Wolfgang übergeben, der es inzwischen seinerseits 2004 an seine damaligen Mitarbeiter übergab.

Neben seinem arbeitsreichen Leben im Geschäft spielte für Hans Mayer schon immer der Sport eine große Rolle. »Radln, Schwimmen, Bergtouren und Skifahren«, sagt seine Enkelin. »Am Wochenende waren sie immer gern in der Natur.« Trotz des arbeitsreichen Lebens habe er schon immer sehr viel Wert auf Gesellschaft gelegt. Dazu gehörten etwa die Schrödlgassler, der Historische Verein Traunstein, dem er seit über 50 Jahren angehört, die Feuerwehr Traunstein, später auch Seniorennachmittage und natürlich die Familie: »Das waren immer tolle, große Familienfeiern«, erinnert sich Claudia Feichtner. Denn zur Familie gehören neben ihr und ihren beiden Kindern auch ihre Schwester Bärbel mit zwei Kindern, Wolfgang Mayers Kinder und Enkelin sowie Roland Mayers zwei Töchter. »Für uns als Kinder war es das Höchste, wenn wir im Geschäft spielen oder auf dem Dachboden herumkruschen durften.«

Als seine Frau 2006 ins Seniorenheim umziehen musste, besuchte er sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 zum Teil fast täglich. »Er hat sich wirklich sehr um sie gekümmert.« Selbst aus seiner Wohnung auszuziehen, das kam für ihn bis heute nie infrage. Auch wenn er nicht mehr gut sieht und ein Hörgerät braucht, so ist er doch noch immer sein eigener Herr. »Der Pflegedienst kommt eher zum Nachschauen. Und normalerweise bekommt er sein Essen auf Rädern gebracht, aber am Freitag holt er sich's selbst, denn da gibt's seine Leibspeise, die Dampfnudeln vom Kotter.«

Gedichtband »Ich werd des Schauens nicht mehr müde«

Zu seinen Hobbys gehörte es auch, Gedichte und Sonette in Mundart zu schreiben. »Mim Fünfal schnell zum Kramer laffa, a Tütn Waffebruch dann kaffa, da Bärndreck, der war aa begehrt, weil der zur Schleckerl-Auswahl ghert«, heißt es etwa in seinem Gedicht »Wia i no a Bua war«. 1992 brachte er das Buch »Ich werd des Schauens nicht mehr müde« heraus. Zu besonderen Anlässen dichtet er noch heute gern ein Verserl.

Wie man 100 Jahre alt wird, »da gibt's koa Rezept«, sagt er. »Sparen, sparen, und immer wieder ein Jahr dazu sparen«, ergänzt er. Ob es daran liegt, dass er zu seinem 80. Geburtstag aufgehört hat, zu rauchen, oder am täglichen Mittagsschlaf, den er sich immer gegönnt hat, oder ob es die Tatsache ist, dass er kein Schweinefleisch isst, das ist nicht zweifelsfrei zu klären. Mit Sicherheit aber trägt sein Humor dazu bei. »Er hat den Schalk im Nacken«, sagt Claudia Feichtner, wenn sie das Wesen ihres Opas beschreiben soll. coho