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»Das ist ein untragbarer Zustand«

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Viele Briefkästen in  der  Region  bleiben derzeit leer.  Heute  und  morgen  will die Deutsche Post mit der Gewerkschaft Verdi wieder verhandeln, damit bald eine Lösung gefunden wird. (Foto: Artes)

Chieming – In der vierten Woche des Poststreiks wird die Kritik immer größer. Während in manchen Städten oder Gemeinden noch vereinzelt Briefe zugestellt werden, geht in Chieming gar nichts mehr. Seit rund vier Wochen warten Postkunden vergeblich auf ihre Briefe und Pakete.


»Es ist eine Katastrophe«, sagt Heinz Wallner im Gespräch mit unserer Zeitung. Viele seiner Sommergäste aus Norddeutschland bekommen seit Wochen keine Zeitungen mehr aus ihrer Heimat, obwohl sie einen Nachsendeantrag gestellt haben. Auch Pakete werden nicht mehr zugestellt, bis auf einmal – und das war an einem Sonntag. »Das ist ein untragbarer Zustand.«

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Ärztliche Befunde werden nicht mehr zugestellt

Ähnlich wie Heinz Wallner geht es auch Brigitte Schladitz von der Hausarztpraxis Schladitz. »Wir warten auf wichtige Post.« Seit drei bis vier Wochen sind keine Briefe mehr in der Arztpraxis eingegangen – auch wichtige Befunde nicht. Patienten rufen regelmäßig an und fragen nach ihren Ergebnissen, aber man könne keine Auskunft geben. Inzwischen sei man schon auf Fax und E-Mail umgestiegen, um wenigstens die wichtigsten Dinge zu bearbeiten. »Wenn die Post dann irgendwann mal kommt, kann es sein, dass wir zwei bis drei Tage zusperren müssen, um alles zu bearbeiten«, befürchtet Brigitte Schladitz.

Verärgert über den lang anhaltenden Poststreik ist auch Helmut Pöschl. Er habe Verständnis, wenn die Post mal drei bis vier Tage später kommt, aber seit drei Wochen sind bei der Firma Pöschl Anlagenbau keine Briefe mehr angekommen. Auch eine Lieferung nach Amerika hängt irgendwo in einem Paketzentrum fest. Da das sich darin befindende Teil aber für die Montage in den USA benötigt wird, musste extra ein Ersatzteil für viel Geld per Luftfracht verschickt werden. »Dadurch sind uns hohe Kosten entstanden.«

Kommunikation auf E-Mail umstellen

Da auch die Verständigung mit Lieferanten ohne Briefe nur schwer möglich ist, stellt die Firma Pöschl inzwischen einen Großteil der Kommunikation auf E-Mail um. Auch wenn es sich nicht ganz vermeiden lässt, auf Briefe zu verzichten, will Helmut Pöschl »alles tun, damit ich die Post nie wieder brauche«.

Dass manche Gegenden gar keine Post bekommen, sei durchaus denkbar, so Klaus-Diether Nawrath, Pressesprecher der Deutschen Post. Es werden zwar »80 Prozent der Sendungen ohne jegliche Zeitverzögerungen zugestellt, allerdings im Bundesschnitt«. Regionale Abweichungen seien durchaus möglich. »Jeder Postbote hat einen Zustellbezirk. Wenn er nicht streikt, macht er seine Tour ganz normal; streikt er, wird nach einem möglichen Vertreter gesucht«, so Nawrath weiter. Allerdings müsste dieser Vertreter auch Ortskenntnisse haben. Es könne daher also durchaus passieren, dass kein Ersatz gefunden und somit auch keine Post zugestellt wird »Es gibt Kunden, für die sind die Auswirkungen dann besonders deutlich spürbar«, meinte er im Bezug auf die Chieminger.

»Die Zustellstützpunkte stehen bis zur Decke voll mit Post«, erklärte ver.di-Gewerkschafter Matthias Knüttel, der für die Region Rosenheim zuständig ist. Die wenigen Mitarbeiter im Sortierzentrum Kolbermoor, das für die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land zuständig ist, wissen nicht mehr, wo sie zum Sortieren anfangen sollen. Zu viel liegen gebliebene Post hat sich inzwischen angesammelt. 200 der 220 Mitarbeiter haben in Kolbermoor die Arbeit niedergelegt. Dass die Chieminger seit rund vier Wochen keine Post mehr bekommen, hat nicht nur damit zu tun.

»Ich bin zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird«

»Die Mitarbeiter in Chieming sind alle im unbefristeten Streik«, erklärte Knüttel. Das bedeutet: Selbst wenn Post aus dem Sortierzentrum nach Chieming kommt, bleibt sie dort einfach liegen.

Allerdings besteht für Postkunden eine kleine Hoffnung, dass der Ausstand schon bald beendet wird. Am heutigen Freitag und am Samstag finden wieder Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft ver.di und der Deutschen Post statt, wie Knüttel mitteilte. »Ich bin zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden wird.«

Auslöser des Tarifkonflikts ist der Aufbau von 49 Regionalgesellschaften für die Zustellung. ver.di sieht darin einen Vertragsbruch. Mehr als 6000 Mitarbeiter sind bereits in diesen Unternehmen beschäftigt und werden nach Tarifen der Logistikbranche bezahlt. ver.di will erreichen, dass die Paketboten wieder nach dem Haustarif der Deutschen Post bezahlt werden. jar