Das Vergnügen ging dem Monsignore zu weit

Bildtext einblenden
Hoch her ging es in Ruhpolding meistens am Faschingssonntag, wenn sich wie hier der Faschingszug durch die Straßen wälzte. (Repro: Schick)

Faschingstreiben in den 1950er und 1960er Jahren: »Go-Go-Girls« auf der Kurhausbühne und rauschende Bälle


Ruhpolding – Auch ohne Corona hätte sich heuer im Ruhpoldinger Fasching vermutlich, was größere Veranstaltungen betrifft, sicher nicht so viel getan. Schon in den letzten Jahren war es in der Faschingszeit recht still. Ganz anders sah das in den 1950er und 1960er Jahren aus.

Die »Wetzstoaner« nahmen 1965 das närrische Zepter in die Hand. Mit einem schier unerschöpflichen Ideenreichtum organisierten die rund 55 Mitglieder des umtriebigen Geselligkeitsvereins auf Teufel komm raus alles, um die Ruhpoldinger damals zu mobilisieren: wildeste Faschingshochzeiten, Umzüge zum Derblecken von Lokalpolitikern und dem Dorfgeschehen, bunte Fahnenfeste, maskierte Skispringen, rasante Skijörings und, und, und. Zudem machten sie sich als Herausgeber der berüchtigten Faschingszeitung, dem »Ruhpoldinger Gemeinen Anzeiger« einen Namen.

Nicht zu vergessen das zünftige Wetzstoa-Kranzl, an dem man bis 2019 festhielt. In den 1960er und 1970er Jahren schaukelten sich die Faschingsbälle zu Superlativen hoch, mit erstklassigen Show-Bands wie Ambros Seelos und Ric Gertys, tollen, teilweise waghalsigen Aufführungen sowie bummvollen Sälen, Gaststuben und Tanzparketts, dass die Sohlen grad so rauchten. Brandschutz gehörte damals offenbar noch nicht ins Vokabular. Und warum auch – die Feuerwehrler befanden sich ja selbst unter den Gästen.

Im sicheren Gefühl, ihre Kassen zu füllen, waren es die örtlichen Vereine, die den Faschingsfans Jahr für Jahr diese heiß begehrten Veranstaltungen, auch mit Tombola und anderen Überraschungen boten. Wer um 19 Uhr noch keinen Sitzplatz hatte, um den war's schlecht bestellt. Selbstredend, dass die »Platzhirschen« wie Sportverein, Bergwacht, Skiclub und Motorsportclub das Kurhaus sprengten. Wer davon nicht genug kriegen konnte, der vergnügte sich bei den zahlreichen kleineren Bällen und Faschingskranzln beim altehrwürdigen Neuwirt, in Brand oder weiteren Wirtschaften. Beide Trachtenvereine sind hier zu nennen, besonders das spezielle Weiber- und Dirndl-kranzl der Miesenbacher am Unsinnigen Donnerstag, an dem der maskierte Rollentausch Männlein-Weiblein bis zur Perfektion betrieben wurde.

Ein Garant für zünftige Stimmung war auch immer das Kranzl der Ranggler und Fingerhakler. Dazu noch die vielen Hausbälle, die die Gastronomen zusätzlich für ihre Wintergäste veranstalteten. Überall überboten sich die Faschingsspinner mit originellen und einfallsreichen Masken und Aufführungen. Bis auf eine Ausnahme: Der traditionelle Holzknechtball beim Neuwirt, bei dem der traditionelle »forstgrüne Anzug« und bei den Frauen das Dirndlgwand auf der Garderobenordnung stand. Was aber nichts mit vermeintlicher Maskenmuffelei zu tun hatte, sondern mit »gstandner« Traditionspflege. Dass der überschwänglichen Vergnügungssucht auch mal von geistlicher Seite Einhalt geboten wurde, das musste Mitte der 1960er die Vorstandsriege des Motorsportclubs Ruhpolding erfahren. Grund war ein für damalige Verhältnisse gewagter Striptease, der den ganzen Kurhaussaal unter dem Motto »Eine Nacht in Paris« ins Rotlicht-Milieu entführte. Doch dem strengen Sittenwächter, Monsignore Roman Friesinger, missfiel das Treiben im Wasserzuber dermaßen, dass die drei Hauptverdächtigen den Canossa-Gang hinauf zum Pfarrhof antreten mussten. Dabei wollte man ja nur das geplante Wellenbad auf die Schippe nehmen. Fazit des hochgekochten Eklats, der ausging wie das Hornberger Schießen: Angeblich erteilte der »Monsei« die Absolution in Form einer Halben Bier und die Reuewilligen waren rehabilitiert.

Bildtext einblenden
Foto: Schick

Noch früher, Anfang der 1950er, muss es auch wild und heftig zugegangen sein. So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen in allen Belangen Nachholbedarf und man war froh über ein Stück neue, wiedergewonnene Freiheit und Normalität. Helmut Müller, Jahrgang 1940 und im elterlichen Bauernhof beim »Koaler« in der Schwaig aufgewachsen, kann sich noch gut an die legendären Faschingskranzln bei ihm zu Hause erinnern: »Da waren alle Stuben voll bis unters Dach, sogar die Stiegen dienten als Sitzplatz.« Wegen der von den Amerikanern verhängten Ausgangssperre blieben die meisten über Nacht. »Dafür halfen sie am nächsten Tag bei der Stallarbeit mit«, erzählt Helmut Müller, dem die Geschichten über den Fasching nicht ausgehen. Schließlich schlüpfte er selber mal bei einer Faschingshochzeit ins Brautgewand.

Müller fallen mehrere Männer ein, die damals dem Ruhpoldinger Fasching viele Impulse gaben: Zum einen Bernhard Schweinöster, der Danzer-Bernhard und spätere Hochzeitslader, dann Hans Geierstanger sowie Postbote Georg Kastner (Kastner-Schorsch), der schon allein von Berufs wegen viel Stoff zum Derblecken fand und auch mehrere Faschingszüge mitorganisierte. Nicht zu vergessen der legendäre Zeller-Sepp, Gästeführer, Animateur, Conferencier und Skilehrer, der überall dort zu finden war, wo der Bär brummte und sich nicht scheute, bei Minustemperaturen ein Bad im Dorfbrunnen zu nehmen. Allen vieren muss offenbar der Schalk im Nacken gesessen sein, sonst wäre die Erinnerung an sie nicht so lange wach geblieben.

Sportliches weiß auch Anton Plenk, der Zimmermeister-Toni, vom ersten Skiclub-Ball zu berichten. Weil die deutschen Athleten nach dem Krieg für die Olympischen Winterspiele in St. Moritz gesperrt waren, ahmten die Ruhpoldinger Skisportler einige Disziplinen auf ihre Art nach. Dazu wurde eigens eine waghalsige Bobbahn errichtet, auf der die Faschingsnarren mitten in den Kurhaussaal sausen konnten. Schmunzelnd erzählt der heute 89-Jährige, wie ihn sein Vater (damals Skiclub-Vorsitzender) mit dem Zug über Traunstein und Salzburg nach Bad Reichenhall geschickt hatte, nur um eine originale Eishockey-Ausrüstung für den Ball zu organisieren. »Dass ich fast den ganzen Tag unterwegs war, hat niemand gekümmert, Hauptsache, das Outfit passte«, erinnert sich der Plenk-Toni.

Freilich, je länger Erlebnisse in der Erinnerung zurückliegen, umso mehr besteht die Gefahr, sie über Gebühr zu glorifizieren. Doch hört man aus dem Erzählten eindeutig heraus, dass es trotz der kargen Zeit nach dem Krieg viel mehr Zusammenhalt gab und gesellschaftliche Höhepunkte wie der Fasching von den Menschen förmlich aufgesaugt wurden. ls

Mehr aus der Stadt Traunstein