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»Demenz ist nicht gleich das Ende«

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Die Informationsveranstaltung zur Demenz mit Ausstellung und Referat lockte viele Besucher ins evangelische Gemeindezentrum. (Foto: Giesen)

Marquartstein. Dass Alzheimer oder eine andere dementielle Erkrankung im Alter noch lange nicht das Ende zu sein braucht, darüber gab es eine breit angelegte Informationsveranstaltung im evangelischen Gemeindezentrum. Besonders gedacht für den Förderkreis Diakonie der evangelischen Kirche, aber auch für alle anderen Interessierten gab es eine kleine Ausstellung mit anschaulich aufbereiteten Infotafeln und einen Bericht von Beate Hamm.


Hamm ist gerontopsychiatrische Pflegekraft und Bereichsleiterin im Chiemgau-Stift Inzell, eine Einrichtung des Diakonischen Werks Traunstein. Zwei Drittel der dortigen Bewohner sind an Demenz erkrankt. Das Heim unterscheidet sich deutlich von vielen anderen Unterbringungen für Demenzkranke, da die Bewohner in familienähnlichen Gemeinschaften betreut werden, gemeinsam kochen und so weit als möglich sinnvollen Beschäftigungen nachgehen. »Alles, was ein Mensch mit Demenz tut, ist für ihn sinnvoll«, betonte die Referentin. Für den Betreuer, gelte es, zu lernen, seine Sprache zu verstehen und wie man mit dem Kranken kommunizieren könne. Sie erzählte das Beispiel einer Frau, die immer wieder mit Windel auf dem Kopf auf den Gängen des Heims erschienen sei. Erst durch Gespräche mit den Angehörigen erfuhren die Pflegekräfte, dass die Frau früher immer Hüte getragen habe. Da es in ihrem Zimmer dergleichen nicht mehr gab, habe sie zu diesem »Notnagel« gegriffen. Nachdem man der Frau wieder einige Hüte hingelegt habe, sei das Problem ganz schnell gelöst gewesen.

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Hamm beschrieb, wie bei den Erkrankten – oft als »reiner Horror für die Angehörigen« erlebt – erst das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, wie die Menschen langsam die Sprache verlieren und sich immer weiter »nach rückwärts« entwickeln. Was im Laufe des Lebens zuerst gelernt wurde, bleibt am längsten. Am Schluss bleibe nur noch die Gefühlsebene. »Die größten Probleme liegen bei den Angehörigen, weil sie nicht mehr die gewohnte Person vor sich haben«, so Frau Hamm. Wenn die Leute zwar ihren Namen nicht mehr wüssten, so kennen sie oft noch Gedichte und Lieder auswendig. Jeder Mensch müsse individuell gesehen und verstanden werden. »Alles, was mit Gefühlen behaftet ist, bleibt«, so die Referentin. Auf dieser Ebene könne man auch kommunizieren, sodass Demenz für die Betroffenen keineswegs »gleich das Ende« sei. Das Leben der Erkrankten könne noch »spannend, kreativ und wunderschön« sein.

Die Besucher stellten viele Fragen, so nach einer möglichen Prävention der Demenz. Wenn es auch noch keine Medikamente gegen die Krankheit gebe, lediglich am Anfang verzögernde, so sei »gesundes Leben« mit Bewegung und ausgewogener Ernährung sicher hilfreich, erklärte Frau Hamm. An Beispielen erzählten einige Frauen, was sie selbst mit Demenzkranken erlebten, zum Beispiel den oft beobachteten Bewegungsdrang, der zum Krankheitsbild gehört. Die Fachkraft empfahl, die Kranken alles, was sie können, auch tun zu lassen, zum Beispiel sich selber anziehen oder essen, und nicht ohne Not zu füttern. »Wertschätzung und Anerkennung« sei in diesem Stadium genauso wichtig wie vorher, so die gerontopsychiatrische Expertin. Als Hilfen für Angehörige empfahl sie den gerontopsychiatrischen Dienst der Diakonie in Traunstein und Burghausen.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung berichtete Diakon Michael Soergel über die vielfältigen Aktivitäten der Diakonie in Marquartstein. Dem Projekt »Alt werden zu Hause« bleibe die Diakonie treu. Derzeit werden regelmäßig 13 Mittagessen ausgefahren. Von Ehrenamtlichen geleistet werden Besuche im Seniorenheim, Hilfe in Haus und Garten sowie bei der Betreuung von Kindern. Insgesamt gehören dem Förderkreis 37 Mitglieder an.

Der Vorsitzende der Stiftung Diakonie im Achental, Hans-Jürgen Rippler, berichtete von dem wachsenden Bedarf an Spenden für die Diakonie. Es seien erhöhte Kosten durch die Zuzahlungen zur halben Diakonenstelle und durch die Renovierung des Pfarrhauses angefallen. Aus heutiger Sicht sei die Diakonenstelle bis 2015 finanziell gesichert, aber weiter werde an der Sicherung der Stelle gearbeitet. gi