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»Den Winter stehen wir so nicht durch«

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An einem bundesweiten Hilferuf an die Politik hat sich auch die Mutter-Kind-Klinik Chieming beteiligt. Denn ohne Hilfen vom Bund wird es auch hier finanziell bald eng.

Chieming – »Es ist ein Kampf ums Überleben«, sagt Gabriele Letschert. Wie beim ersten Lockdown habe die Politik auch dieses Mal wieder die Mutter-Kind-Kliniken bei den finanziellen Hilfen schlichtweg vergessen. Dabei seien die Mutter-/Vater-Kind-Kuren gerade jetzt für mehrfach belastete Eltern existenziell – so, wie die finanzielle Unterstützung des Staats für die entsprechenden Kliniken.


Während des ersten Lockdowns seien die Eltern-Kind-Kliniken komplett geschlossen, die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt worden. Dank eines Pandemieplans durften die ersten der bundesweit 130 Häuser ab Ende Mai wieder öffnen – mit 20 Prozent weniger Belegung, kleineren Therapie- und Kinderbetreuungsgruppen, erhöhtem Hygienebedarf und eher mehr als weniger Personalaufwand.

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»Jetzt sagen die Mütter reihenweise ab«

»Jetzt im zweiten Lockdown sagen die Mütter reihenweise ab«, so die Prokuristin der Klinik Alpenhof in Chieming, »entweder, weil sie verunsichert sind, oder weil sie tatsächlich ein Kind in Quarantäne haben, selbst Kontaktperson sind – dann dürfen sie natürlich auch gar nicht anreisen.« Da die Kostenzusagen der Gesetzlichen Krankenversicherungen etwas länger gültig seien, verschiebe auch die eine oder andere Mutter ihre Kur ins nächste Jahr.

»Dabei sind die Schäden der ersten Flutwelle aus dem Frühjahr noch nicht beseitigt und wirken weiterhin nach«, sagt Letschert zu den Folgen für die Finanzierung der Kliniken. Der Rettungsschirm, unter dem auch die Eltern-Kind-Kliniken waren, lief Ende September aus.

Und während die Rentenversicherung für ihre Kliniken zur Vorsorge oder Reha Erwachsener (ohne Kinder) bereits die Zusage der weiteren Unterstützung bis Ende März 2021 habe, erhielten die Eltern-Kind-Kliniken keine weiteren Ersatz-Zahlungen für ihre leeren Betten. Der Zuschlag für Patienten im Haus »hilft aber nichts, wenn sie nicht kommen können.«

»Aus dem Problem heraus, dass viele Mütter keine noch so wichtige Reha antraten, weil sie nicht wussten, wohin mit den Kindern, hat sich ja in den 1950er Jahren das Müttergenesungswerk gegründet«, erklärt Letschert. Es betreibe heute rund 70 Kliniken in Deutschland, der Rest sei privat. Aber finanziell bedroht seien alle.

Leidtragende sind meist die Mütter

Leidtragende seien meist die Mütter. »Drei Viertel von ihnen arbeiten 20 oder mehr Stunden in der Woche, kümmern sich um Kinder und Haushalt, mussten jetzt in der Pandemie die Kleinen daheim betreuen, die Größeren unterrichten und haben vielleicht auch noch pflegebedürftige Angehörige daheim«, erklärt Letschert die mehrfache Belastung, der viele Mütter ausgesetzt seien. Völlig zu Recht seien Mutter-Kind-Kuren heute Pflichtleistungen der gesetzlichen Krankenkassen.

»Allein in Chieming sind 120 Mitarbeiter ganz konkret von Kurzarbeit bedroht, wenn das so weitergeht«, sagt Letschert. Dabei habe man dort viele langjährige Mitarbeiter, die sich mit viel Herzblut für ihre Patienten einsetzten. Mit Hilfe der Kurzarbeit wolle man das bewährte Fachpersonal im medizinischen Bereich wie in der Kinderbetreuung unbedingt halten, Entlassungen seien nicht vorgesehen. »Deshalb kämpfen wir auch so hartnäckig für den Erhalt unserer Kliniken. Denn überbrücken können wir das zwar vorerst noch, aber den Winter stehen wir so nicht durch.«

»Uns geht es nicht darum, fette Gewinne zu machen«, sagt Letschert weiter. »Eltern-Kind-Kliniken sind zufrieden mit der schwarzen Null und kleinen Gewinnen. Unserem Gründer ist das eine Herzensangelegenheit«, sagt sie, die bundesweit in fünf Kliniken der »Arbeitsgemeinschaft Eltern & Kind Kliniken« Geschäftsführerin und in sieben weiteren Prokuristin ist.

Insgesamt betrachtet, mache der Eltern-Kind-Kur-Bereich nur 0,02 Prozent des gesamten Gesundheitsbereichs aus. 2019 hätten die gesetzlichen Krankenkassen für Vorsorge und Reha insgesamt 3,68 Milliarden Euro ausgegeben – davon nur 445 Millionen für Eltern-Kind-Kuren.

Bundesregierung muss Hilfen gerecht verteilen

Der gemeinsame Aktionstag der 130 deutschen Kliniken sei – besonders in Bayern – auf gute Resonanz gestoßen. »Besonders der Bayerische Gesundheitsstaatssekretär Klaus Holetschek setzt sich sicher für uns ein. Aber die Finanzierung ist Sache der Bundesregierung.« Diese müsse die Hilfen gerecht verteilen, um die Existenz der Vorsorge- und Rehakliniken für Mütter, Väter und ihre Kinder zu sichern.

Denn die brauchten dringend medizinisch-therapeutische Behandlung sowie pädagogische Förderung, um durch die Folgen der Corona-Krise keine chronischen Gesundheitsschäden zu entwickeln.

»Und ganz ehrlich«, betont Letschert, »wer sieben Milliarden Euro für die Lufthansa übrig hat, der sollte schon auch noch 100 bis 200 Millionen Euro für Mutter-Kind-Kliniken haben und auch hier wie im Bereich der Erwachsenen-Rehabilitation den Rettungsschirm bis Ende März 2021 verlängern.« coho


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