weather-image
28°

»Das ist Ihre allerletzte Chance«

5.0
5.0

Traunstein – Reuig und einsichtig gab sich ein 23  Jahre alter Traunreuter, der vor zwei Jahren massenhaft Fahrräder gestohlen und 2018/2019 Internetkunden geschädigt hatte, vor dem Jugendschöffengericht Traunstein. Sein Geständnis, das dem Gericht das Anhören von 23 Zeugen ersparte, war der Hauptgrund für die relativ milde Jugendstrafe mit dreijähriger Bewährungszeit wegen besonders schweren Diebstahls in elf Fällen und zwölffachen Betrugs in besonders schwerem Fall. Das Urteil wurde mit Zustimmung von Staatsanwalt Josef Haiker sofort rechtskräftig.


Die Liste der Strafvorwürfe umfasste fünf Seiten. Den Auftakt machte ein Leistungsbetrug an der Agentur für Arbeit in Höhe von 241,80 Euro. Um den 10.  Juli 2017 herum begann in Traunreut eine Serie von Fahrraddiebstählen. Mal schlug der 23-Jährige in Privatanwesen und auf Firmengeländen zu, mehrfach am Schwimmbad, aber auch an der Mittelschule, am Gymnasium und an der Traunpassage. Er knackte die Schlösser mit einem Bolzenschneider, den die Polizei später bei ihm zusammen mit zahlreichen ausgebauten Radersatzteilen sicherstellte. Die gestohlenen Räder im Wert jeweils zwischen wenigen Hundert und bis zu 1500 Euro verkaufte der 23-Jährige zum Teil an einen anderweitig verfolgten Mann weiter.

Anzeige

Zehn Käufer blieben auf ihrem Schaden sitzen

Auf Internetbetrug verlegte sich der Angeklagte ab September 2017. Er bestellte und erhielt Kleidung, bezahlte aber nicht. Umgekehrt offerierte er Elektronikartikel wie verschiedene iPhones, kassierte den Verkaufspreis, lieferte die Ware aber nicht aus. Zehn Käufer blieben bis Anfang dieses Jahres auf ihrem Schaden sitzen. Im Einzelnen linkte er sie um Beträge zwischen 40 und 930 Euro. Durch die Fahrraddiebstähle entstand ein Gesamtschaden von rund 5000 Euro, durch die Betrügereien von fast 3400 Euro, insgesamt somit auf den Cent genau 8313,37 Euro. Wieder gut gemacht hat der Angeklagte bislang nur den Schaden bei der Arbeitsagentur.

»Bei mir hatten sich leider Schulden angehäuft – aus Handy- und Fitnessstudioverträgen und Online-Bestellungen. Ich kriegte keine Kredite. So kam es zu den Straftaten. Es tut mir Leid«, erklärte der 23-Jährige vor dem Jugendschöffengericht, das wegen seines Alters zu den Tatzeiten noch zuständig war. Richterin Sandra Sauer rief ihre Verhandlung am 27. Juli 2017 gegen den Angeklagten in Erinnerung: »Sie scheint keinen Eindruck auf Sie gemacht zu haben. Vorher und binnen 24 Stunden danach haben Sie munter weiter gemacht. So etwas entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen.« Die Anklage enthalte zudem nur »die Spitze eines Eisbergs«. Der junge Mann antwortete: »Ich wusste nicht, wie ich mir bei den Schulden helfen sollte.« »Arbeiten«, meinte die Vorsitzende. Das habe er versucht, aber nur wenig Lohn erhalten, entgegnete der Traunreuter. Auch an die Opfer zu denken, mahnte Richterin Sauer: »Wenn diese ein Handy bezahlen, aber nicht kriegen, tut das denen auch weh.«

Das Erziehungsregister des 23-Jährigen enthielt drei kleinere Einträge und einige eingestellte Verfahren. Auf familiäre Probleme in der Jugend des Angeklagten verwies Michaela Traud als Vertreterin der Jugendgerichtshilfe. Der Traunreuter neige zu jugendtypischen Verhaltensweisen. Ihm sei inzwischen klar, »dass er sein Leben ändern muss«. Zu den Tatzeiten sei er keinesfalls einem Erwachsenen gleich zu stellen gewesen. Die Sozialprognose sei eher günstig. »Schädliche Neigungen« seien angesichts der Vielzahl der Fälle und der hohen Rückfallgeschwindigkeit noch vorhanden, hob die Fachfrau vom Jugendamt heraus. Aufgrund der erheblichen Reifeverzögerungen solle Jugendstrafrecht angewandt werden. Nur eine Jugendhaftstrafe komme in Betracht. Sie könne unter Auflagen zur Bewährung ausgesetzt werden, soTraud.

»Wird schwieriger, eine Ausbildung zu beginnen«

Staatsanwalt Haiker plädierte auf eine Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren – außerhalb des Bereichs von Bewährung. Der Angeklagte sei durch die Ermittlungen zwar bereits überführt gewesen. Dennoch habe sein Geständnis eine umfangreiche Beweisaufnahme erspart. Den glaubhaften Wiedergutmachungswillen des 23-Jährigen führte Verteidiger Alexander Blobner aus Traunreut ins Feld. Auch er hielt eine etwa einjährige Haftstrafe für angebracht, bat aber um Bewährung: »Es wird sonst immer schwieriger, eine Berufsausbildung zu beginnen.« Nur dann könne sein Mandant den Schaden wieder ausgleichen.

Neben einem gesetzlich vorgeschriebenen Wertersatz von 7601,57 Euro schrieb das Jugendschöffengericht im Urteil fest, der 23-Jährige werde für zwölf Monate einem Betreuungshelfer unterstellt, dazu zwei Jahre einem Bewährungshelfer. Zu den Diebstählen merkte die Richterin an: »Wie kann man aus dem Gerichtssaal gehen und am nächsten Tag wieder ein Fahrrad klauen?« Eine der Taten sei unmittelbar nach einer Polizeikontrolle geschehen. Sandra Sauer riet dem Angeklagten, künftig nicht mehr auf Minijobs zu setzen, »sondern zu überlegen, wie man dauerhaft über die Runden kommt«.

Unter den Bewährungsauflagen sei, ein Jahr lang am Programm »Fördern und Fordern« der Agentur für Arbeit mitzuwirken. Ziel müsse sein, vielleicht noch für September eine Arbeits- oder Ausbildungsstelle zu finden. Ganz klar war die Ansage der Vorsitzenden: »Wenn Sie das nicht machen, wird die Bewährung widerrufen. Wenn die kleinste Kleinigkeit passiert, sind Sie in Haft. Das ist Ihre allerletzte Chance.« Den Haftbefehl hob das Gericht nach dreimonatiger Untersuchungshaft auf. kd