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»Damals gab's halt eine Watschn und der Fall war erledigt«

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Seine Ferien verbrachte Ferdl Wiedemann – im Vordergrund auf dem Boot sitzend – meistens mit seiner Schwester, seinen Cousins und Cousinen am Waginger See. Auch später begeisterte ihn der Wassersport: Als Segler brachte er es bis zum Kader für die Olympischen Spiele in Mexiko 1968.
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Waging am See – »Wir waren schon auch a bisserl Hundsbuam«, erinnert sich Ferdinand Wiedemann – den Einheimischen eher als Ferdl bekannt – mit einem verschmitzten Lächeln an seine Kindheit. »Das Schwarzfischen war unsere große Leidenschaft. Wir kannten jede Gumpn, jeden Bach rundum. Heutzutage wären wir alle vorbestraft, aber damals gab's halt eine Watschn, wenn man erwischt wurde, und der Fall war erledigt«.


Es waren ganz andere als die heutigen Zeiten, in denen der 1942 geborene Ferdl Wiedemann aufwuchs. Schon sein Großvater Andreas I. gründete 1888 das damalige Kolonialwaren-, Hauswaltswaren- und Eisenwarengeschäft. 1898 kaufte er der Familie Murr das Geschäft an der Seestraße in Waging ab. Dort verbrachte Ferdl Wiedemann mit seiner Schwester Veronika und den Nachbarskindern die Kindertage.

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Die Eltern hatten für die Kinder nicht viel Zeit, mussten sie doch nach dem Zweiten Weltkrieg den Laden wieder aufbauen. Der Vater war zudem 1945 von den Amerikanern als Bürgermeister eingesetzt worden und hatte er die Entnazifizierung am Ort voranzutreiben, was keine leichte Aufgabe war. »Ich glaube, diese Zeit kostete ihn fünf bis zehn Jahre seines Lebens«, sagt Ferdl Wiedemann heute. »Er starb ja mit nur 67 Jahren. Da wurden Fenster eingeworfen, es gab viel Streit. Er sagte zu mir, 'Bua, egal, was passiert, lass dich nie auf die Kommunalpolitik ein'« – was der Sohn bis heute beherzigt hat.

Normale Arbeitswoche der Eltern hatte 80 bis 90 Stunden

Eine normale Arbeitswoche der Eltern hatte 80 bis 90 Stunden. Wie seine Mutter dazu auch noch den Haushalt bewältigt hat, kann sich Wiedemann im Rückblick kaum vorstellen. Er und seine zweieinhalb Jahre jüngere Schwester wurden von Haus aus sehr selbstständig erzogen. In einem Kindergarten war er nie. »Ich hatte halt viele Spezln am Land, die Lenzn-Buam von Egg zum Beispiel.« Baden im Waginger See war die Hauptbeschäftigung in den Ferien.

Von den 16 Cousins und Cousinen durften in den Ferien immer drei bis vier bei den Wiedemanns Urlaub machen. Das waren herrliche Zeiten! Wenn sie nicht gerade im See badeten, spielten die Buben auch gern Fußball. Aber wehe, Opa Andreas erwischte sie dabei! Denn er liebte seinen Obstgarten.

Ansonsten taten die Kinder aus dem Ortskern das, was alle Kinder gerne tun – spielen, im Winter Schlittschuhlaufen am Gadener Weiher oder Eisstockschießen auf der Postgasse – »die Straßen waren ja damals alle noch nicht geteert.« Nach den ersten fünf Schuljahren auf der Volksschule Waging besuchte Ferdl Wiedemann die Oberrealschule in Traunstein. Zu den Waginger Spezln kamen neue dazu – zum Beispiel aus Übersee, Prien oder Trostberg.

Dementsprechend kamen auch neue Freizeitbeschäftigungen dazu: Skifahren, vor allem Skitouren-Gehen im Alpenverein – was er noch während der Ausbildung in Penzberg 1960 bis 1963 ausübte – Treiben bei Treibjagden und Schießen im Schützenverein. »Die Donnerstagabende waren immer lang. Vor 3 Uhr in der Früh war an Heimgehen nicht zu denken. Und wenn beim Café Hafenmair noch Licht brannte, dann sind wir da auch noch reingegangen.«

Als Jugendlicher begeisterte er sich für den Segelsport, den er wettbewerbsmäßig ausübte. »Ab 1960 waren wir in der Korsarklasse in ganz Mitteleuropa unterwegs, später in der Flying-Dutchman-Klasse«, berichtet er. »Wir waren eine Clique von 15 bis 20 Leuten in sechs Mannschaften, die sehr eng zusammengehalten haben.«

Der Höhepunkt der Segler-Karriere war 1968. »Da war ich sogar im Olympia-Kader für die olympischen Spiele in Mexiko-City.« Leider markierte dieser Zeitpunkt das Ende der Karriere: »Mein Vater starb und ich musste den Laden übernehmen. Und mein Steuermann Dr. Klaus Rösch machte sein zweites Staatsexamen.« So wurde es nichts mit der Olympia-Teilnahme.

1970 heiratete er seine Frau Roswitha

Aber dafür fand er an anderer Stelle sein großes Glück: Bei einer Kellerparty lernte er Roswitha kennen, seine spätere Frau. 1970 heirateten die beiden und Tochter Evi wurde geboren. 1973 kam Karin zur Welt, die heute den Laden weiterführt.

Das Segeln hat ihn nie ganz losgelassen: 1998, als sein früherer Spezl Herbert Schuster zurück nach Waging zog und einen Vorschotmann suchte, stieg er nochmals in sein geliebtes Hobby ein, bis zwei Hüftoperationen 2012 auch die zweite Segel-Karriere beendeten. Die Zeit der Segelregatten möchte er aber nicht missen: »Das war eine wunderschöne Zeit, in der wir sehr viel rumgekommen sind.«

Noch heute hat er Kontakt zu seinen früheren Mitschülern: »Wir treffen uns immer im November«. Auch wenn inzwischen manche Wegbegleiter bereits gestorben sind, gibt es auch am Ort sicher noch manchen, der lebhafte Erinnerungen an die Kindheit und Jugend mit dem Wiedemann-Ferdl hat. Und an die Ferien anno dazumal. coho

Nachdem am Montag die Sommerferien zu Ende gehen, endet auch unsere Sommerserie. Das ist der letzte Teil von »Ferien anno dazumal«