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»Das geht einfach unter die Haut«

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Bis zu 200 Flüchtlinge waren auf dem kleinen Schiff, ehe sie von der Küstenwache gerettet wurden. Viele Kinder waren im Frachtraum untergebracht
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Auch heute erinnert sich Ursula Metz noch täglich an die Erlebnisse während ihres Kreuzfahrtaufenthalts. (Foto: Artes)

Traunstein. Fast täglich gibt es Meldungen, dass Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer aufgegriffen werden. Auf den lebensgefährlichen Überfahrten hoffen viele Flüchtlinge, auf der anderen Seite des Meeres ein besseres Leben zu finden. Bei Wind und Wetter nehmen sie Gefahren auf sich, ohne großes Gepäck, allein mit dem Gedanken an ein neues Leben. Nicht alle überleben die Fahrten quer über das Mittelmeer. Wie dramatisch die Zustände auf den Flüchtlingsbooten wirklich sind, ist kaum nachvollziehbar. Elmar und Ursula Metz aus Traunstein erlebten die Rettung von so genannten Bootsflüchtlingen hautnah. Noch heute werden sie regelmäßig daran erinnert. »Wie groß die Not auf diesen Booten wirklich ist, kann mit den Bildern fast nicht ausgedrückt werden«, so Ursula Metz.


»Es war einfach erschütternd«, erinnert sich die Rentnerin im Gespräch mit unserer Zeitung an den 26. September 2013. Sie und ihr Mann waren auf Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer. »Plötzlich gab es eine Durchsage des Kapitäns, dass ein Flüchtlingsschiff geortet wurde und zusammen mit der Küstenwache geborgen werden muss«, berichtet sie. Eng zusammengedrückt saßen die Menschen auf dem viel zu kleinen Boot. »Unter den Flüchtlingen waren sehr viele Kinder. Generell eher jüngere Leute und viele Familien. Immer mehr Kinder wurden von der Küstenwache aus dem Frachtraum herausgeholt. Das geht einfach unter die Haut, wenn man so etwas miterlebt.« Da nicht alle Flüchtlinge auf dem Boot der Küstenwache Platz hatten, musste ein Teil auf dem Kreuzfahrtschiff aufgenommen werden.

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»Ungefähr 40 Flüchtlinge waren bei uns auf dem Schiff«, erinnert sich Ursula Metz. Das Team der Costa übernahm sofort die Versorgung, immerhin wusste man nicht, wie lange die Geretteten schon unterwegs waren. »Die Flüchtlinge hatten auch nicht viel dabei. Vielleicht ein kleiner Rucksack, mal eine kleine Tasche, mehr nicht.« Das Schiff ließ man einfach im Wasser weiterschwimmen, berichtet die Rentnerin. »Viel war nicht mehr auf dem Boot, als alle in Sicherheit gebracht worden waren. Nur ein paar Rettungswesten, Seile und Fetzen lagen noch darauf.«

Die 70-Jährige ist heute noch gerührt, wenn sie an die Gesichter der geretteten Flüchtlinge auf ihrem Kreuzfahrtschiff denkt. »Die Leute waren erleichtert über die Bergung, das sah man ihnen an. Sie haben den Passagieren zugewunken, viel gelacht.«

Fast zwei Stunden waren die Flüchtlinge an Bord des Costa-Kreuzfahrtschiffs, bis die Küstenwache zurückkam und sie aufnehmen konnte. »Als das Boot der Küstenwache dann weg fuhr, wurde bei uns auf dem Kreuzfahrtschiff die italienische Nationalhymne gespielt. Viele Passagiere standen an der Reling, haben den Flüchtlingen zum Abschied gewunken und hatten dabei Tränen in den Augen oder haben geweint«, so Ursula Metz.

Nach der Rettungsaktion sprachen die Passagiere auf dem Schiff viel darüber. »So etwas hat man eben noch nie erlebt. Auch für die Offiziere war das ein einmaliges Erlebnis. Viele standen auf der Brücke und haben das alles auch fotografiert«, so die Rentnerin. Von Seiten der Schiffbesatzung gab es allerdings keinen Kommentar mehr dazu. »Das Thema wurde quasi totgeschwiegen.« Interessiert hätte das Ehepaar aus Traunstein vor allem, wie es für die Flüchtlinge weiterging, wohin sie gebracht wurden. »Das Schicksal der Menschen hautnah zu erleben, ist sehr erschütternd«, meinte Ursula Metz. Gerne hätte sie geholfen, »aber oft wird die Hilfe einfach nicht gewünscht.« jar

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