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Das Vermögen der Mutter war aufgebraucht

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Traunstein – Ein 58-jähriger früherer Justizvollzugsbeamter soll aus Habgier am 9. Juni 2014 seinen langjährigen Hausarzt und dessen Ehefrau in Aschau erstochen beziehungsweise erschlagen haben. Wegen Doppelmords muss sich der Angeklagte vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verantworten (wir berichteten). Der 58-Jährige hatte die Verbrechen gestanden.


Dass er in Finanznöten war, wovon Oberstaatsanwalt Jürgen Branz in der Anklage ausgeht, wies der Ex-Beamte bei der Verhandlung am Donnerstag erneut zurück. Er behauptete mehrfach, durch seinen Streit mit der Justiz um die Betreuung der Mutter zu den Taten getrieben worden zu sein. Sowohl bei dem getöteten Ehepaar am Pfingstmontag 2014 als auch bei einem Überfall auf eine Mutter und ihre Tochter in Brannenburg am 24. November 2013 hatte der 58-Jährige allerdings gewaltsam EC-Karten samt PIN erbeutet und mehrere Tausend Euro Bargeld abgehoben. In seiner ersten Vernehmung durch die Kripo Rosenheim sprach der in Wolkersdorf bei Traunstein aufgewachsene Angeklagte auch von »Geldnot und 300 000 Euro Schulden.« Wörtlich sagte er zu einem 43-jährigen Ermittler: »Ich hatte Panik und wollte auf die Schnelle Geld. Die Leibrente der Mutter ging mir ab.«

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Der Angeklagte, nach Depressionen dienstunfähig krank geschrieben, ging 1993 in Pension. Seine Mutter hatte ein großes Vermögen mit drei Immobilien, 15 Grundstücken im Raum Traunstein und Bargeld in Millionenhöhe.

Gestern sorgte ein Finanzermittler bei der Kripo Traunstein für mehr Klarheit, zumindest für die letzten drei Jahre. Sein Fazit: Das Einkommen des 58-Jährigen mit etwa 3400 Euro aus Pension und einer Berufsunfähigkeitsrente hat nicht ausgereicht, die Ausgaben zu decken. Der Sohn habe circa 2500 Euro pro Monat von Konten der Mutter entnommen: »Es wurde regelmäßig abgeräumt. Die Konten der Mutter wurden komplett in das Einkommen des Angeklagten einbezogen.« Von den vielen Grundstücken der Mutter sei 2010 nur noch ein Moor-Grundstück übrig geblieben. Erworben worden sei ein Doppelhaus in Brannenburg – auf dem zu Beginn des Jahres 2013 aber schon erhebliche Schulden waren. Permanent seien vom Angeklagten neue Darlehen aufgenommen worden – »um den Lebensunterhalt zu finanzieren«. Zum Schluss habe sein Schuldenstand über 400 000 Euro betragen. Zum Zeitpunkt des Überfalls in Brannenburg sei »kein Geld da gewesen«, antwortete der Finanzfachmann auf Frage des Gerichts.

Über Familienangehörige waren den Behörden 2012 mutmaßliche »finanzielle Unregelmäßigkeiten« durch den Angeklagten zu Ohren gekommen. Das Betreuungsgericht in Rosenheim bestellte am 24. März 2014 anstelle des Sohnes einen 51-jährigen Anwalt aus Prien zum gesetzlichen Betreuer. Dieser war nach seiner gestrigen Aussage »vorgewarnt, dass es Ärger geben könnte«. Das von dem »persönlich schwierigen« 58-Jährigen präsentierte Vermögensverzeichnis sei »nicht vollständig« gewesen. Der Betreuer, der gegen den Sohn inzwischen zivilrechtlich auf Schadensersatz aus Entnahmen von Konten der Mutter von etwa 270 000 Euro klagt, erwähnte gestern einen »wundersamen Geldschwund«. Einmal seien 140 000 Euro von einem Konto bei einer Bank in Traunstein in bar abgehoben worden, dazu seitenweise auf den Kontoauszügen jeweils 1000 Euro in bar. Offen geblieben sei zum Beispiel, wo 165 000 Euro aus einem Grundstücksverkauf blieben.

Eine 57-jährige Zeugin schilderte außerdem, wie der maskierte Angeklagte am 24. November 2013 sie und ihre 87-jährige Mutter in Brannenburg mit einem Messer überfallen hat. Die Frau musste 300 Euro Bargeld, ihre EC-Karte und die PIN herausrücken und aus einer Flasche eine Flüssigkeit mit Schlaftabletten trinken. Gestern wirkte die Zeugin noch sehr betroffen. Sie musste damals 14 Tage ins Krankenhaus und hatte Panikattacken. Inzwischen ist sie umgezogen. Ihre Mutter verstarb im März 2014. kd