Der lange Weg zurück zur Normalität: Auch Hausärzte kämpfen mit Impfstoffmangel und ungeliebtem AstraZeneca

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Hausärzte leisten ihren Beitrag zur Impfkampagne, kämpfen aber auch mit Vorbehalten, etwa gegen den Impfstoff von AstraZeneca.

Traunstein – »Vollständig Geimpfte und Genesene bekommen ihre Grundrechte wieder zurück«, »Impfen als Schlüssel zur Normalität«, »Priorisierung für AstraZeneca aufgehoben« – täglich werden wir mit Schlagzeilen wie diesen konfrontiert. Sie nähren die Hoffnung, dass schon bald wieder mehr Normalität möglich ist. Auch wenn die Quote der Erstimpfungen in Deutschland viereinhalb Monate nach Impfbeginn bei über 30 Prozent liegt, warten noch sehr viele auf ihre erste Schutzimpfung – auch bei uns im Landkreis.


Das kennt auch die Allgemeinmedizinerin Eva Greipel aus Traunstein. Seit Ostern verimpft die Hausärztin mit jeder Spritze eine »Dosis Hoffnung«, als die viele Patienten die Schutzimpfung empfinden. Und doch muss sie jede Woche auch Hoffnungen enttäuschen, da es immer noch nicht genügend Impfstoff gibt, um alle zeitnah zu immunisieren. »Seit Ostern hat sich die Liefermenge zwar deutlich verbessert«, beschreibt Greipel die aktuelle Situation. »Anfangs hatten wir eine Flasche Biontech mit sechs Dosen pro Woche.« Inzwischen könne sie in der Regel 24 Dosen Biontech – das entspricht etwa vier Fläschen à sechs Dosen – und 50 Impfdosen des Wirkstoffs von AstraZeneca pro Woche verabreichen. Die Warteliste schrumpft jedoch nicht, im Gegenteil.

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»Wir haben immer rund 100 Patienten auf der Warteliste, inzwischen kommen auch vermehrt Impfwillige zwischen 20 und 70 Jahren, die der Gruppe 3 angehören oder gar keine Priorisierung haben«, sagt die Allgemeinmedizinerin. An die Priorisierung muss sich die Medizinerin nach wie vor halten. Doch Druck und Vehemenz auf die Ärzte nehmen zu.

Vor allem, wenn es um eine Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca geht. Hier erlebt die Ärztin regelmäßig große Skepsis bis unverhohlene Ablehnung. Der Impfstoff des schwedisch-britischen Pharmakonzerns hat in der öffentlichen Wahrnehmung binnen kürzester Zeit eine rasante Talfahrt vom unkomplizierten Heilsbringer zum ungeliebten Stiefkind innerhalb der Corona-Impfstoffe durchgemacht. Völlig zu Unrecht, wie Eva Greipel deutlich macht. Doch die Angst vor einer sehr seltenen Hirnvenenthrombose sitzt bei vielen so tief, dass sie eine Impfung mit AstraZeneca verweigern. Grundsätzlich kann man sich zwar den Impfstoff nicht aussuchen, aber wenn ein Patient diesen nicht will, kann er ihn ablehnen. Das hat gravierende Folgen, auch für den Praxisablauf.

»Wer Astra nicht will, der muss ins Impfzentrum«

Bei den unter 60-Jährigen könne Greipel es noch nachvollziehen, da es hier tatsächlich ein etwas höheres Risiko gibt, eine schwere Nebenwirkung zu bekommen. Bei den über 60-Jährigen fehle ihr aber das Verständnis. »Die Angst bei dieser Patientengruppe ist aus medizinischer Sicht völlig unbegründet«, betont die Hausärztin. Daher ist sie in diesen Fällen inzwischen rigoros: »Wer über 60 ist und eine Impfung mit AstraZeneca ablehnt, den verweise ich ans Impfzentrum, damit er sich dort um einen Termin bemüht.« Denn die Impfstoffe sind rar, ein Aussuchen daher nicht möglich. »Das hat auch mit Solidarität zu tun«, sagt Greipel.

Als ein Hauptproblem neben der in jüngster Vergangenheit völlig schiefgelaufenen Kommunikation in Sachen AstraZeneca sieht Greipel ein mangelndes Verständnis in der Bevölkerung für statistische Wahrscheinlichkeiten. »Was hängen bleibt in den Köpfen, ist das Risiko an sich, aber nicht wie gering es ist.« Meist könne sie die skeptischen Patienten durch ein Aufklärungsgespräch überzeugen. Denn das Risiko für eine schwere Nebenwirkung durch AstraZeneca ist aus Sicht der Ärztin gerade für ältere Patienten äußerst gering.

Die Zahlen sprechen durchaus für sich, wie eine aktuelle Risikobewertung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin zeigt. Bei einer 55-jährigen Person tritt statistisch gesehen nach einer AstraZeneca-Impfung im Verhältnis 4 : 1.000.000 eine schwere Schädigung durch eine Impfnachwirkung auf wie eine Sinusvenenthrombose – also bei vier von einer Million Geimpften. Das Risiko sinkt laut Greipel sogar, je älter die Patienten sind. Bei einer 25-jährigen Person hingegen ist das Risiko fast dreimal so hoch und liegt bei elf von einer Million Geimpften. Als Vergleich dazu: Das Risiko für einen 55-Jährigen bei einem Unfall zu sterben, liegt bei 180 : 1.000.000, bei einem 25-Jährigen bei 110 : 1.000.000. Doch das den Patienten zu vermitteln, kostet Zeit, die ihr für den normalen Praxisalltag fehlt. vew

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der heutigen Samstagsausgabe (8. Mai) des Traunsteiner Tagblatts.

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