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Der größte Wunsch wäre, die Mama hier zu haben

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Überlebt – völlig erschöpft kam dieses kleine Kind aus Syrien am 11. September am Flughafen Hannover an. Eine viel gefährlichere Flucht übers Meer aus dem Land, in dem ein erbitterter Bürgerkrieg tobt, haben der siebenjährige Aziz (Name geändert) und sein Papa hinter sich, die in Traunstein untergebracht sind. Sie haben den Giftgas-Angriff Mitte August miterlebt. In dem Trubel wurden sie von Aziz' Mutter und Schwester getrennt.

Traunstein. Kaufe ich jetzt die Lauflernschuhe von Elefanten oder doch die von Naturino? Welche Krippe hat denn nun das richtige pädagogische Konzept und kriegt die Kleine zu Weihnachten das heiß ersehnte »Hello-Kitty«-Täschchen oder lieber ein Laufrad? Während die meisten Kinder hierzulande von allem mehr als genug haben, fürchten andere ums nackte Überleben.


Den Giftgasangriff Mitte August miterlebt

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So wie der kleine Aziz (Name von der Redaktion geändert) aus Syrien, der vor zwei Wochen nach Traunstein kam – nach einer langen, gefährlichen Flucht übers Meer mit seinem Papa. Der Siebenjährige war in dem Lager, das mit Giftgas angegriffen wurde, sah und hörte, wie um ihn herum Menschen starben. Und das Schlimmste für ihn persönlich: In dem Trubel wurden seine Mama und seine Schwester von ihm und seinem Papa getrennt.

Anlässlich des heutigen Weltkindertages erinnert der Kinderschutzbund in Traunstein an die UN-Konvention über die Rechte der Kinder wie das Recht auf Schutz, das Recht, sich an Entscheidungen zu beteiligen, das Recht, die eigene Meinung zu sagen, und Grundrechte wie etwa, dass alle Kinder gleich wichtig sind, dass ihre Interessen immer zuallererst zu berücksichtigen sind, dass sie ein Recht haben auf Privatsphäre und darauf, Informationen über ihre Rechte zu bekommen.

Kinder haben ein von den UN verbrieftes Recht auf Schutz

Das Recht auf Schutz gewährt Aziz nun die Regierung von Oberbayern, namentlich das Landratsamt Traunstein, das ihn und seinen Papa in Traunstein untergebracht hat. An Entscheidungen beteiligen und seine Meinung sagen wird er so schnell nicht können. Nicht nur, dass er von dem Geschehen schwer traumatisiert ist, und vorerst einmal vor allem einen geschützten Raum braucht, an dem sein Seelchen Trost und Ruhe findet. Er wird auch erst einmal Deutsch lernen müssen.

Zum Glück gibt es inzwischen den Traunsteiner Arbeitskreis Asyl, dem neben dem Kinderschutzbund Traunstein, Oberbürgermeister Manfred Kösterke und Dritter Bürgermeisterin Waltraud Wiesholer-Niederlöhner etwa der evangelische Pfarrer Sebastian Stahl, zahlreiche weitere Bürger, Verbände, Organisationen und Kirchen angehören. Und jeder hilft, so gut er kann.

Kinderschutzbund war schon vorbereitet und konnte helfen

Der Kinderschutzbund hatte sich bereits vor der Debatte um die Unterbringung von Asylbewerbern mit dem Thema Integration von Zuwanderern befasst. Anhand des EU-Netzwerkprojekts »Interkultureller Dialog« wurde ein runder Tisch gegründet mit dem Ziel, kommunale Vertreter, Behörden, soziale Träger und Einrichtungen, Vereine und Kirchen mit bereits zugewanderten oder neu zuwandernden Menschen in Kontakt zu bringen, um sich über Bedarf und Möglichkeiten auszutauschen.

Als konkretes Projekt ging daraus bereits der Anfang eines ehrenamtlichen Dolmetschernetzwerks hervor. »Eine Kollegin ist Türkin«, erklärt Barbara Kaulfuß vom Kinderschutzbund, daneben gibt es aus den eigenen Reihen Übersetzer in die arabische Sprache und Russisch. Gerade die türkische Kollegin erreiche mit ihrem Wissen um die Kultur in ihrer Heimat viele Familien, die für Kaulfuß und ihre deutschen Kolleginnen so nicht erreichbar gewesen wären, allein aufgrund der kulturellen Unterschiede.

In Arbeit seien bereits Integrationskurse für Zuwanderer, für die die offiziellen Kurse des Landratsamts nicht mehr gelten, etwa Mütter, die schon länger hier leben, aber bisher oft unter den Menschen ihrer Nationalität blieben. »Sie haben oft das Problem, dass sie Deutsch kaum sprechen, aber ihre Kinder in die Schule gehen sollen und Hilfen brauchen«, so Kaulfuß. So gab es etwa den Elternkurs »Starke Eltern – starke Kinder« auch schon in türkischer Sprache. »Das war ein Riesenerfolg.« Nächstes Projekt ist eine »Willkommens-Broschüre« in den verschiedensten Sprachen, in der auch Ansprechpartner für verschiedene Probleme genannt werden.

Innigster Herzenswunsch ist die Umarmung der Mama

Und so kümmert sich neben der Familienpatin des Kinderschutzbunds ein Mitglied des Dolmetschernetzes bereits um die syrischen Asylbewerber, hilft bei der Orientierung in der neuen Heimat, bei Behördengängen und anderen Erledigungen. Unter anderem haben die Helfer des Kinderschutzbundes dank seiner Übersetzung des Berichts von der Flucht aus Syrien den Suchdienst des Roten Kreuzes einschalten können. Vielleicht geht ja auf diesem Weg Aziz' innigster Herzenswunsch, seine Mama und seine Schwester wieder umarmen zu können, auf diesem Wege doch noch in Erfüllung. coho