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Das »Problem« Denkmalschutz

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Bernhard Wurm besitzt in Bergham bei Tittmoning einen imposanten Dreiseithof. Seit er begonnen hat, einen Teil davon zu sanieren, hat er in seinen Augen Unglaubliches erlebt.
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Eine imposante Erscheinung: Der denkmalgeschützte Dreiseithof von Bernhard Wurm in Bergham bei Tittmoning. (Fotos: Schwaiger)

Das größte Weihnachtsgeschenk hat sich Bernhard Wurm praktisch selbst gemacht: Weil er nicht klein beigegeben hat, wird das Landratsamt Traunstein jetzt einen Bußgeldbescheid über 28 000 Euro noch einmal »genau überprüfen«. Landrat Hermann Steinmaßl verspricht: »Bei der Höhe wird es bei Weitem nicht bleiben.« Der Fall zeigt, wie problematisch das Thema Denkmalschutz inzwischen ist.


»Das Denkmal ist vor dem Bauherrn zu schützen.« Bernhard Wurm hat Tränen in den Augen, als er bei einem ersten Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt Anfang Dezember aus dem Bußgeldbescheid des Landratsamts Traunstein vorliest. 28 000 Euro Strafe soll er zahlen, weil er ein Denkmal zerstört hat. Sein Denkmal: einen imposanten Dreiseithof in Bergham bei Tittmoning, der seit über 400 Jahren in Familienbesitz ist und der dem 35-Jährigen seit dem Tod des Vaters vor drei Jahren gehört.

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»Ich bin ja so was von stolz auf den Hof«, sagt der gelernte Industriemechaniker. Und darum ist die hohe Strafe nur die eine Seite. Die andere ist, dass er in den vergangenen beiden Jahren viel Herzblut, Zeit und Geld in die Sanierung des Nordtrakts gesteckt hat, versucht hat, alles für sich, seine Freundin Barbara und die gemeinsame Tochter Sophie so schön wie möglich herzurichten. Und darum ist dieser Satz aus dem Bußgeldbescheid für ihn wie eine Watsch´n mitten ins Gesicht.

Der Dreiseithof von Bernhard Wurm ist einer der größten im nördlichen Landkreis Traunstein. Das augenscheinlich Besondere an dem gewaltigen Bau ist die aufwändig gestaltete Putzfassade. Italiener, die im frühen 20. Jahrhundert beim Bau der Bahnstrecke zwischen Mühldorf und Freilassing halfen, verputzten nebenbei Bauernhäuser – und kamen dabei auch nach Bergham.

Aus der Zeitung vom Denkmalstatus erfahren

Ende 2010 erfuhr die Familie Wurm aus ihrer Tageszeitung, dass ihr »Itakerhof« unter Denkmalschutz steht. Damals war die Erweiterung der Denkmalliste Thema in einer Sitzung des Tittmoninger Stadtrats. Da Bernhard Wurm damals gerade mit dem Gedanken spielte, den Nordtrakt des Hofs für sich und seine Freundin umzubauen, kontaktierte er das Denkmalamt in München, um das Bauvorhaben abzustimmen.

Was er in der Folgezeit alles erlebte, ist etwas, was Bernhard Wurm bis heute nicht begreifen kann. Auf zehn DIN-A4-Seiten hat er inzwischen eine Chronologie der Geschehnisse stichpunktartig zusammengefasst. Angefangen von der Tatsache, dass er neun Angebote für Fenster einholen musste und das Landratsamt diese ein ums andere Mal ablehnte. Weiter dann darüber, dass die Haustüre, die nach Auskunft von Bernhard Wurms Mutter aus dem Jahr 1973 stammt, als »bauzeitlich« und »erhaltenswert« eingestuft wurde. Bis dahin, dass der Bewilligungszeitraum eines 10 000-Euro-Zuschusses vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege viel zu knapp bemessen war; in zweieinhalb Monaten hätte Bernhard Wurm die geförderte Baumaßnahme, den Einbau der Fenster, abzuwickeln sollen. Unmöglich, denn die Schreinerei, die das schließlich genehmigte Angebot erstellt hatte, hätte den Auftrag von Bernhard Wurm aus Zeitmangel erst viel später ausführen können.

Im März diesen Jahres kracht es dann das erste Mal gewaltig: Nach einer Baukontrolle stellt das Landratsamt den Bau ein. Die Vorwürfe sind vielfältig. Der Bauherr, so heißt es, habe mit den Bauarbeiten an der Fassade begonnen, ohne diese mit dem Denkmalamt abzustimmen. »Aber das stimmt nicht, der Putz ist an einer kleinen Stelle durch Frostschäden von alleine heruntergefallen«, erklärt Wurm.

Dann wirft die Behörde dem Hofbesitzer vor, er habe nicht genehmigte Fenster eingebaut. »Das stimmt«, räumt der 35-Jährige ein. Der anbrechende Winter hätte ihn eine andere Schreinerei aufsuchen lassen, die früher Zeit gehabt hätte. »Die Fenster sind aus Holz, sie sind, wie gefordert, zweiflügelig und dreigliedrig«, erklärt der Familienvater. Doch die heute übliche Regenschiene ist den Denkmalschützern ein Dorn im Auge.

»Herr Wurm, das tut hier nichts zur Sache«

Darüber hinaus soll Bernhard Wurm denkmalgeschützte, historische Bausubstanz im Inneren »unwiederbringlich« zerstört haben – Mauern etwa und den Dachstuhl. Der Bauherr betont, dass in den Vorgesprächen von den Mauern und dem Dach nie die Rede gewesen sei und versichert darüber hinaus, dass die Mauern aus den sechziger Jahren gewesen seien und der Dachstuhl aus den Zeiten des Zweiten Weltkriegs. »Das Dach wurde bei einem Brand 1942 zerstört. Beim Wiederaufbau während des Krieges wurden minderwertige Materialien verwendet«, argumentiert Wurm.

Bei einem Treffen Anfang Mai mit Vertretern des Landratsamts und des Denkmalamts auf dem Hof von Bernhard Wurm hat der Bauherr – so empfindet er es zumindest – nicht einmal die Möglichkeit, sich zu erklären. Immer, wenn er sich rechtfertigen habe wollen und zum Beispiel erklären, dass seine Mutter bezeugen könne, dass die Haustür aus dem Jahr 1973 sei, habe der Vertreter vom Denkmalamt in München zu ihm gesagt: »Herr Wurm, das tut hier nichts zur Sache.« Noch heute ärgert er sich über das arrogante Auftreten ihm gegenüber.

Schon da ist klar: Bernhard Wurm wird ein Strafe zahlen müssen. Doch bevor der Hofbesitzer Anfang November den Bußgeldbescheid bekommt, flattern ihm noch weitere Amtsschreiben ins Haus: eines, das dem Nordtrakt den Denkmalstatus aberkennt und damit auch die Förderfähigkeit durch das Denkmalamt, ein zweites, das auch die Förderfähigkeit des Landkreises aberkennt. Und: Die neuerliche Baugenehmigung für den Nordtrakt enthält – trotz Aberkennung des Denkmalstatus – neue Denkmalschutzauflagen.

Nächtelang habe er nicht mehr schlafen können, denkt Bernhard Wurm an die Zeit Anfang November zurück. Ärger, Wut, Verzweiflung – es brodelt in ihm. Dann entschließt er sich noch einmal zu kämpfen: »Ich habe mir keinen anderen Ausweg mehr gewusst, als mich an die Öffentlichkeit zu wenden«, sagt Bernhard Wurm. Er schreibt nicht nur an Landrat Hermann Steinmaßl und die heimischen Bundestags- und Landtagsabgeordneten, sondern wendet sich auch an heimische Medien.

Ein letzter Kraftakt, der sich auszahlt: In zwei Gesprächen vor wenigen Tagen versichert Landrat Hermann Steinmaßl zuerst ihm und später auch den von Wurm kontaktierten Journalisten der Heimatzeitung, dass »wir uns den Bußgeldbescheid vom Grundsatz und von der Höhe her nochmal anschauen werden«. »Bei der Höhe wird es bei Weitem nicht bleiben«, verspricht er.

Landratsamtssprecher Roman Schneider räumt bei dem Gespräch ein: »Da hat sich was hochgeschaukelt auf beiden Seiten, und das ist dann ungut ausgegangen.« So ähnlich formuliert es auch Steinmaßl – »und dann ist das Kind in den Brunnen gefallen«, schließt er. Auch Kreisbaumeister Rupert Seeholzer nickt, als der frühere Landtagsabgeordnete Roland Richter – er hatte sich gemeinsam mit den Journalisten Wurm helfend zur Seite gestellt – feststellt, dass »Fehler passiert sind«.

»Er weiß, dass er auch gesündigt hat«, sagt Hermann Steinmaßl etwa mit Blick auf die falsch eingebauten Fenster. Aber der Landkreis-Chef betont auch, dass er Bernhard Wurm glaube, wenn er etwa versichere, dass der abgebrochene Dachstuhl nicht historisch war. Tatsächlich hatte nie einer der Behördenvertreter den alten Dachstuhl inspiziert. Was im Fall Wurm problematisch gewesen sei, betont Kreisbaumeister Seeholzer, sei, dass der Bauherr keinen denkmalerfahrenen Architekten zur Hand gehabt habe. »Das ist in so einem Fall enorm wichtig.«

Treffen für alle, die Probleme mit Denkmalschutz haben

Was es jetzt auch noch zu klären gilt, ist, ob es bei der Aberkennung des Denkmalstatus des Nordtrakts bleibt. »Das werden wir noch einmal prüfen«, sagt Steinmaßl. Er macht gar keinen Hehl daraus, dass auch er nicht glücklich mit der Umsetzung des Denkmalschutzgesetzes ist: »Das ist wie eine Mini-Enteignung, da brauchen wir nicht darüber reden.«

Bernhard Wurm traut sich immer noch nicht richtig aufzuatmen. »Ich weiß ja immer noch nicht, wie es letztlich für mich ausgehen wird«, sagt er vorsichtig. Er hofft natürlich, dass die Strafe so gering wie möglich ausfallen wird. Schließlich fehlt ihm sonst vielleicht das Geld für die Sanierung der Fassade; rund 35 000 Euro soll ihn die kosten. Wenigstens kommt er im Inneren ganz gut vorwärts: »Wir wollen im nächsten Frühjahr einziehen«, verkündet der Familienvater.

Wovon er auf keinen Fall mehr abzubringen ist: Er initiiert ein Treffen unter dem Titel »Gerechter Denkmalschutz im Landkreis Traunstein« am Freitag um 20 Uhr im Gasthaus Michlwirt in Palling. Via Zeitungsannoncen hatte er den Kontakt zu anderen gesucht, die auch Probleme mit dem Denkmalschutz haben. Knapp 20 Leute haben sich bislang gemeldet. »Ich glaube, ich habe da was losgetreten«, sagt Bernhard Wurm und stellt abschließend fest: »Eigentlich ist es doch so, dass der Bauherr vor dem Denkmalschutz geschützt gehört, damit er das Denkmal schützen kann (siehe Kasten). Sandra Schwaiger