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»Dann begannen für mich die Ferien, aber ganz andere«

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Margret Pröbstl liebte das Schaukeln im Hof der Wohnung in Komotau. Es war lange der einzige Ort, an dem sie sich draußen aufhalten durfte. Ansonsten mussten sie und ihr Bruder drinnen spielen – auch in den Ferien. Denn alles andere wäre wegen der Bombenangriffe zu gefährlich gewesen.
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Traunstein – Italien? Kroatien? Oder doch Amerika? Viele Kinder erleben heute die spannendsten Reisen mit ihren Eltern. Für Margret Pröbstl war das als kleines Mädchen undenkbar. Die ersten Jahre ging es ums nackte Überleben, es war Krieg. Und auch später fehlte das Geld, um in den Urlaub zu fahren. Trotzdem erinnert sich die 78-Jährige an viele schöne Erlebnisse in den Ferien: Schaukeln im Hof, Malen mit ihrem Opa auf dem Guntramshügel oder Heumachen beim »Hauserbauern« an der Wegscheid.


September 1944: »Hab' ich mich auf den ersten Schultag gefreut!« – Das weiß Margret Pröbstl noch, als wäre es gestern gewesen. »Mit einer Schultüte und einem Schulranzen, aus dem ein Tafellappen hing, wurde ich von meiner Mama zur Einschulung gebracht.« Mit dabei war auch ihr drei Jahre jüngerer Bruder, nur der Papa fehlte – er war im Krieg. Zu der Zeit lebte sie in Komotau im Sudetenland (heute Chomutov).

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»Bombenangriffe wurden immer massiver«

»Leider konnte ich nur zwei Monate in die Schule gehen, da die Bombenangriffe immer massiver wurden«, erzählt Margret Pröbstl. »So begannen Ferien für mich, aber ganz andere. Im Mai 1945 war der Krieg zwar aus, aber an Schule war immer noch nicht zu denken. Erst kamen die Russen, dann die Amerikaner. Die Tschechen verlangten, dass sich die Deutschen durch Tragen einer weißen Armbinde kenntlich machen.« – Es war eine sehr schwere Zeit für die kleine Margret und ihre Familie, die im Januar 1946 in der Vertreibung gipfelte. »Wir mussten uns innerhalb von einer Stunde mit dem Notwendigsten vor dem Haus aufstellen – und ab ging's in ein Barackenlager. Ich trauerte meiner Schaukel im Hof nach, die ja das Einzigste war, was wir Kinder noch außerhalb der Wohnung zum Spielen hatten. Denn raus durften wir schon lange nicht mehr. Auf den Straßen war es viel zu gefährlich.«

»Es war Februar 1946 und bitterkalt«

Nach zwei Wochen in der Baracke wurde die Familie zum Bahnhof »geleitet«. »In zwei großen Säcken war unser ganzes Hab und Gut. Es war Februar 1946 und bitterkalt. Mein Bruder hatte einen Teddy dabei und ich zwei Puppen, die heute noch mein Stolz sind«, erzählt Margret Pröbstl.

Am Bahnhof wurden sie in Viehwaggons verladen, »eine große Heringsdose war für die Notdurft gedacht«. Nach einer sehr langen Fahrt und vielen Tränen – es gab keine Fenster in den Waggons und niemand wusste, was nun eigentlich passiert – kam die Familie zusammen mit Hunderten anderen Menschen in München an, wo sie in ein Sammellager gebracht wurden. Von dort ging es bald weiter nach Regensburg in die Von-der-Thann-Kaserne. »Der eine Teil war von amerikanischen Soldaten belegt, der andere von Flüchtlingen«, erzählt Margret Pröbstl. »Ein besonderes Erlebnis war für mich ein dunkelhäutiger Koch, schon mal wegen seiner Hautfarbe, aber auch, weil er für uns Kinder immer Süßigkeiten hatte.«

Doch auch in Regensburg war die Familie nur kurz, »dann wurden wir wieder verteilt und landeten schließlich in Forstinning«. Im Saal des Gasthofs Huber wurden 30 Leute untergebracht, darunter Margret, ihr Bruder, ihre Mama und die Großeltern. »Dort begann ich nochmal mit der ersten Klasse«, erinnert sich Margret Pröbstl. Sie liebte die Schule und das Lernen, doch sie war als Flüchtlingskind gebrandmarkt. Oft kam sie deshalb weinend nach Hause.

Auf einem Holzgaser nach Traunstein

Nach einem Jahr in Forstinning bekam der Opa von Margret Pröbstl eine Anstellung bei der Bahn in Traunstein – und auch eine Dienstwohnung. »Auf einem Holzgaser übersiedelten wir nach Traunstein. Für uns Kinder war das ein großes Erlebnis. Wir saßen alle auf der Ladefläche und der Fahrer musste immer wieder halten und Holz nachwerfen, das war für uns spannend.«

In Traunstein durften Margret, damals neun Jahre alt, und ihr Bruder dann endlich Kinder sein. »Häuslhupfen, Halli-Hallo, 'Schneider leich ma dei Schar' spielten wir besonders gern«, erinnert sich die 78-Jährige. Und auch der Italiener-Gockel vom Nachbarn, dem Schuster Gstöttner, bestaunten sie immer wieder. »Dieser Gockel war so schön – und er ersetzte eigentlich einen Hund.«

Den hatte ein anderer Nachbar. »Wir liefen am Zaun außen hin und her und der Dackel rannte bellend im Grundstück mit«, erinnert sich Margret Pröbstl, die das Ärgern des Hundes allerdings mit einer »Watschn« des Hundebesitzers büßen musste.

Beim »Hauserbauern« an der Wegscheid durfte sie in den Ferien beim »Heign« helfen oder den Opa zum Malen in die Natur begleiten. »Oft saßen wir am Gunti oder auch auf einer Anhöhe bei Vachendorf. Ich habe dann unter seiner Anleitung manches kindliche Werk geschaffen, das mir viel Freude machte«, erzählt die 78-Jährige, die trotz des Kriegs und der Armut von einer »sehr glücklichen Kindheit« spricht. »Meine Mama und meine Großeltern waren sehr liebevoll.« KR

Nachdem am Montag die Sommerferien zu Ende gehen, endet auch unsere Sommerserie. Das ist der vorletzte Teil von »Ferien anno dazumal«.