weather-image
23°

Das Miteinander stand im Fokus

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Der katholische Pfarrer Peter Bergmaier (links) überreicht seinem evangelischen Amtsbruder, Pfarrer Rudolf Scheller, eine kunstvolle Festtagskerze. (Foto: vom Dorp)

Übersee – Einen ganzen Tag lang haben die evangelischen Kirchengemeinden Übersee und Marquartstein mit dem evangelischen Dekanat Traunstein das 500. Jubiläum der Reformation in Übersee gefeiert.


Das Fest war gut ein Jahr lang vorbereitet worden und stand unter dem Motto »Ich bin erlöst, vergnügt, befreit«. Es war ausdrücklich als »ökumenisches Christusfest« deklariert.

Anzeige

Seit Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen an die Türe der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen hatte, wurde viel Trennendes zwischen beiden christlichen Kirchen überwunden. In diesem Sinne hatte der evangelische Pfarrer Rudolf Scheller schon zu Beginn des Festgottesdienstes in der katholischen Pfarrkirche dazu aufgerufen, den Tag als »eine Gemeinde« zu feiern.

Festgottesdienst wurde in die katholische Kirche verlegt

Auch Petrus hatte sich offenbar dem ökumenischen Geist des Tages angepasst, denn sein Regen verhinderte den geplanten Gottesdienst im Freien. So gewährte die katholische Pfarrkirche Unterschlupf. Als Zeichen der Verbundenheit überreichte der katholische Hausherr, Pfarrer Peter Bergmaier, seinem evangelischen Amtsbruder Pfarrer Scheller eine kunstvolle Festkerze.

Zu den festlichen Klängen des Posaunenchors von Ulrike Ruf zeigten zunächst 18 Konfirmanden ihre Gefühlslage zwischen froh und voller Zuversicht bis bedrückt, neugierig und traurig. Dekan Peter Bertram machte ihnen in seiner Festpredigt Mut für diese ganze Bandbreite des Lebens: »Wer dabei die Kernbotschaft der Reformation erlebt, ein von Gott geliebtes Menschenkind zu sein, kann letztlich vergnügt, erlöst und befreit werden.«

Auf dem Festgelände hatte unterdessen die Roadshow »Wort.Transport« unter Schirmherrschaft von Dr. Annekathrin Preidel, Präsidentin der Landessynode der evangelischen Kirche in Bayern, mit drei großen Lastwagen, voll geladen mit »Reformation«, Halt gemacht. Sie boten Ausstellungen, Wissenswertes aus vielen Bereichen der Luther-Zeit und die Chance, über Themen von damals und heute ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus gab es im Tagesprogramm für viel zu entdecken. Geboten wurden unter anderem eine mittelalterliche Druckerpresse zum Ausprobieren, ein »Luther-Bier«, Kreativorte zum Malen und Basteln sowie für Tattoos und Spiele und sogar eine kreative Thesentüre für die Wünsche der Besucher. Die in »Luthers Biergarten« angesetzten Aktivitäten wurden wegen des Regens in die Schulaula verlegt, was aber der Begeisterung keinen Abbruch tat. So verfolgten die vielen Gäste ein Gespräch mit Martin Luthers kluger Frau Katharina von Bora und die Zeitreise »Martin trifft Luther« von damals bis heute. Die musikalischen Darbietungen, wie vom Bläserensemble des Musikvereins Übersee, dem offenen Singen mit Kirchenmusikdirektor Matthias Roth aus Bad Reichenhall, dem Cantiamo-Chor aus Übersee sowie von Wolfgang Diem und seinen Musikern Beatrice von Kutschenbach und Karl Kamml fanden ebenso viel Anklang wie die Verpflegung.

Gespräch mit Glück und Bertram war Höhepunkt

Zum abendlichen Höhepunkt wurde dann das Gespräch von Alois Glück, früherer Landtagspräsident und ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Katholiken, und Dekan Peter Bertram mit Moderator Reinhard Knirsch. Dabei gab es viele Gemeinsamkeiten. So bestätigten beide den Grundsatz der Ökumene von der gleichen Würde und dem gleichen Recht aller Menschen. Einigkeit bestand auch darin, dass Ökumene besonders gut an der Basis funktioniere, etwa in zentralen Lebensfragen wie im Sozial- und Krankenhausbereich und in der Zusammenarbeit von Caritas und Diakonie.

Auf die Frage nach einer »nie endenden Reformation der Kirche« warnte Glück vor der vorschnellen Übernahme von Modetrends. Bertram hingegen plädierte dafür, »menschliche und gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen und weiter zu entwickeln«. So mache für ihn vor allem »Liebe, Vertrauen, Verlässlichkeit und Treue die Ehe aus«.

Die Frage eines Zuhörers nach einem oft unzureichenden Engagement der Kirchen bei der Integration der Flüchtlinge wurde unterschiedlich beantwortet. Glück sieht in einer geglückten Integration einen langen Prozess, der viele Kräfte braucht: »Je mehr entsteht, umso mehr Vorurteile bauen sich ab.« Im Übrigen werde in seinen Augen die Bekämpfung der Fluchtursachen, vor allem gemeinsam mit Afrika, immer vorrangiger. Bertram bejahte die Bereitschaft, »noch mehr zu tun, vor allem bei den unbegleiteten, jugendlichen Flüchtlingen«. bvd