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Der Luchs schafft es nicht allein

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Foto: Symbolbild (dpa)

Wonneberg – Ulrich Wotschikowsky wollte schon fast aufgeben. Der Wildbiologe und Experte für die »großen Beutegreifer« sah kaum noch eine Chance für den Luchs in Bayern und Deutschland.


Zu viele Tiere verschwanden spurlos, wurden gewildert oder vergiftet. Offensichtlich gibt es Menschen, die den Luchs hier nicht haben wollen.

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Um Akzeptanz, um Lebensräume, aber auch um die notwendige genetische Vielfalt ging es bei der Podiumsdiskussion im Gasthaus Alpenblick. Veranstalter war die Regionalgruppe Südostoberbayern des Ökologischen Jagdvereins unter dem Titel »Der Luchs kehrt heim«.

Waldgebiete der Alpen sind »gutes Luchs-Habitat«

Dr. Anja Molinari, Schweizer Zoologin, berichtete von der Ausbreitung des Luchses in ihrer Heimat. Seit 1991 arbeitet sie mit am Luchsprojekt KORA. 52 Prozent der Alpen sind Waldgebiet – »ein gutes Luchs-Habitat«, sagte Molinari. Aber: »Der Luchs braucht keinen Urwald und keine Wildnis.« Er finde sich auch in zersiedelten Lebensräumen zurecht, wenngleich Autobahnen psychologische Barrieren seien. So lebte etwa ein Luchs-Männchen fast ein Jahr im Züricher Stadtwald, weil es dort genug Futter gab. »Rehe, Gams, Rotwild, der Luchs passt sich dem Angebot an, aber er bedient sich gelegentlich auch an Haustieren.«

Probleme gebe es in der West-Schweiz. Dort war der Bestand Ende der 90er Jahre so angestiegen, dass zum Wildern aufgerufen wurde. Es folgten ein Managementplan und die Umsiedlung von Tieren in die Nordost-Schweiz. Insgesamt seien die Schäden aber überschaubar. In Deutschland, Österreich und Italien habe es bisher gar keine Schadensfälle an Haustieren gegeben.

»Der Hauptkonflikt ist der mit der Jagd«, so Molinari. Längerfristig gebe es jedoch Inzucht-Probleme. Und die Tiere verhielten sich nicht immer wie geplant. Kuder (Luchs-Männchen) »Alus« überquerte den Alpenhauptkamm, erreichte im März 2015 den österreichischen Pinzgau und wechselte auch schon mal auf die bayerische Seite. Insgesamt gebe es etwa 650 Nachweise pro Jahr in den Alpen.

24 Tiere lebten zurzeit im Harz, sechs im Pfälzerwald, wo 17 Neuankömmlinge geplant seien. »Umsiedlung in alle Richtungen« sei das richtige Konzept mit dem Ziel einer lebensfähigen Population in allen Teilen der Alpen. Aber das sei eine gesellschaftliche Entscheidung.

Man brauche diesen gesellschaftlichen Konsens, waren sich BN-Kreisvorsitzende Beate Rutkowki und Dr. Daniel Müller einig. Der Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden gestand, er habe sich gefreut, als »Alus« in Bayern auftauchte. Denn hier sei der Schutz des Luchses zu gewährleisten.

Rutkowski erinnerte daran, dass der Luchs einst hier heimisch war. »1897 ist der letzte Luchs in den Alpen erschossen worden. Es muss möglich sein, dass er wieder hier lebt. Aber allein schafft er es nicht, es braucht aktive Projekte.« Nicht zuletzt müsste gegen illegale Luchstötungen mit aller Macht vorgegangen werden.

Mit der Ansiedlung hatte man 1973 im Bayerischen Wald begonnen. »Ich bin zwischenzeitlich frustriert«, gab Ulrich Wotschikowski zu, »es tut sich zu wenig.« Auch der Fachmann für Bär, Wolf und Luchs weiß: »Anders als der Wolf kommt der Luchs nicht von selber.« Alfons Leitenbacher sah die Gefahr, Wolf und Luchs in der öffentlichen Diskussion zu vermischen.

»Der Luchs tut mir nicht weh«

»Der Schutz unserer Tiere ist ein Kostenfaktor«, sagte die Ramsauer Schafbäuerin Renate Aschauer. Sie ist Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Alpines Steinschaf. Sie hat einen Zaun und drei Hunde. Angeschafft hat sie sich diesen Schutz wegen des Fuchses, der sich die frisch geborenen Lämmer holt. Bloß für Schäden vom Fuchs gibt es keine Entschädigung, bei Wolf und Luchs 100 Prozent. Die sagte: »Der Luchs tut mir nicht weh«, was ein anderer ergänzte: »Momentan.«

Molinari entgegnete der Behauptung, die Jagdstrecken würden weniger, so: »Nein: Die Jagdstrecke beim Reh nimmt zu. In Bayern vergleichsweise am meisten.« In der Schweiz hätten die Jäger nach Ansiedlung des Luchses mehr Rehe erlegt als zuvor. Wotschikowsky verstand den Widerstand gegen eine aktive Ansiedlung nicht. »Wir betreiben Aussetzungen von früh bis spät, ob Lachs und Stör, Tanne und Laubbäume, und so weiter …« Eine »Reparatur an der Natur« sei vielfach nötig, weil man sie so »drangsaliert« habe.

Der Nationalpark Berchtesgaden wäre doch ein geeignetes Areal, meinte ein Besucher. »Der Wildbestand würde für ein paar Luchse reichen«, so Dr. Müller, »der Lebensraum aber nur für einen.« Luchskuder bräuchten 50 bis 100 Quadratkilometer und 50 bis 70 Rehe pro Jahr. Diskussionsleiter Dr. Klaus Thiele erinnerte, dass Bayerns Rehwildbestand nach dem Zustand des Waldes beurteilt und bejagt werde, weshalb die ganze Diskussion einen »Hauch von Irrationalität« habe. »Und täglich werden in Deutschland Tausende Rehe totgefahren«, so ein anderer.

Managementplan auf den Prüfstand stellen

»Wer ergreift die Initiative?«, lautete eine Frage aus dem Publikum. Molinari blickte nach Tschechien, Salzburg, Tirol und Vorarlberg, auf »internationale Gremien.« Und schließlich auf Wählerstimmen. Wotschikowky erklärte, dass man in »Vorgesprächen« dabei sei, zu sondieren. Die Arbeitsgemeinschaft Große Beutegreifer wolle den Managementplan, wonach eine aktive Ansiedlung nicht geplant sei, auf den Prüfstand stellen, um genau diese Passage zu kippen.

Wotschikowky unterstellte dem Landesjagdverband, dass dieser eine Wiederansiedlung nicht dulden wolle. Alfons Leitenbacher bedauerte, dass kein Vertreter dieser Jagdorganisation mit am Podium saß. Klaus Thiele vom Veranstalter ÖJV musste auf Nachfrage dazu eingestehen, dort gar nicht angefragt zu haben. höf

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