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Cool sein: Jugendliche trinken bis zur Bewusstlosigkeit

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Gefährliche Tendenz: Jugendliche greifen auch im Landkreis Traunstein immer häufiger zur Flasche – und trinken bis zur Bewusstlosigkeit.

Traunstein. »Komm, trink doch noch was.« Die 15-jährige Julia aus Traunstein (Name von der Redaktion geändert) zögerte nur einen kurzen Moment. Sie griff nicht gleich zu einer der Flaschen, die auf dem Tisch standen. »Du bist vielleicht eine lahme Ente«, rief ihr deswegen gleich einer der Buben zu. Das wollte sich Julia nicht gefallen lassen. Sie wollte bei der Party nicht als Außenseiterin da stehen. Die Buben und Mädchen um sie herum tranken doch auch, dachte sie sich noch. Also nahm Julia noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche mit Wodka, dabei hatte sie schon eine ganze Menge getrunken – und plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen . . .


Gefahr für die Gesundheit

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Julia wurde erst am nächsten Tag wieder wach – und zwar im Krankenhaus. »Das ist leider kein Einzelfall«, sagt Emöke Kotzebue-Thiombane, Fachdienstleiterin der Fachambulanz im Caritas-Zentrum Traunstein. »Das ,binge-drinking', also das Komasaufen, nahm auch bei uns bis 2010 immer weiter zu.« Emöke Kotzebue-Thiombane belegt dies mit Zahlen: Die Krankenhauseinlieferungen im Landkreis Traunstein sind von 2005 bis 2010 um fast 100 Prozent angestiegen. Seit 2011 stagniert die Zahl der Einlieferungen.

Bei rund 150 Einlieferungen von 13 bis 20-Jährigen pro Jahr gibt es aber immer noch eine gefährliche Entwicklung, auf die die Fachambulanz in der Aktionswoche Alkohol vom heutigen Samstag bis 2. Juni besonders hinweisen möchte. »Hier zeigt sich nämlich eine reale Gefahr, die Jugendlichen im Zuge ausgelassener Feiern oft nicht bewusst genug ist«, ergänzt sie. »Ab rund 1,5 Promille können bereits lebenswichtige Reflexe im Körper beeinträchtigt sein«, warnt sie. »Dadurch besteht die Gefahr einer Unterkühlung oder wegen fehlendem Hustenreiz die Gefahr von Verätzungen der Luftröhre bis hin zum Erstickungstod.« Daher sei es wichtig, ergänzt Sophia Jaritz, Mitarbeiterin des Modellprojekts, »dass Jugendliche, wenn gemeinsam getrunken wird, die Verantwortung füreinander übernehmen können und gegebenenfalls in der Lage sind, Erste Hilfe zu leisten und einen Notruf abzusetzen.«

Seit 2008 bietet die Fachambulanz für Suchtkranke der Caritas im Rahmen des Alkoholpräventionsprojekts »HaLT – Hart am Limit« für Jugendliche, die mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden, und deren Eltern Unterstützung an. Sowohl für die Jugendlichen als auch für ihre Eltern sei der »Morgen danach« in der Klinik meist von vielen Emotionen geprägt, betont Emöke von Kotzebue-Thiombane. »Angst, Wut, Scham, Ungläubigkeit oder die Frage – ,Wie das passieren konnte' – können dabei ebenso auftreten wie Erleichterung oder Dankbarkeit, dass die gefährliche Situation überstanden ist.«

Gerade in diesem Moment kann das Projekt »HaLT« eine Stütze sein. »Speziell ausgebildete Mitarbeiter besuchen Betroffene direkt im Krankenhaus«, sagt die Fachdienstleiterin. Bei dem Gespräch gehen die Mitarbeiter auf den Vorfall ein, aber sie können auch Motive und Risikobereitschaft thematisieren sowie suchtmittelspezifische oder rechtliche Fragen behandeln. Auch die Schul- oder die Familiensituation kann miteinbezogen werden »Auf diesem Weg konnten bis Ende vergangenen Jahres 134 Jugendliche und in fast ebenso vielen Fällen deren Eltern erreicht werden«, sagt Emöke von Kotzebue-Thiombane.

Darüberhinaus haben die Jugendlichen die Möglichkeit, am Kurs »Risiko-Check« teilzunehmen. »Obwohl nur bei wenigen Betroffenen bereits eine Suchttendenz zu erkennen ist, kann durch das Komasaufen eine Suchtgefährdung entstehen«, sagt sie.

»Wir sind auf dem richtigen Weg«

Bei diesem Kurs absolvieren die Jugendlichen unter anderem eine Klettereinheit, einen kleinen Erste-Hilfe-Kurs und ein Alkoholquiz, zudem steht ein Gespräch mit einem trockenen Alkoholiker auf dem Programm. »Die Rückmeldungen zeigen uns, dass oft eine ernste Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten stattgefunden hat«, sagt Sophia Jaritz. »Dabei freue ich mich besonders über konkrete Änderungsideen, zum Beispiel für das Feierverhalten in der Zukunft.«

Auch Julia absolvierte dieses Programm – beeindruckt war sie vor allem vom Klettern. »Ich hätte ja niemals geglaubt, dass ich das schaffe«, sagt sie, »und dass mir so etwas so viel Spaß macht. Schon komisch, dass ich dafür erst ins Krankenhaus musste.«

Für Emöke von Kotzebue-Thiombane ist das ein wichtiges Zeichen: »Wir sind im Landkreis Traunstein mit dem HaLT-Projekt auf dem richtigen Weg.« SB