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Das hochgiftige Jakobskreuzkraut breitet sich immer mehr aus

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Die zwei- bis mehrjährigen Pflanzen des Jakobskreuzkrauts erreichen eine Wuchshöhe von 30 bis 140 Zentimetern. Die Hauptblütezeit ist von Juni bis September. (Fotos: Englschallinger)

Mit wachsamem Blick ging die Tittmoningerin Julia Lenz in den vergangenen Wochen durch ihre Umgebung. Dabei entdeckte sie entlang der Bundesstraße 20 zwischen Tittmoning und Kirchheim sowie an der Staatsstraße 2105 in Taching, Tengling und Waging eine gelbe Blütenpracht. Bei genauerem Hinsehen bestätigte sich ihr Verdacht: Hier wächst das stark giftige Jakobskreuzkraut.


Jakobskreuzkraut enthält Giftstoffe, die leberschädigenden und krebserregenden Pyrrolizidin-Alkaloide (PA). Besonders gefährdet sind Pferde und Rinder, auf deren Weiden das Jakobskreuzkraut wächst. Erfahrene Tiere meiden die giftigen Pflanzen aufgrund ihrer Bitterstoffe, nicht aber bei Futterknappheit und im frühen Stadium von bis zu acht Wochen, in welchen die Pflanze noch keine Bitterstoffe enthält, wohl aber PA. Hinzu kommt, dass die Giftstoffe getrocknet in Heu und Silage wirksam bleiben. Bei einem Rind kann der Verzehr von 140 Gramm Frischgewicht pro Kilogramm Körpergewicht tödlich enden. Diese gefährliche Dosis ist bei einem Prozent Jakobskreuzkraut im Heu in drei Monaten erreicht. Die PA reichert sich über Monate oder Jahre schleichend in der Leber der Tiere an. Sobald die Symptome einer irreversiblen Leberschädigung sichtbar werden, sind Heilungschancen meist aussichtslos.

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Julia Lenz hält gemeinsam mit ihrem Mann Bienenvölker. Ihr Blick für Pflanzen ist geschult. Mit von ihr organisierten Begehungen in Tittmoning und Taching möchte sie auf das Jakobskreuzkraut aufmerksam machen und Mitbürger informieren. »Je mehr Menschen es kennen, desto leichter kann es in Schach gehalten und die weitere Ausbreitung aufgehalten werden«, ist Julia Lenz überzeugt.

Von Menschenhand gemachtes Problem

Die rasante Verbreitung von Jakobskreuzkraut und dem ihr verwandten, ebenfalls hochgiftigen Wasserkreuzkraut ist ein von Menschenhand gemachtes Problem in ganz Europa. Bis 2012 waren die heimischen Kreuzkräuter in Saatmischungen für Straßenböschungen zugelassen. Die Bekämpfung gestaltet sich schwierig und ist ein mehrjähriger Prozess. Um das Absamen zu verhindern, werden einzelne Pflanzen vor der Blüte am effektivsten durch Ausstechen samt Wurzel von den betroffenen Flächen entfernt.

»Als Erkennungsmerkmal sollte man sich immer die Blüte ansehen«, rät Julia Lenz. Die komplett gelbe Blüte – mit ihrem erhabenen Köpfchen aus Röhrenblüten, umgeben von meist 13 äußeren Zungenblüten – ähnelt dem Gänseblümchen. Schnell werde es mit Rainfarn, Johanniskraut oder Wiesen-Pippau verwechselt. Rolf Oehler, Bereichsleiter Landwirtschaft am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Traunstein, hatte bis vor kurzem »noch geglaubt, dass wir nördlich der Autobahn keinen Befall von Kreuzkraut im Landkreis haben«. Bisher habe es sich bei Anrufen besorgter Bürger um den Wiesen-Pippau gehandelt. Die Erfahrung einer betroffenen Anwohnerin aus Taching, die auf ihren extensiv bewirtschafteten Weiden Rinder hält, zeigt die Brisanz des Themas auf. »Ich gehe alle drei Wochen über die Weiden und habe immer einen Müllbeutel voll zum Teil schon angeknabberten Jungpflanzen beisammen«, berichtet sie.

Auf von etwa 40 Bauhofmitarbeitern, Gartenbauvorsitzenden, Ortsobmännern, Vertretern der Gemeinden und der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel sowie weiteren Interessierten besuchten Begehungen in Tittmoning und Taching informierte Rolf Oehler über kürzlich bekannt gewordene Vorkommen des mit dem Jakobskreuzkraut verwandten Wasserkreuzkrauts auf Wiesen entlang der Autobahn München–Salzburg. Und auch das genauso giftige Alpenkreuzkraut breite sich auf den Traunsteiner Almen verstärkt aus. »Wir wissen noch nicht, wie wir vorgehen sollen«, brachte Oehler das Fehlen einer Patentlösung zur Eindämmung der giftigen Pflanzen zum Ausdruck.

Wer ist zuständig?

Erfahrungswerte aus dem massiv vom Kreuzkraut betroffenen Allgäu, der Ökomodellregion Neumarkt in der Oberpfalz und aus Norddeutschland könnten beim Vorgehen zur Bekämpfung des Jakobskreuzkrauts im Landkreis Traunstein hilfreich sein, erwähnte Julia Lenz einige von ihr recherchierten Informationsquellen. Dass die Frage der Zuständigkeit im Landkreis Traunstein noch ganz am Anfang steht, zeigte die anschließende Diskussion.

Gemeinde darf nicht in fremden Grund eingreifen

»Mir erschließt sich noch nicht ganz die Zuständigkeit«, sprach Tachings Bürgermeisterin Ursula Haas den Fachberater für Gartenkultur und Landespflege, Georg Unterhauser, als Vertreter des Landratsamts und Rolf Oehler seitens des AELF Traunstein an. Die Gemeinde könne aktiv werden, aber ohne das Mittun von Landkreis und AELF seien »unsere Schönheitsaktionen sonst nur Makulatur«. Weiterhin gab Haas zu bedenken, dass die Gemeinde nicht in fremden Grund eingreifen dürfe. Sie denke an landwirtschaftlich nicht regelmäßig bewirtschaftete Flächen und plädierte für Aufklärungsarbeit über die Gartenbauvereine und das Landwirtschaftsamt.

Rolf Oehler kündigte hierauf das Eingehen auf die Kreuzkräuter in den Winterversammlungen an. Er brachte aber auch zum Ausdruck, dass in seinen Augen das Jakobskreuzkraut auf bewirtschafteten Flächen keine Chance habe, anders als das Wasserkreuzkraut. Georg Unterhauser befürwortete, den Informationsfluss über die Gartenbauvereine voranzutreiben. Dem für die Pflege der Fahrbahnränder für Staats- und Bundesstraßen im Landkreis zuständigen Straßenbauamt war eine Teilnahme an den Begehungen zeitlich nicht möglich. Allgemein gilt, solange keine Weisung seitens der Bayerischen Staatsregierung oder der Obersten Verkehrsbehörde erfolgt, kann das Straßenbauamt zur Eindämmung des Jakobskreuzkrauts nicht aktiv werden.

Unterdessen breiten sich die gelben Pflanzen ungehindert weiter im Landkreis Traunstein aus. Auch in Grabenstätt, Inzell, Trostberg und Wiesmühl an der Alz wurden erste Pflanzen gesehen. Fest steht, dass eine Pflanze mit ihren bis zu 150 000 Samen das Potenzial hat, eine ganze Wiese zu dominieren. »Je früher mit der Bekämpfung begonnen wird, desto geringer sind Aufwand und Kosten«, so der Appell von Julia Lenz an die Behörden.

Als erste Maßnahme kündigte Tittmonings Bürgermeister Konrad Schupfner an, die blühenden Pflanzen entlang der Bundesstraße 20 mit einer Ausreißaktion durch den Bauhof entfernen zu lassen. Die Nacharbeit, in Form des Rosetten-Ausstechens und die regelmäßige Kontrolle der befallenen Flächen, werde »schon kritischer« und Schupfner gab zu, dass die Gemeinde mit dem Vorkommen »überfordert ist«. Hier müssten »alle Institutionen an einem Strang ziehen«.

Sofern es sich um größere befallene Flächen handelt und ein Ausreißen nicht möglich ist, werde üblicherweise Ende Juni als optimaler Zeitpunkt für das erstmalige Mähen empfohlen«, so Julia Lenz. Dieses sei auch im Interesse der Ökomodellregion und der Imker, um Bienen und anderen Tierarten den lebenswichtigen Schutz in extensiv genutzten Flächen zu gewährleisten. »Zu frühes Mähen sei kontraproduktiv«, so Lenz, da das Wachstum der Pflanzen dadurch gefördert werde. Als Beispiel zeigte sie einen abgemähten Stängel des Jakobskreuzkrauts, der innerhalb von drei Wochen einen neuen Blütentrieb – die sogenannte Notblüte – entwickelt hatte. Als Einwand zu diesem Aspekt gab Konrad Schupfner zu bedenken, dass »hier zwei Sachen gegeneinander stehen«. Der Einblick in die Straßen müsse aus Sicherheitsgründen durch einen Schnitt vor Juli gewährleistet sein.

In Tittmoning sind zusätzlich Stellen im »Hüttenthaler Feld« von Jakobskreuzkraut befallen. In Neubaugebieten wie diesem liegt die Vermutung nahe, dass eine Verbreitung bei Baumaßnahmen durch samenhaltiges Bodenmaterial stattgefunden hat. Die Samen des Jakobskreuzkrauts bleiben im Boden bis zu 20 Jahre keimfähig.

Das Fazit: Die Bekämpfung von Jakobskreuzkraut ist komplex. Um ein flächendeckendes Vorgehen zu erreichen, müssen alle Verantwortlichen zusammenarbeiten. Die Politik wird sich in den nächsten Jahren mit dem Thema Kreuzkräuter auseinandersetzen müssen. In der Schweiz und in Großbritannien herrscht bereits eine Melde- und Bekämpfungspflicht für sämtliche Kreuzkräuter. Dorothee Englschallinger