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Das Opfer hatte Todesangst

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Traunstein – Jahrelanges Auf und Ab in der Beziehung mit Trennungen, Versöhnungen und Stalking samt Kontaktverbot gipfelte in der Vergewaltigung einer 40-jährigen Frau aus Burghausen durch den Ex-Freund, einen 43 Jahre alten Bauingenieur aus München. Gestern verurteilte die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs den Täter wegen besonders schwerer Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von sechseinhalb Jahren. Das Opfer musste gestern nicht mehr über die Schreckensnacht am 14. Oktober 2015 berichten, hatte doch der Angeklagte ein volles Geständnis über seinen Verteidiger abgelegt.


Der Angeklagte hatte die Frau im Frühjahr 1994 kennengelernt. Beide studierten in München und Würzburg, ehe sie sich 2001 erneut in München niederließen. Sie arbeitete im Staatsdienst, er als Immobilienmakler. 2005 bekam das Paar eine Tochter, fünf Jahre später zog die Familie nach Burghausen. Gestern meinte der Bauingenieur: »Ich wollte heiraten, sie nicht.« Trotz mehrfacher Trennungen riss der Kontakt nie ganz ab. Gestern meinte der Angeklagte: »Ich hatte Schwierigkeiten loszulassen.«

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Der 43-Jährige verließ das Haus endgültig im Herbst 2014, bombardierte die Frau jedoch mit Telefonanrufen, E-Mails und SMS – nach seinen Worten »aus ständiger Eifersucht«. Immer wieder tauchte er bei der 40-Jährigen auf. Die Frau erwirkte im April 2015 beim Amtsgericht Mühldorf ein Kontaktverbot – an das sich der frühere Lebensgefährte nicht hielt. Gespräche der Polizei mit dem Stalker fruchteten nicht. Als er ihr etwa 14 Tage vor der Tat wieder auflauerte, entdeckte er, dass ihr Auto nicht verschlossen war. Darin fand er ihren Hausschlüssel, den er nachmachen ließ und mit dessen Hilfe er am 14. Oktober 2015 in das Haus eindrang.

Angeklagter legte ein volles Geständnis ab

Was passierte an jenem Tag, dazu sagte der 43-Jährige nichts. Er ließ seinen Verteidiger, Jörg Zürner aus Mühldorf, die Vorwürfe von Staatsanwältin Veronika Gnadl in allen Punkten bestätigen, also gewaltsamen Geschlechtsverkehr gegen den Willen der 40-Jährigen unter Drohung mit einem griffbereiten Fleischermesser. Gemäß Anklage hatte sich die Geschädigte schlafen gelegt. Als sie wach wurde, lag der 43-Jährige neben ihr im Bett und drückte ihr einen mit Chloroform getränkten Lappen ins Gesicht. Die 40-Jährige blieb bei Bewusstsein, erlitt aber Atemnot und Schwindelgefühle. Als sie sich wehrte und schreien wollte, brachte sie der Täter brutal zum Schweigen: Er steckte ihr mehrere Finger in den Mund. Das verursachte massive Verletzungen bis tief in den gesamten Mund-Rachen-Raum – wie sie weder ein Kripobeamter aus Mühldorf noch der rechtsmedizinische Sachverständige, Professor Dr. Fritz Priemer aus Wonneberg, je vorher gesehen hatten. Der Gutachter wies an Opfer wie Täter Spuren eines heftigen Kampfgeschehens nach. Die Angaben der 40-Jährigen über den Tatablauf hätten sich mit seinen Befunden gedeckt, betonte Professor Priemer.

Die 40-Jährige leistete damals intensive Gegenwehr. Ihr Ex-Freund bedrohte sie mehrmals mit dem Tod. Mit Hilfe des Messers erzwang er dann den Geschlechtsverkehr mit der verletzten und geschockten Frau. Irgendwann gelang ihr die Flucht durch ein Fenster mit Sprung auf die Garage.

Gegen 0.33 Uhr in jener Nacht ging bei der Einsatzzentrale im Polizeipräsidium Oberbayern Süd ein Notruf ein. Eine Nachbarin des Opfers schilderte, die 40-Jährige sitze hilfeschreiend auf dem Garagendach. Polizeibeamte brachten die verletzte Frau in Sicherheit, der Angeklagte ließ sich vor dem Haus widerstandslos festnehmen. Die Geschädigte musste die ersten Tage stationär in einer Fachklinik verbringen. Eine Traumatherapie folgte. Noch heute fühlt sie sich »emotional wie betäubt«, leidet unter Ängsten. Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, gelangte zu voller Schuldfähigkeit.

Richter: Kein »minderschwerer Fall«

Ein »minderschwerer Fall« der Vergewaltigung kam nach Staatsanwältin Veronika Gnadl nicht in Betracht, vor allem wegen der brutalen Vorgehensweise und der massiven Gewaltanwendung. Sieben Jahre Freiheitsstrafe seien angemessen. Opferanwalt Erhard Frank aus Burghausen schloss sich an. Verteidiger Jörg Zürner aus Mühldorf hob heraus, das Geständnis erleichtere der Geschädigten die Aufarbeitung des Geschehens. Der Angeklagte habe sich zu 3000 Euro Schmerzensgeld und einem Kontaktverbot nach Haftende verpflichtet. All das rechtfertige einen minderschweren Fall und eine Strafe von dreieinhalb Jahren.

Richter Fuchs verneinte einen minderschweren Fall: »In der Gesamtschau hatte die Tat eindeutig Bestrafungscharakter.« Der 43-Jährige sei brutal vorgegangen, habe große Angst und Schrecken hervorgerufen. Ein Geständnis habe er zwar abgelegt, aber zum Kerngeschehen, zum Motiv selbst nichts erklärt. kd