»Der Laie kann das kaum unterscheiden«

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Die alpine Variante des Wiesen-Bärenklau, wie sie in höheren Lagen am Hochgern vorkommt. (Fotos: Kattari)

Marquartstein – Wiesen- statt Riesenbärenklau? – Die Verwechslungsgefahr ist groß und die Folgen sind übel. Was hat es mit den Schildern auf dem Hochgern auf sich?


Über Warnschilder, die auf dem Hochgern vor dem Riesen-Bärenklau warnen, berichtete das Traunsteiner Tagblatt vor gut einer Woche. Wie jetzt ein bekannter Biologe aus dem Achental bemerkt hat, handelt es sich bei der Pflanze im Gipfelbereich des Berges nicht um den Riesen- sondern um eine alpine Variante des Wiesen-Bärenklaus. Der Hinweis »Berührung vermeiden« sei dennoch nötig, so Stefan Kattari.

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Wie berichtet, sondert der Riesen-Bärenklau einen Saft ab, der Furanocumarine enthält. Die Haut wird dadurch sehr lichtempfindlich und reagiert – oft mit Verzögerung – mit regelrechten Verbrennungen. Der Wiesen-Bärenklau dagegen, so Kattari, enthalte zwar auch fototoxische Substanzen. Diese lösten jedoch üblicherweise »nur« eine sogenannte Wiesendermatitis mit Hautrötungen aus, keine schweren Brandblasen. Dennoch hält er es für sehr wahrscheinlich, dass die auf dem Hochgern vorkommende Variante diese starken Verbrennungen verursacht.

Dass auf den Warnhinweisen die beiden Pflanzen nach seiner Überzeugung verwechselt wurden, wundert den Diplom-Biologen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Flora im Chiemgau zu kartieren, nicht. Zur Unterscheidung müsse man die Blätter sehr genau anschauen.

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So ist die Situation im Hochgern-Gipfelgebiet: Der Wanderweg ist ein schmaler Steig, in den die Blätter des Wiesen-Bärenklaus hineinragen. Der Wanderer streift diese, ob er will oder nicht. Im Bild Vorstandsmitglieder der DAV-Sektion Achental bei der Erkundung.

Alpine Unterart kommt im unebenen Gelände vor

Kattari hat sich als Naturschutzreferent der DAV-Sektion Achental bereits im Vorjahr die Situation im Gipfelgebiet angesehen. Dass der alpine Wiesen-Bärenklau dort wächst, sei nicht neu. Während der gewöhnliche Wiesen-Bärenklau meist in den Tallagen und auf Almwiesen vorkomme, sei die alpine Unterart in der Regel in den Alpen zu finden – »grob gesagt, ab dort, wo das Gelände nicht mehr eben ist«, so Kattari.

Um sich eine üble Verbrennung zuzuziehen, brauche man die Pflanze nicht einmal bewusst anzufassen. »In dem Bereich ist der Steig so schmal, dass die Blätter hineinragen und man automatisch daran streift«, erklärt er. Und diese Berührung reiche in Verbindung mit Sonnenlicht aus.

Daher sei es sinnvoll gewesen, dass der Bergwachtler Christian Auer vor kurzem die Schilder aufgestellt und die in den Weg ragenden Pflanzen zurückgeschnitten hat. Wanderer, so der Diplom-Biologe, sollten jedoch besser die Finger von irgendwelchen Maßnahmen lassen.

Erstens ist der alpine Wiesen-Bärenklau ja nicht ungefährlich, zweitens könne man leicht aus Versehen eine Heilpflanze erwischen. Der Engelwurz ist dem Bärenklau nämlich sehr ähnlich. Und im Hochgern-Gipfelgebiet kommt auch dieser vor.

»Bei Doldenblütlern muss ich genau hinschauen«

»Der Laie kann das kaum unterscheiden. Bei Doldenblütlern muss sogar ich genau hinschauen«, sagt auch die erfahrene Kräuterpädagogin Anna Prankl. Sie hatte sich nach dem Artikel über den Riesen-Bärenklau an die Redaktion gewandt, weil sie selbst im August auf dem Hochgern war und sich über das große Vorkommen des Engelwurz freute. Und den – statt des beschriebenen Riesen-Bärenklaus – hatte sie auf dem Foto zu dem Artikel auch wiedererkannt. Um auf Nummer sicher zu gehen, ließ sie sich dies von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising bestätigen.

Die Fachfrau aus Höslwang hat nun die Sorge, dass jemand hergeht und der Heilpflanze den Garaus macht – davon überzeugt, es handle sich um eine giftige Pflanze. »Das täte mir von Herzen weh«, erklärt sie.

»Sicheres Erkennen und unterscheiden ist bei Kräutern so wichtig wie bei Schwammerln«, findet die Expertin. Ihre Empfehlung lautet generell: einfach besser die Finger weglassen. »Die Leute müssen doch nicht alles anfassen. Man kann auch nur schauen und    sich an der Schönheit der Pflanze freuen, statt Stängel umzuknicken«, so Prankl. kad

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