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»Da brauchen wir aktive tätige Geduld«

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»Ich freu mich über jede abgeschrägte Steinstufe«, sagte Behindertenbeauftragte Christine Marino bei ihrem Bericht im Sozialausschuss des Landkreises.

Seinen Dank für ihre Arbeit zollte Landrat Hermann Steinmaßl in der jüngsten Sitzung des Gesundheits- und Sozialausschusses der Behindertenbeauftragten des Landkreises, Christine Marino: »Sie ist hier her gezogen, als sie in den Ruhestand ging, und hat gesagt, 'Herr Landrat, ich möchte mich engagieren'«. Inzwischen habe der Landkreis 44 Behindertenbeauftragte in den Gemeinden, er würdigte auch die Arbeit von Marinos Vorgänger Siegi Götze.


Flut von zuständigen Stellen, Vorschriften und Konzepten

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Ausführlich berichtete sie über ihre ehrenamtliche Arbeit. Problematisch sei die Flut von Initiativen und zuständigen Stellen. So gebe es eine Fülle neuer Vorschriften und Konzeptionen. Änderungen seien oft schwierig umzusetzen. »Das zeigt aber, wie wichtig uns allen das Thema ist«, sagte Marino. Beispiele seien die Änderung der Pflegestufe für Demenzkranke, Initiativen zum Bundesleistungsgesetz oder die Zusammenstellung aller DIN-Normen. »Deutschland ist das Land mit den meisten DIN-Normen«.

Ihre »Hauptbibel« sei der Bayerische Aktionsplan 2013. Der unterscheide die Gruppen Kinder und Jugendliche, Mädchen und Frauen sowie Menschen mit Behinderung im Alter. Für erstere gebe es eine Bundesratsinitiative zur Zusammenführung der Leistungen für behinderte Kinder in einem Gesetz, für Frauen Mädchen eine Initiative für Frauenbeauftragte in allen Behinderteneinrichtungen zur Gewaltprävention und -intervention.

Ein großes Thema seien Handlungsfelder wie etwa inklusive Bildung, Arbeitsleben, Barrierefreiheit bei Bauen, Wohnen, Verkehr und Tourismus, inklusiver Sozialraum und Weiterentwicklung der Eingliederungshilfe. »Ich freu mich über jede abgeschrägte Steinstufe. Die Gemeinden sind da ja dran, aber das dauert noch. Da brauchen wir aktive tätige Geduld«.

Marino würdigte die Leistungen ihres Vorgängers Siegi Götze und den Einsatz des Surberger Behindertenbeauftragten Martin Braxenthaler, der ihr sehr viele gute Anregungen gegeben habe. Sie selbst könne anknüpfen an Erfahrungen und Kontakte aus 26 Jahren im Sozialministerium (davon 12 Jahre Behinderten- und Psychiatriepolitik sowie 14 Jahre als erste bayerische Gleichstellungsbeauftragte.

Einerseits habe sie keine Satzung mit Regelung ihrer Rechtsstellung und Kompetenzen vorgefunden, nur die gelegentliche formlose Beteiligung und Information, aber nicht zum Beispiel die Beteiligung als »Träger öffentlicher Belange« im Baurecht. Das Fehlen einer Satzung sei aber andererseits auch eine Chance.

Mit den 44 Behindertenbeauftragten in den Gemeinden übernehme der Landkreis Traunstein eine Vorreiterstellung, was abgestimmtes Handeln betreffe. Weiter berichtete sie über ihre Tätigkeit seit 2011, angefangen von der Beteiligung an der Truna 2011 über das Bussicherheitstraining beim RVO, im Jahr 2012 die Besichtigung des Malteser Hilfsdienstes mit Behinderten- und Seniorenbeauftragten der Gemeinden, Treffen der Behindertenbeauftragten, Vorträge etwa zur beruflichen Integration Behinderter bis zur Beteiligung an der Regionalmesse Chiemgau 2012. Heuer gab es bereits eine Besichtigung der Firma Pohlig, einen Vortrag über gesunde Ernährung von der Diabetesberaterin des klinischen Diabeteszentrums Traunstein, den TrauDi-Übergaben an die 35 Bürgermeister und ein Treffen mit den Selbsthilfegruppen zum Thema »Schweigepflicht und Datenschutz«.

Gerade die Zusammenarbeit mit den Selbsthilfegruppen sei wichtig: »Das ist als Kompetenz zu nutzen. Da wünsche ich mir, die Scheu vor der Aufgabe der Privatheit möge sich ein wenig legen.« Im Landkreis Traunstein seien im vergangenen Jahr knapp 20 000 behinderte Menschen verzeichnet gewesen, darunter rund 15 000 Schwerbehinderte. Damit seien acht Prozent der Gesamtbevölkerung behindert, ein Drittel am Bewegungsapparat.

Besonders zu verzeichnen sei eine Zunahme psychischer Behinderungen und von Demenz. »Es gibt aber nicht nur sichtbare Behinderungen«, so Marino. »Und besonders für die alten Behinderten und die seelisch Beeinträchtigten gibt es auch Barrieren.« Marino regte an, die Aktionsgemeinschaft für Behinderte könnte sich doch ein bisschen als Ansprechpartner verstehen.

»Eine Gesellschaft, auf die wir stolz sein können«

Landrat Hermann Steinmaßl sagte mit Blick auf die Statistik, »wenn bei einem Verhältnis von elf Gesunden zu einem Behinderten alle elf mitdenken, wie sie dem einen helfen könnten, würde es für alle zwölf gut werden.« Das Netzwerk, das im Landkreis in den letzten Jahren aufgebaut wurde, zeige gute Früchte. »Natürlich müssen wir da weiterarbeiten.« Steinmaßl würdigte auch alle Kreisräte für die finanziellen Mittel. »Das trägt dazu bei, dass wir eine Gesellschaft im Landkreis haben, auf die wir stolz sein können. Das kommt alles von innen heraus und ist kleinweise gewachsen.«

Zum Thema ÖPNV-Konzept sagte Christine Marino, »wir hätten gern eine große Linie, aber ein Blinder braucht etwas ganz anderes als ein Rollstuhlfahrer.« Und Steinmaßl ergänzte: »Das ÖPNV-Konzept ist der Auftrag, aber das hilft halt nix, wenn der Rollstuhlfahrer an einem Bahnhof in den Zug einsteigen kann, aber am Ziel-Bahnhof nicht mehr aus dem Zug raus kommt.« coho