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Das letzte Wort hat der Mörder

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Richtig unheimlich wurde es auf dem Schiff, als die Schauspieler Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun aus »Tannöd« vorlasen. (Foto: M. Heel)

Chiemsee. Rund 160 Besucher hatten sich an Bord der MS Irmingard eingefunden, um mit dem Chiemgauer Krimiautor Thomas Bogenberger und seinen Schauspielerkomplizen Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun eine wahrlich mörderische Schifffahrt auf dem Chiemsee mitzuerleben.


Schön makaber gleich der Einstieg, den Thomas Bogenberger aus seinem Krimidebüt »Chiemsee Blues« präsentierte: Da bekommt sein Protagonist, Hauptkommissar Hattinger von der Kripo Rosenheim, statt einer ordentlichen Leiche zunächst nur die linke Hand des Mordopfers geliefert, hindrapiert wie ein Kunstobjekt in einem Aussichtspavillon in Prien. Und das ausgerechnet am Karfreitag!

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Statt die Osterfeiertage geruhsam mit Freundin Mia und Tochter Lena zu verbringen, muss Hattinger mit seinem Team gegen einen Täter antreten, der rund um den Chiemsee ein zunehmend böses Spiel mit ihnen treibt. Dank geschickt ausgewählter Textpassagen und anschaulichem Vortrag gelang es Bogenberger dabei rasch, seine Zuhörer zu fesseln und klarzumachen, warum nicht nur Hattinger den Blues kriegt.

Packend von der ersten Minute an war auch die szenische Lesung »Tannöd«, der aus zahlreichen Theater- und Filmproduktionen bekannten Schauspieler Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Andrea Maria Schenkel aus dem Jahr 2006, der wiederum inspiriert war von einem authentischen Kriminalfall aus den 1920er Jahren, rekonstruierten sie die Ereignisse rund um einen Einödhof in Niederbayern, auf dem sechs mit einer Spitzhacke erschlagene Mordopfer entdeckt werden.

Bittenbinder und Braun blieben dabei dicht am Original dieser kruden Geschichte um Habgier, Eifersucht, Bigotterie, Inzucht und Mord und setzten die vielen unterschiedlichen Stimmen der Vorlage in Ausdrucksweise und Tonfall derart lebensnah und einprägsam in Szene, dass einem richtiggehend unheimlich werden konnte.

Zumal es meist nicht gerade sympathische Personen waren, die hier zu Wort kamen bzw. denen die Zuhörer begegneten. Es waren die Opfer, etliche Nachbarn und Bekannte der ausgelöschten Bauernfamilie, eine Pfarrersköchin, ein Monteur, ein Postbote sowie ein Dieb, der indirekt Zeuge der mörderischen Vorgänge wird. Nicht zu vergessen der Mörder selbst, der das letzte Wort hatte und seine Tat, die doch unerklärlich ist, zu erklären versucht: »Wie in einen Rausch ist er geraten, einen Rausch aus Blut, die Sinne vernebelt, nicht mehr Herr seiner selbst.«

Musikalisch untermalt wurde die Lesung vom vierköpfigen »Art Ensemble of Passau«, das mit einem herrlich schrägen Mix aus Fetzen von Tanzbodenmusik, Trauermärschen und ländlichen Geräuschen dieses »Haus des Schreckens«-Stück kongenial ergänzte. sw