weather-image
25°

»Das war unterste Schublade«

3.0
3.0

Traunstein – Ein 30-Jähriger hatte seine Nachbarn aufs Übelste beleidigt, eine Frau und ihr Kind bedroht und ein Fahrrad demoliert. Zudem war er ohne Führerschein unterwegs und kaufte Marihuana. Nach Anhörung von 14 Zeugen verkündete das Amtsgericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott das Urteil: Acht Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung.


Grinsend, forsch, ironisch kommentierte der zur Tatzeit in einer Gemeinde im nördlichen Landkreis Traunstein lebende Autoschlosser aus Oberösterreich die 15 Anklagepunkte von Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel. Oft sagte er: »Stimmt«, gefolgt von »aber«. Dann rechtfertigte er sich mit: »Ich bin vorher beleidigt worden.« Tief getroffen von den Beschimpfungen durch den 30-Jährigen gaben sich die Zeugen. Ein 77-jähriger Rentner sagte, er sei als »Hitlerjunge«, »Rassist« und »Nazi« betitelt worden. Außerdem habe der Angeklagte zu ihm gesagt, dass er mich verfolgen werde, »bis ich 100 bin«. »Dass das nicht geschieht, dafür werden wir sorgen«, erwiderte Richter Wolfgang Ott.

Anzeige

»Das muss ich mir nicht sagen lassen«

Den gestreckten Mittelfinger bekam eine 68-jährige Rentnerin zu sehen, und außerdem »asozial« und »Arschloch« zu hören. Sie forderte unter Tränen vor Gericht: »Das muss ich mir nicht sagen lassen.« Der Richter gab ihr Recht. Opfer des Angeklagten wurde auch ein 55 und 64 Jahre altes Ehepaar, das er beim Gassigehen mit dem Hund als »Huren« bezeichnete – hörbar in der ganzen Siedlung. Den Sohn nannte der Oberösterreicher »Hurensohn«. Dieser Zeuge bestätigte, dem 30-Jährigen mindestens sechsmal jeweils vier Gramm Marihuana verkauft zu haben. Außerdem war der Oberösterreicher wiederholt mit dem Auto seiner Verlobten unterwegs, obwohl er keinen Führerschein hat.

Die Familienverhältnisse des Angeklagten und seiner schwangeren Verlobten sind schwierig. Das wurde aus Zeugenaussagen deutlich. Die »Schwiegermutter in spe« hatte den Hund ihrer Tochter im etwas entfernt geparkten Auto versteckt – »weil die wieder kein Hundefutter hatten«. Die 22-Jährige merkte das und empörte sich über die »Entführung«. Die 54-Jährige im Zeugenstand: »Dann ist alles ein bisschen eskaliert.« Während sich die Tochter im Wagen befand, fuhr die Mutter langsam an. Der angeleinte Vierbeiner wurde draußen mitgezogen. Der Angeklagte baute sich vor dem Fahrzeug auf. »Auf einmal hat es einen Schepperer getan. Dann schlug er mir die Heckscheibe ein«, schilderte die 54-Jährige. Diesen Tatkomplex stellte das Gericht letztlich ein.

»Er kommt mit sich und der Welt nicht klar«

Nach einem anderen Streit fand ein 35-jähriger Nachbar sein Fahrrad im Keller als »Totalschaden« vor – mit aufgeschlitztem Sattel, abgezwickten Kabeln, Kette und Speichen. Der Zeuge wörtlich über den Angeklagten: »Er kommt mit sich und der Welt nicht klar.«

Von Balkon zu Balkon gingen heftige Schimpftiraden zwischen dem 30-Jährigen und einer 32-jährigen Zeugin. Ausgelöst wurden sie durch Nichtmehrgrüßen nach einem Streit des Angeklagten mit einem Familienmitglied der Zeugin. »Ich hab' natürlich zurückgeschrien«, sagte die Frau vor Gericht. Zur Polizei ging sie, nachdem der 30-Jährige ihr und der kleinen Tochter in obszönen Worten mit sexueller Gewalt drohte. Außerdem ließ er, gut sichtbar für die 32-Jährige, die Hosen herunter und sein nicht erigiertes Genital »im Kreis schwingen«. Nachdem keine sexuellen Absichten im Spiel waren, ließ das Gericht den Vorwurf einer »exhibitionistischen Handlung« fallen. Zur Frage, ob sie eine abfällige Bemerkung über das Glied des 30-Jährigen gemacht habe, sagte die Zeugin: »Das könnte so gewesen sein.«

In der Siedlung ist inzwischen wieder Frieden eingekehrt: Der Angeklagte und seine Lebensgefährtin sind aus der Wohnung geflogen und weggezogen. Richter Wolfgang Ott erteilte einen »väterlichen Rat«: »Sie sollten bemüht sein, mit Ihrer Familie ein normales Verhältnis zu bekommen. Auf Dauer ist das kein Zustand.« Hinsichtlich der Vorstrafen in Österreich und Deutschland fügte er an: »Angehender Vater und Drogen – das beißt sich.« Dazu der 30-Jährige: »Da sind wir durch.«

Dass die Nachbarn »gewisse Angst« hatten, konnte Staatsanwalt Kim-Young Weißschädel im Plädoyer nachvollziehen. Er vermisse bei dem 30-Jährigen jegliches »Unrechtbewusstsein«. Er plädierte auf neun Monate Freiheitsstrafe mit dreijähriger Bewährung.

»Möchte nicht in Ihrer Nachbarschaft wohnen«

»Damit können wir gut leben«, reagierte der ohne Verteidiger angetretene Österreicher. Sämtliche Zeugen seien uneingeschränkt glaubwürdig, hob das Gericht im Urteil hervor. Die »Palette an Beleidigungen« sei sehr reichhaltig gewesen. Außer dem Geständnis spreche nicht viel für den Angeklagten, der sich und seine Freundin als »Opfer« sehe. Ott wörtlich: »So, wie Sie sich aufgeführt haben, möchte ich nicht in Ihrer Nachbarschaft leben. Das war unterste Schublade, an Dummheit und Unverschämtheit nicht zu übertreffen.« Wenn das so weiter gehe, werde die Bewährung widerrufen. kd