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Der Klimawandel verändert die Chiemgauer Almwirtschaft

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Projektleiter Siegfried Steinberger erläuterte das Almweideprojekt und die klimatischen Veränderungen. (Foto: Schick)

Ruhpolding – Strukturänderungen in der bäuerlichen Landwirtschaft, erhöhte Fremdviehbestückung sowie angepasste Auftriebs- und Weidezeiten waren nur einige Themen einer breit gefächerten Agenda bei der Regionalbegehung auf der Haaralm, die der Arbeitskreis Landwirtschaft des Bayerischen Landtags und der Verband der Forstberechtigten im Chiemgau organisiert hatten.


MdL Klaus Steiner (CSU), der seit vielen Jahren die Belange der Almbauern unterstützt, wehrte sich eingangs gegen seiner Meinung nach oft unqualifizierte und an den Haaren herbei gezogene Angriffe des Bunds Naturschutz. Vielmehr seien es die Almbauern, die trotz moderner Maschinen große Herausforderungen meistern müssten und durch ihre Arbeit einen unübersehbaren Beitrag zum Umweltschutz und zum Erhalt der Kulturlandschaft leisten, so Steiner.

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Das seit etwa 60 Jahren bestehende Weiderecht auf Berechtigungsalmen sei nach zahlreichen Verhandlungen in einigen Punkten reformiert worden, hieß es. Auslöser war der fortschreitende Klimawandel, der auch vor höher gelegenen Regionen nicht Halt macht. Daher setze der Graswuchs etwa drei Wochen früher ein – der Futterertrag steige merklich, hieß es.

MdL Angelika Schorer, Vorsitzende des Agrar-Ausschusses im Landtag, und Ministerialrat Robert Morigl vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium erklärten, wie es zu der Neuregelung kam. Sehr kooperationsbereit zeigte sich dabei der Bayerische Staatsforst als Grundbesitzer, denn ohne dessen Zugeständnisse wäre es nicht so weit gekommen, merkte Morigl an.

Vorgesehen sind nun flexiblere Auftriebszeiten unter Einhaltung der Waldgrenzen. Zudem sprach er die künftigen Rahmenbedingungen für den Mitaustrieb von Fremdvieh an. Demnach beträgt der Eigenvieh-Anteil 20 Prozent zum Fremdvieh. Das heißt im Klartext, dass der Landwirt pro einer Vieheinheit zusätzlich vier Fremdtiere auftreiben darf.

Bezirksalmbauer Ludwig Böddecker stellte die Haaralm mit Zahlen vor. So teilt sich die Gesamtfläche nach der Weiderechtsregelung von 2012 auf in 54 Hektar Lichtweide und 17 Hektar Waldweide, die von sechs Almbauern beschickt wird. Früher waren es 19 Berechtigte. Böddecker ließ keinen Zweifel daran, dass solche Ortstermine besten Aufschluss geben über aktuelle Verhältnisse und Besonderheiten, die jeder Alm zu eigen sind. Schließlich ist die Haaralm mit ihren Versuchsflächen ein Vorzeigeprojekt, das in Österreich und sogar in der Belgischen Schweiz für Aufsehen sorgte und auch schon Vorreiter für gezielte Beweidung geworden sei.

Siegfried Steinberger von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), der dieses Projekt seit drei Jahren betreut, zeigte an Schautafeln die klimatischen und strukturellen Veränderungen. Im Zeitraffer führte er die Temperaturschwankungen der letzten 2000 Jahre vor Augen, ebenso wie den drastischen Anstieg seit den 80er Jahren, wo bis heute ein Wärmerekord auf den anderen folgte.

»Am Beispiel der Haaralm sieht man ganz deutlich, wo das Weideversuchsprojekt auf verschiedenen, klar abgezäunten Koppeln mit großem Erfolg durchgeführt wurde«, so Steinberger. So seien Problempflanzen wie Bürstling, Rasenschmile, Wurmfarn und auch die Blaubeere zurückgedrängt worden, sodass eine flächendeckende, gezielte Beweidung habe einsetzen können. Diese wiederum führe zu optimaler Düngeverteilung durch Kot und Harn in der Fläche und sei dadurch aktiver Beitrag zum Umweltschutz.

Positive Folge: das sogenannte lange »Lahnergras«, das wie ein steiles Strohdach wirkt, bleibt aus, Starkregen kann besser in den Boden eindringen. Dadurch verringert sich die Hochwassergefahr im Tal und es kommt weniger zur Erosion, zu Schneebrettern und Lawinenabgängen im Winter.

Grundlegende Voraussetzung war die Installation eines hydraulischen Widders, der nun die Wasserversorgung für das Almvieh und die Kaser sicherstellt. Bei einer Pumpleistung von 11,14 Liter pro Minute befördert er 16 Kubikmeter Wasser pro Tag 214 Meter hinauf zum Haupttank, von wo aus es an die Tränkebecken geleitet wird – und das ohne Strom, nur mit der Schlagventiltechnik.

Genügend Fremdvieh auf die Almweiden zu bekommen, sei allerdings nicht so einfach, so Steinberger. Denn der Prozentsatz der typischen Weidebetriebe in Bayern liege unter zehn Prozent und nicht jeder Bauer im Flachland sei bereit, seine Kühe auf die Alm zu treiben. Er appellierte an die Talbetriebe, das hochwertige Weidefutter der Almen zu nutzen, »…das der Kuh hier direkt ins Maul wächst.« Auch die Haaralm könnte noch etwa 30 Tiere mehr vertragen, um eine optimale Beweidung zu gewährleisten. ls