weather-image
12°

Corona-Schutzschilder und Spuckschutz: Heimische Unternehmen rüsten Produktion um

0.0
0.0
Corona-Schutzschilder und Spuckschutz: Heimische Unternehmen rüsten Produktion um
Bildtext einblenden
Ein Plastikbügel und eine austauschbare Folie: Am Klinikum Traunstein ist das Gesichtsschutzschild, das die Firmen Hörl und Kiefel entwickelt haben, bereits im Einsatz (linkes Bild). Der Spuckschutz der Seeoner Firma Aeronautec kommt inzwischen auch in Lebensmittelgeschäften in der Region zum Einsatz (rechtes Bild). Foto: Montage (l. Klinikum Traunstein; r. aeronautec GmbH)

Schnell und unbürokratisch – was die Politik in der Corona-Krise verspricht, das setzen heimische Firmen in die Tat um. Sie helfen da, wo es mangelt: bei der Produktion von Schutzausrüstung. Über Nacht wurden Konzepte für Face Shields – zu deutsch etwas sperrig Behelfsgesichtsschutzschild – oder Spuckschutzwände entwickelt, die nun in Kliniken oder Altenheimen oder bei ersten Supermärkten in der Region zum Einsatz kommen. Wie so vieles im Erfinderland Deutschland fing alles im Kleinen an – ganz konkret mit einem 3D-Drucker.

Anzeige

Der stand bei Tobias Hermann. Der gebürtige Teisendorfer, der inzwischen im Landkreis Dachau lebt, ist 3D-Druck-Spezialist, Mitglied der »Maker vs. Virus«-Community und war früher im Rettungsdienst tätig. Noch immer ist er gut im Berchtesgadener Land vernetzt. So erfuhr er Mitte März von Tobias Kronawitter, der bei den Kliniken Südostbayern für Leitung Fortund Weiterbildung zuständig ist, dass es im medizinischen Bereich an Schutzausrüstung fehlt. Doch die Beschaffung von staatlicher Seite sei unzureichend. Also hat Tobias Hermann überlegt, was er tun kann.

»Ich habe nichts erfunden«, betont Hermann im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. In der Heimwerkerszene, wie die Maker-Community früher hieß, hatte man bereits den Bedarf an einfachen Gesichtsschildern für die systemrelevanten Einrichtungen erkannt. Mit 3D-Druckern produziert die Maker-Community, darunter auch Tobias Hermann oder das Schülerforschungszentrum Berchtesgadener Land, Bügel für die Schilder; als Visiere dienen normal Bürofolien. »Es soll möglichst einfach zu produzieren und zu bedienen sein.« Eine Massenproduktion ist mit 3D-Druckern unmöglich. Ein Spritzgusshersteller musste her. Über private Kontakte bestand die Verbindung zur Firma Hörl, ein Unternehmen der Rosenberger Gruppe, in Laufen. Und die sprang sofort auf den Zug mit auf.

»Die Firma Hörl Kunststofftechnik hat es quasi über Nacht geschafft, das Projekt 'Behelfsgesichtsschild-Bügel' auf neu erstellten Werkzeugen und umgerüsteten Maschinen erfolgreich umzusetzen und nach einigen Verbesserungen innerhalb weniger Werktage in großen Stückzahlen zu produzieren«, bestätigt Theresia Stadler-Mayr vom Marketing Service der Firma Rosenberger. »Es war uns ein Anliegen, schnell und unkompliziert zu helfen.« Inzwischen werden rund 6000 Bügel pro Tag produziert. An diese werden die Schilde einfach angeklippst, sodass der Bügel mehrfach verwendbar ist. Anfangs wurden die Bügel mit Schildern aus Laserfolie versehen. Doch das Material erwies sich als nicht optimal. Und so kam über Kontakte und Austausch das Freilassinger Unternehmen Kiefel ins Spiel.

Kurzerhand wurden zwei Bandstahlmaschinen, die normalerweise zur Herstellung von Schalen oder Trays für Lebensmittelverpackungen zum Einsatz kommen und als Vorführmaschinen im Haus sind, so umgerüstet, dass sie nun die Schilder für die Face Shields produzieren.

Die Folie dazu konnte Thomas Halletz, Geschäftsführer von Kiefel, kurzfristig über einen Kunden, die Firma Dannemann aus dem österreichischen Timelkam, akquirieren. »Am Ostersonntag wurden die Schilder dann im Klinikum Traunstein getestet, sodass wir letzte Änderungen vornehmen konnten«, sagt Halletz. Inzwischen wurden rund 650.000 Schilder gefertigt. »Unser Ziel ist es, zu helfen, wo wir können«, sagt Thomas Halletz gegenüber dem Traunsteiner Tagblatt. Daher spenden derzeit die Firmen Hörl und Kiefel ihre Eigenprodukte an Ärzte, ärztliche Dienste, Krankenhäuser sowie Pflege- und Altenheime in der Region. Profitiert haben davon inzwischen vor allem die heimischen Gesundheitseinrichtungen.

Lieferungen gehen an Landratsämter und Kliniken

Beliefert wurden die Krisenstäbe der Landratsämter Traunstein und Berchtesgadener Land, die mehrheitlich die Verteilung der Schutzausrüstung übernehmen. Zudem werden auch das Klinikum Traunstein, die Landkreise Altötting und Mühldorf sowie das Salzburger Landeskrankenhaus und viele Praxen, Senioren- und Pflegeheime in der Region direkt von Kiefel beliefert. Die Salzachklinik Fridolfing erhielt jüngst eine Spende von 1000 Gesichtsschildern, die vor allem bei den Abstrichen zum Corona-Test die Sicherheit des medizinischen Personals an der Salzachklinik deutlich verbessert.

Auch wenn die Versorgung mit Schutzausrüstung an den Kliniken Südostbayern inzwischen besser läuft, ist man dort froh über jede Unterstützung. »Unsere Schutzbrillen- und Schutzschildbestände sind knapp ausreichend und werden jetzt erfreulicherweise ergänzt durch qualitativ sehr gute Behelfsschutzschilde, die in Eigenengagement der Firmen Hörl und Kiefel unbürokratisch zur Unterstützung aller in dieser Krise gefertigt wurden«, bestätigt Ralf Reuter, Pressesprecher der Kliniken Südostbayern. »Diese helfen uns und unseren Mitarbeitern in dieser Ausnahmesituation sehr.«

»Wir könnten so viel mehr tun«

Dass es in der heimischen Wirtschaft trotz der Krise Unternehmergeist gibt, freut auch Tobias Hermann. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht«, sagt der Teisendorfer im Hinblick auf die gute Zusammenarbeit zwischen den Firmen. Und doch mischt sich in seine Freude auch etwas Frust. Denn – das bestätigten unabhängig von einander auch die Sprecherinnen der Unternehmen Hörl und Kiefel – gebe es viele bürokratische Hürden, um über die Landkreise Traunstein und BGL hinaus die Behelfsschutzschilder Kliniken zur Verfügung zu stellen. »Manche Landratsämter wollen Zertifikate, die innerhalb so kurzer Zeit natürlich nicht zu bekommen sind«, bedauert Hermann die deutsche Regelungswut. »Wenn man die Maker und Firmen ließe, könnten wir so viel mehr tun.« vew

Mehr aus der Stadt Traunstein