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Der kleine Jesus machte keine Arbeit

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Noch ein paar finale Pinselstriche für König Melchior: Hobbyrestaurator Klaus Grönke kann sich nach getaner Arbeit jetzt zurücklehnen. (Foto: Schick)

Ruhpolding – »So, jetzt gefällst du mir besser«, atmet Klaus Grönke erleichtert auf und legt den feinen Farbpinsel zufrieden zur Seite. Soeben hat er noch ein paar Korrekturen im Gesicht von Melchior, einem der Heiligen Drei Könige, vorgenommen.


Die etwa 40 Zentimeter große, orientalische Gestalt ist jedoch nicht die einzige Figur, die Hobbymaler Grönke in den vergangenen Monaten in mühevoller Detailarbeit restaurierte: das gesamte Krippenensemble im Besitz der evangelischen Pfarrgemeinde befand sich nach 30 Jahren weihnachtlicher Präsentation in einem traurigen Zustand. Heilige Familie, Hirten, Schafe, auch die übrigen »Darsteller« warteten förmlich darauf, dass man sich ihrer annahm. Jedenfalls machte Pfarrer Thomas Schmeckenbecher das Kreuzzeichen, als sich Klaus Grönke aus der Rentnergruppe spontan bereit erklärte, die zeitintensive und Geduld erfordernde Aufgabe zu übernehmen.

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Geduldig zu sein, das hat der 79-jährige Rentner in seinem Berufsleben gelernt. Nach dem Mauerfall arbeitete er als gefragter Verlagsmanager in Halle. »Da prallten Welten aufeinander. Geduld üben gehörte damals zur Tagesordnung«, erinnert sich Grönke an diese Zeit zurück.

Schon im Februar begann er zielstrebig mit seiner Mission. Zunächst befand er sich in der Rolle des Orthopäden. Sozusagen mit »heilenden Händen«. Gliedmaßen an den Figuren aus Pappmache mussten repariert, ausgebessert, geformt oder wieder hergestellt werden. Danach kümmerte er sich darum, den Gesichtern ihren passenden Ausdruck zurückzugeben. Hier kam ihm sein Maltalent zugute, das er seit frühester Jugend, wenngleich auch mit längeren Pausen, ausübt.

Viel Zeit nahmen auch die Gewänder, Kleidungsstücke und Kopfbedeckungen in Anspruch, die gereinigt, geflickt und wieder in Form gebracht werden mussten. Und das alles mit dem Qualitätsanspruch, die Ursprünglichkeit der Figuren zu erhalten.

Bei so viel Zuwendung ist es naheliegend, dass sie alle zu »seinen Kindern« wurden, wie er sagt. Lediglich der kleine Jesus war die einzige Krippenfigur, die all die Jahre ohne Blessuren überstanden hatte.

Um zukünftig weitere Schäden zu vermeiden, bastelte Grönke als Fleißarbeit stabile Aufbewahrungsboxen, in denen die Figuren einzeln oder in kleinen Gruppen bis zu ihrem nächsten Auftritt sicher aufbewahrt werden können. Sogar mit einer Art Sicherheitsgurt für den festen Stand. »Aber ohne Airbag«, betont Grönke schmunzelnd. Das wäre dann doch zu viel technischer Aufwand gewesen.

Beim jetzigen Krippenensemble handelt es sich bereits um die »zweite Schöpfung«, das ein ökumenisches Frauensextett mit viel Leidenschaft vor 30 Jahren bastelte und der evangelischen Gemeinde vermachte. Das Sextett bestand aus jeweils drei Frauen aus beiden Konfessionen. Der erste Figurensatz war ursprünglich für das Ruhpoldinger Heimatmuseum vorgesehen.

Kirchenbesucher müssen sich allerdings noch bis zum Heiligen Abend gedulden, bis die Krippe unter der Kanzel in der Johanneskirche bestaunt werden kann. ls

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