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Der Beruhigungsraum ist nur »die absolute Notmaßnahme«

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Die meisten Kinder, die im Wilhelm-Löhe-Heim leben, haben gemütliche Einzelzimmer – fast, als würden sie bei ihren Eltern leben. (Foto: Hohler)

Traunreut – Große Aufregung unter Eltern behinderter Kinder: Nach einem Bericht des Bayerischen Rundfunks über eingesperrte behinderte Kinder hat Sozialministerin Emilia Müller zuletzt Kontrollen in den Wohnheimen angekündigt (wir berichteten auf der Bayern-Seite).


Die Eltern, deren Kinder im Traunreuter Wilhelm-Löhe-Heim leben, können aufatmen. Beim Besuch des Traunsteiner Tagblatts gab es zwar einen Beruhigungsraum, aber »Fixierungen gibt es bei uns nicht«, versicherte Margarete Winnichner, Leiterin der Fachbereiche Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe sowie Ausbildung und Arbeit beim Diakonischen Werk Traunstein, dem Träger des Wilhelm-Löhe-Heims.

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Fixierung ist im Löhe-Heim kein Thema

In den zwölf Wohngruppen des Heims können bis zu 88 Kinder und Jugendliche betreut werden. »Den meisten unserer Bewohner sehen sie äußerlich gar nichts an, da ein Kind mit einer Lernbehinderung optisch nicht von anderen zu unterscheiden ist«, erklärt dazu Monika Möhr-Jundt, Geschäftsbereichsleiterin des Wohnbereichs A. Die richtig schlimmen Fälle seien Sache der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Schon allein deshalb sei Fixierung am Wilhelm-Löhe-Heim kein Thema.

Die meisten Schüler des Wohnheims leben auch in »ganz normalen« Gruppen zu je fünf bis neun Kindern zusammen, alters- und geschlechtsgemischt, bis auf zwei Mädchen-Wohngruppen und eine Gruppe für größere Buben.

Zwei Wohngruppen sind Intensivgruppen mit jeweils höchstens fünf Bewohnern. Im Gegensatz zu den anderen Gruppen sind hier immer zwei Betreuer da, damit im seltenen Ausnahmefall einer das Kind, das gerade in einer extremen Lage ist, beruhigen kann, und der andere sich weiter um die Gruppe kümmern kann. Außerdem gibt es mehr Therapie- und Psychologenstunden als in den anderen Gruppen.

»Hier geht es um Kinder mit frühkindlichen Bindungsstörungen oder Traumata, viele wurden vernachlässigt, haben nicht regelmäßig etwas zu essen gekriegt oder wurden von den Eltern nachts allein gelassen«, erklärt Monika Möhr-Jundt. »Manche haben mehrere Trennungen hinter sich, haben Alkohol- oder Drogenmissbrauch erlebt oder wurden selbst missbraucht.« Auch wenn die Hauptklientel der Kinder im Wilhelm-Löhe-Heim lernbehinderte Kinder sind, so gibt es auch etliche, die nicht kognitiv beeinträchtigt sind, sondern eher Hilfe in der emotionalen oder geistigen Entwicklung brauchen.

»Für die beiden Intensivgruppen haben wir schon einen Ruheraum. Aber ehe da ein Kind hinein kommt, haben wir vorher eine lange Liste an Deeskalationsversuchen abgearbeitet«, erklärt Möhr-Jundt. Und Margarete Winnichner ergänzt: »Wir unterstehen direkt der Heimaufsicht bei der Regierung von Oberbayern. Und da ist das genau geregelt, in welchen Fällen Kinder in den Ruheraum kommen, und das maximal 15 Minuten. Das steht auch alles so im Konzept, das mit der Heimaufsicht abgestimmt ist«.

Der Ruheraum war schon lange kein Thema mehr

Aber auch, wenn die Intensivgruppen zurzeit so gut laufen, dass der Ruheraum schon länger kein Thema war – »wenn uns ein Kind andere angreift, Kinder oder Mitarbeiter, oder das Mobiliar zerstört, und überhaupt nicht anderweitig zu beruhigen ist, da braucht es manchmal den Ruheraum, um die anderen schützen zu können«, so Monika Möhr-Jundt. In extremen Fällen werden auch Sanitäter und Arzt gerufen.

Meist geht dann zunächst ein Mitarbeiter mit in den Ruheraum, möglichst nicht der, mit dem das Kind zuvor einen Konflikt hatte. Nur in ganz seltenen Fällen würden Kinder alleine in den Ruheraum geschickt – und wenn, dann entscheidet darüber im Vier-Augen-Prinzip immer der diensthabende Mitarbeiter. Das Protokoll muss dann Geschäftsbereichs- und der Fachbereichsleitung zur Unterschrift vorgelegt werden. »Wir müssen das unterschreiben und bei der Regierung von Oberbayern vorlegen«, so Margarete Winnichner.

Zur gerichtlichen Abklärung fehle manchmal die Zeit – diese absolute letzte Notmaßnahme müsse rund um die Uhr und schnell möglich sein. »Traumatisierte Kinder können urplötzlich einen Aggressionsdurchbruch erleben, das kann man zuvor selten abschätzen. Da reicht oft ein Geruch oder eine bestimmte Bewegung des Mitarbeiters. Die sind dann sprichwörtlich von Sinnen und nicht mehr bei sich. Und das ist nicht zwangsläufig zu den Dienstzeiten des Gerichts«, so Möhr-Jundt. Aber als erzieherische Maßnahme komme der Ruheraum nicht infrage: »Das ist nicht unser Konzept. Der Ruheraum steht wirklich nur im absoluten Notfall zur Verfügung.«

Kein Kind kommt einfach so in den Ruheraum

Für Kinder, die sich selbst verletzen, kommt der Ruheraum nicht zum Einsatz: »Die kann man ja im akuten Zustand nicht allein lassen, die muss man eher nehmen und umarmen, die brauchen Nähe und nicht Distanz«, so Winnichner. Sie geht davon aus, dass die gerichtliche Abklärung solcher Maßnahmen kommt. »Aber pragmatisch ist das nicht. Und ich habe ja auch meinem Mitarbeiter gegenüber eine Sorgfaltspflicht. Aber wie gesagt, kein Kind kommt einfach mal so in den Ruheraum. Das ist die absolute Ausnahme, das Ende der Fahnenstange« coho