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»Der Betrug war so einfach, die Ausflüge so schön«

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Traunstein – Ein 30-jähriger IT-Fachmann aus gutem Hause nutzte seine beruflichen Kenntnisse zu massiven Computerbetrügereien – weil er der »Leere im Alltag« entkommen wollte. Er bestellte auf Namen Dritter Ware im Internet und ließ sie sich an Packstationen in ganz Bayern liefern, auch in Marquartstein, Traunreut und Mühldorf. Am Montag quittierte das Schöffengericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott die 38 gewerbsmäßigen Betrugstaten und ein Drogendelikt mit 18 Monaten Haft. Das Gericht hielt den einschlägig Vorbestraften für »nicht mehr bewährungswürdig«.


Auf Rechnung anderer Leute bestellt

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Zwischen Ende 2013 und Mitte September 2014 orderte der in Thüringen geborene, in Landau an der Isar lebende Angeklagte Waren auf Rechnung reell existierender Personen. Dazu legte er Packstationen auf deren Namen an oder verschaffte sich Zugang zu deren Konten. Abholnachrichten leitete er auf sein Handy um. Der 30-Jährige holte die Waren – teure Bekleidung, circa 180 Paar Socken, Nahrungsmittel und Tiernahrung – bei Packstationen in Südostbayern ab, aber auch in Regensburg, Burglengenfeld, Mainburg, Schrobenhausen, München und Garching.

Erst durch Mahnungen für Dinge, die sie weder bestellt noch erhalten hatten, wurden die Opfer auf den Betrug aufmerksam. 41 Fälle lagen dem 30-Jährigen in der Anklageschrift von Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel zur Last, dazu zwei Drogendelikte. Das Schöffengericht stellte einige der Fälle ein. Der Schaden reduzierte sich damit um etwa 800 auf rund 10 700 Euro.

Der Computerspezialist erläuterte seine Masche. Sie basierte darauf, dass DHL-Packstationen aus seiner Sicht »kein stimmiges Sicherheitskonzept« haben: »Missbrauch ist leicht möglich.« Die Online-Händler hätten die Ware gegen – erst einige Tage später eintreffende – Rechnung geschickt. Die Daten der Opfer habe er in einem Internetforum zum Preis von je 10 bis 30 Euro erworben. Für das Einrichten einer Packstation brauche man eine achtstellige Nummer und ein Passwort. Der ursprüngliche Besitzer der Packstation erleichtere Manipulationen durch ein schlechtes, auch für andere Dinge genutztes Passwort.

Der 30-Jährige loggte sich in das DHL-System ein und las die Daten aus. Die Bonitätskontrolle der Online-Händler sei für eine »Person A« gemacht worden, berichtete er. Bei positiver Bonität könne die Lieferung an eine »Person B« mit abweichender Anschrift erfolgen: »Das ist die Sicherheitslücke.« Um an die Ware zu gelangen, benötige man eine zugeschickte Magnetstreifenkarte. Per SMS übermittle DHL eine PIN-Nummer. Die Umleitung der Nachricht aufs eigene Handy sei leicht vorzunehmen. 38 Taten räumte der Angeklagte ein. Für drei Fälle in Marktschwaben sei er jedoch nicht verantwortlich, beteuerte er. Das nahm ihm das Gericht ab und stellte diese Vorwürfe ein.

Auf die Spur des Betrügers führte die Anzeige eines Marquartsteiners. Die Polizeiinspektion Grassau schickte eine Streife zu dessen Packstation. Ein Bürger, der etwas mitbekommen hatte, fotografierte am 19. September 2014 ein verdächtiges Fahrzeug, das jemandem aus der Familie des Angeklagten gehörte. Ein Beamter der Kripo Traunstein betonte vor Gericht, solche Täter seien schwer zu fassen. Wenn die Rechnung eintreffe, seien die Betrüger normalerweise längst weg mit der Ware. Nach weiteren Strafanzeigen und wochenlangen Ermittlungen wanderte der Angeklagte Ende Oktober 2014 in Untersuchungshaft.

»Ich habe das echte Leben ausgelassen«

Zu seinen Motiven führte der 30-Jährige aus, 2011 habe seine ganze Umgebung erfahren, dass er »was ausgefressen« hatte. Die Feuerwehr habe seine Uniform abgeholt. Er habe seinen »inneren Rückhalt« verloren, Langeweile empfunden: »Ich habe mich viel mit Computern beschäftigt, das echte Leben ausgelassen.«

2013 habe er in der elterlichen Firma gearbeitet. Wegen der 16-Stunden-Tage habe er Aufputschmittel genommen, die er übers Internet bezogen habe. Darüber habe er sich wieder für Computer und speziell für Sicherheitslücken interessiert. Das Bestellen von Ware habe ihm »ein kleines Glücksgefühl« vermittelt. »Wenn ich dem Kater was Besonderes spendiert und mir gutes Essen gegönnt habe – das hat die Leere im Alltag gefüllt«, schilderte der 30-Jährige. Durch die teure Bekleidung habe er sich »Anerkennung von außen« erhofft.

Das Abholen der Ware sei jedes Mal »ein schöner Ausflug« gewesen. Mehrmals sei er an den Chiemsee gefahren. Inzwischen habe er viel von dem Schaden wieder gutgemacht. Der Richter fragte: »Wenn sie Geld hatten, warum haben sie das ganze Gelump nicht normal gekauft?« »Der Betrug war so einfach, die Ausflüge so schön«, meinte der 30-Jährige. Dazu Wolfgang Ott: »Sie können auch in Chieming Hilfiger-Hemden kaufen.«

Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel beantragte eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten ohne Bewährung. Verteidigerin Stefanie Mayer aus München plädierte auf ein Jahr und neun Monate mit Bewährung. Das Gericht verwehrte Bewährung ausdrücklich. 24 der 38 Taten seien unter offener Bewährung erfolgt, hob Ott im Urteil heraus. Die Taten seien »noch raffinierter« geworden: »Wären sie nicht zufällig fotografiert worden, hätte man sie wohl nicht erwischt.« kd