weather-image
19°

»Dann habe ich die Beherrschung verloren«

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Aus Eifersucht soll der 47-jährige Österreicher (sitzend rechts) seine Lebensgefährtin im Juli vergangenen Jahres im Wald bei Wimpasing getötet haben. Gestern begann der Prozess vor dem Schwurgericht in Traunstein. Verteidigt wird der Angeklagte im Gerichtssaal von Harald Baumgärtl (stehend) aus Bernau. (Foto: Kretzmer)

Traunstein. Ein weitgehendes Teilgeständnis legte ein 47-jähriger Österreicher türkischer Abstammung gestern im Mordprozess vor dem Schwurgericht Traunstein ab. Der Angeklagte hatte seine 35-jährige Lebensgefährtin, mit der er gemeinsam im österreichischen Zillertal lebte, in der Nacht auf den 8. Juli bei Wimpasing nahe Vachendorf aus Eifersucht getötet. Dem Ganzen war ein Streit vorausgegangen.


An entscheidende Dinge wie die Zahl der Messerstiche und das mehrmalige Würgen der 35-jährigen Lebensgefährtin konnte sich der Angeklagte gestern nicht erinnern. Zwei Schüler fanden am Vormittag nach dem Mord erst ein Handy an einem Wendeplatz im Wald, dann die Tote im Unterholz. Drei Tage später wurde der 47-Jährige in Rom festgenommen. Der auf vier Tage angelegte Prozess wird am morgigen Donnerstag und nächste Woche fortgesetzt.

Anzeige

Er dachte, er hätte sie nur verletzt

Der Angeklagte verdiente zuletzt als Saisonarbeiter im Zillertal sein Geld als Kellner und Bauarbeiter. Dort lernte er 2004 auch das spätere Opfer, die Mutter einer elfjährigen Tochter, kennen. Ungefähr acht Jahre lebte der von seiner Ehefrau in der Türkei geschiedene Mann mit der Rumänin zusammen. Die neue Beziehung schilderte der Angeklagte als harmonisch, es habe Hochzeitspläne gegeben.

Als Richter Erich Fuchs den Mann zum Mord befragen wollte, gab Verteidiger Harald Baumgärtl aus Bernau namens seines Mandanten eine Erklärung ab. Darin zitierte er den 47-Jährigen mit: »Ich wollte sie nicht töten. Ich bin davon ausgegangen, dass ich sie nur verletzt habe. Ich habe sie geliebt. Sie wollte mich ganz sicher nicht verlassen.« Der Angeklagte wusste nach seinen Worten nicht, dass ein anderer Mann im Leben der 35-Jährigen seit einigen Monaten eine Rolle spielte.

Zweimal hatte er die Freundin zu Treffen mit ihrem angeblichen »Cousin« gefahren, an die Autobahnrastanlage Samerberg und nach St. Pölten. Bei dem zweiten Treffen etwa vier Wochen vor der Tat kam ihm wegen des langen Ausbleibens der Freundin ein erster Verdacht, wie der 47-Jährige gestern sagte. Er forderte die 35-Jährige auf, künftig Spielzeug für die bei den Großeltern in Rumänien weilende Tochter besser per Post zu senden.

Am Tattag holte er sie an einer ihrer drei Arbeitsstellen in Mayrhofen ab, um sie zur nächsten in einem Hotel in Uderns zu kutschieren. Dabei soll sie ihm erzählt haben, der Cousin sei wieder in der Nähe. Sie wolle ihm wieder Spielsachen mitgeben. Das Paar hatte noch Geschlechtsverkehr an dem Abend und machte sich gegen 22 Uhr mit dem Auto auf den Weg Richtung Deutschland.

Sie hatten sich verfahren und landeten in Wimpasing

Per SMS trudelten auf dem Handy der 35-Jährigen Anweisungen des Cousins zur Reiseroute ein, behauptete der Angeklagte. Er gab an, erst zum Flughafen München und dann auf die A 8 Richtung Salzburg gefahren zu sein. An einer Ausfahrt – eine Kripozeugin vermutete gestern, es könne sich um Schweinbach handeln – sei er raus und habe sich dann völlig verfahren. Der österreichische Wagen landete in dem Weilerdorf Wimpasing beziehungsweise etwa 150 Meter weiter in einem Forstweg – um zu wenden, wie der Angeklagte gestern meinte.

Der Streit des Paares eskalierte im Wagen, als die Frau dem 47-Jährigen eröffnete, der »Cousin« sei kein Verwandter, sondern ihr neuer Liebhaber. Die 35-Jährige sagte angeblich: »Du bist ein Depp. Ich habe mit dir gespielt.« Sie wolle mit beiden Männern in Zukunft in einer Wohnung leben. Er habe erwidert: »Du bist eine Hure.« Auf ihre Antwort »Ich liebe dich und ihn«, habe er entgegnet, das erlaube seine Kultur nicht. Er werde »keine Sekunde mehr« mit ihr zusammenbleiben.

Da habe sie ihn mit dem seit Langem im Auto liegenden Messer angegriffen. Er habe ihr gegen das Bein getreten. Sie sei zu Boden gefallen, er habe ihr das Messer abgenommen. »Dann habe ich die Beherrschung völlig verloren. An mehr kann ich mich nicht erinnern«, erklärte der 47-Jährige unter Tränen vor dem Schwurgericht. Er habe die Frau geliebt und sie nicht töten wollen. Richter Erich Fuchs äußerte gestern bereits Zweifel, ob sich der Angeklagte auch tatsächlich nicht an das Tatgeschehen erinnern kann.

Rechtsmediziner stellten bei der Obduktion der Leiche 17 Messerstiche mit einem 19 Zentimeter langen Küchenmesser in Hals und Oberkörper sowie Spuren massiver stumpfer Gewalt in der Halsgegend fest. Die 35-Jährige starb in Folge des Blutverlustes und des Würgens. Sachverständige werden die Details noch erläutern.

Er wollte zum Tatort zurück, fand ihn aber nicht mehr

Unter den Zeugen war gestern eine Kriminalbeamtin aus Traunstein, die anhand der Ermittlungsergebnisse viele Angaben des 47-Jährigen bestätigte. Er hatte nach der Tat an einer Tankstelle in Salzburg getankt, was auch ein Video zeigte. Offensichtlich hatte er auch versucht, nochmals zum Tatort zurückzukehren, ihn aber nicht mehr wiedergefunden. Seine Flucht führte ihn in die Schweiz zu seiner Schwester, von dort mit dem Zug nach Rom.

Laut der Kriminalbeamtin sei der Angeklagte nach Zeugenberichten schon früher gegenüber dem Opfer gewalttätig geworden, habe die Rumänin geschlagen und sexuell genötigt. Die 35-Jährige habe einer Freundin gegenüber erwähnt, sie wolle sich von dem 47-Jährigen trennen.

Staatsanwalt Andreas Miller hat die Bluttat mit dem Motiv Eifersucht als Mord aus niederen Beweggründen angeklagt. Verteidiger Harald Baumgärtl peilt eine Verurteilung lediglich wegen Körperverletzung mit Todesfolge an. Das Urteil wird Mitte März erwartet. kd