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»Danke, dass wir hier sein dürfen«

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Das Café International bietet Gelegenheit, sich näher kennenzulernen. Unter anderem beim gemeinsamen Kartenspiel wie auf unserem Bild. (Foto: Mix)

Traunreut – Das vierte Café International im Heimathaus bot wieder Gelegenheit für Asylbewerber, ehrenamtliche Helfer und Traunreuter Bürger, sich kennenzulernen und ins Gespräch zu kommen. Nach anfänglicher Scheu entstanden rege Unterhaltungen, es wurde zusammen gespielt und man tauschte Erfahrungen aus.


Stellvertretend für die Asylbewerber bedankte sich der aus Eritrea stammende Okubamichael Kesete bei den Traunreutern für die gute Aufnahme. Er sagte unter anderem: »Danke, dass wir hier sein dürfen in diesem schönen Land, wo Frieden ist und Respekt zwischen den Menschen herrscht. Wir wollen alles tun, um friedlich mit ihnen zu leben und zu arbeiten.«

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Er berichtete über die Situation in seinem Heimatland Eritrea. Dort herrsche eine Diktatur, es gebe keine Menschenrechte, keine Meinungsfreiheit und Militärpflicht für jeden jungen Mann ab 17. Er kam nach Deutschland, weil schon sein Onkel hier im Land ist. Seine restliche Familie ist und bleibt in Eritrea, es wäre für sie nach seinen Worten zu gefährlich auszureisen. Der junge Mann wünscht sich, dass er möglichst bald arbeiten darf, am liebsten als Krankenpfleger, und dann eine eigene Wohnung findet und nicht mehr mit sieben anderen Männern in sehr beengten Verhältnissen leben muss.

»Very happy« ist auch ein Afghane, der seit wenigen Monaten mit seiner Familie in Traunreut wohnt und von einem deutschen Ehepaar betreut wird. In seinem Heimatland arbeitete er als Übersetzer für die NARO, Bei ihm zu Hause im Kundus waren deutsche Soldaten stationiert, deren Unterstützung er sehr schätzte. Aus diesem Grund stand für ihn Deutschland als Zielland fest. Er habe die Flucht vor allem zum Wohle und zum Schutz seiner Familie unternommen. Hier wird seiner schwer traumatisierten Tochter geholfen. »Viele Leute im Kundus, auch aus meiner Familie, sind tot«, lautet die einfache Erklärung des Afghanen für seine Flucht.

Jugendliche haben guten Draht zu Schülern gefunden

Auch einige der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die in der Schule in Traunwalchen untergebracht sind, waren dieses Mal wieder beim Café dabei. Wie ihre Betreuerin Julia Pöschl im Gespräch betonte, haben die jungen Männer einen sehr guten Draht zu den Grundschülern in Traunwalchen gefunden. Es gab bereits einen gemeinsamen Ausflug und die Flüchtlinge spielen gern mit den kleineren Buben Fußball. Jetzt würden sich die Jugendlichen noch wünschen, auch Kontakt zu Gleichaltrigen aus Traunreut zu finden. Und für Unternehmungen in der Freizeit wären nach Angaben der Sozialpädagogin ehrenamtliche Helfer immer gern gesehen.

Klare Strukturen und eine bessere, bedarfsorientierte Koordination der Hilfe wurden beim Café International von den ehrenamtlichen Helfern gefordert. Das Netzwerk Asyl – bestehend aus der Sozialreferentin der Stadt, Helga Zembsch, sowie Rosl Hübner und Norbert Vollmayr – steht allerdings noch am Anfang seiner Arbeit und ist bemüht, die Hilfen und die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer zu organisieren.

Gretl Gineiger, die zusammen mit Helga Zembsch das Café International organisiert, erklärte: »Es besteht teils große Unsicherheit. Jeder wurschtelt im Moment allein vor sich hin. Wir brauchen aber klare Strukturen.« Die Stadträtin regte eine Art Helfer-Stammtisch an, bei dem man sich absprechen und die Hilfen entsprechend der Bedürfnisse koordinieren könne.

Was bereits seit einiger Zeit gut läuft, ist der Deutschunterricht für Asylbewerber im Mehrgenerationenhaus, der von einigen Ruheständlern regelmäßig abgehalten wird. Einer von ihnen ist der pensionierte Betriebswirt Klaus Penris, der darauf hinwies, dass keine Lehrbücher für die Kursbesucher zu bekommen sind, »die sind im Moment in ganz Deutschland nicht lieferbar«. Er sei in seinem Unterricht sehr kreativ, hole sich schon mal ein Kinderbuch aus der Stadtbücherei mit leichten Texten, um es im Unterricht zu verwenden. »Besonders eifrig und wissbegierig sind die jungen Männer aus Eritrea«, freut sich der Kursleiter. Andere nähmen den Unterricht nicht immer ganz so ernst und manche seien auch auf einmal wieder verschwunden und niemand wisse, wohin oder was aus ihnen wurde.

»Für Anregungen sind wir jederzeit offen«

Dass in der Organisation der Helfer klare Strukturen notwendig sind, weiß auch Sozialreferentin Helga Zembsch. Gegenüber unserer Zeitung erklärte sie: »Wir wissen, dass vieles noch nicht optimal läuft und arbeiten daran. Für Vorschläge und Anregungen sind wir jederzeit offen.«

Offizielle Ansprechpartnerin für alle Fragen rund um die Asylbewerber in der Stadtverwaltung ist Annett Parthum. Nach ihren Angaben sind derzeit in Traunreut rund 90 Personen in dezentralen Wohneinheiten untergebracht. Dazu kommen mehr als 30 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Jugendsiedlung und in der Schule in Traunwalchen. »Ich befürworte das Ehrenamt immer und arbeite intensiv mit dem Netzwerk Asyl zusammen«, betont sie. Die Helfer müssten sich aber losgelöst von der Stadt selber organisieren beziehungsweise sich an dieses Netzwerk wenden.

Das nächste Café International findet am 7. November statt, im Dezember ist dann Pause. Auch für diese monatlichen Treffen werden immer noch Helfer gesucht, die sich bei Helga Zembsch unter der Telefonnummer 08621/61 737 melden können. mix