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»Café International« als unverzichtbare Abwechslung

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Das Café International ist für sie eine wichtige Abwechslung in einem nicht einfachen Alltag: Shiba (Zweite von rechts) und Samim (links) im Gespräch im Café International mit den Besuchern Achim Breidenstein und Heidi Pötscher. (Foto: Wittenzellner)

Traunstein. Offen und konzentriert erwidert er den Blick und versucht auch schwierige deutsche Ausdrücke zu verstehen: Samim Sadat, 24 Jahre alt und aus Afghanistan, lebt mit seiner Frau Shiba Feyzi als Asylbewerber in Traunstein. Sie erwarten in gut eineinhalb Monaten ein Baby.


Wie viele Afghanen sind sie aus ihrem Land weggegangen – einem Land, das sich von der russischen Invasion 1979 und den anschließenden Kämpfen der Mudschahedin und dem Vormarsch der Taliban nie erholt hat. Erst recht nicht nach der US-geführten Intervention im Oktober 2001 und den seither andauernden militärischen Auseinandersetzungen mit den weiter meist aus dem Hinterhalt agierenden Taliban.

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Er wollte studieren und durfte nicht

»Es ist alles kaputt«, sagt er mit Wehmut in der Stimme, wenn er an sein Land denkt. Samim und Shiba zogen mit ihren Familien in den Iran – wo sie wie Menschen zweiter Klasse lebten. Samim wollte studieren, durfte aber nicht. Als die beiden einander kennenlernten und heiraten wollten, hatte Shibas Familie ihre Tochter bereits einem anderen Mann versprochen. Sie heirateten dennoch, aber der Versuch, sie zu trennen und auf »versprochenes Recht« zu pochen, hörte nicht auf. Sorgen und Ängste vor unverhohlenen Drohungen ließen den Plan reifen, wegzugehen.

2012 flüchteten die beiden in die Türkei. Doch auch dort gab es keine dauerhafte Bleibe und so gingen sie nach sechs Monaten nach Griechenland und schließlich nach Deutschland, wo sie Asylantrag stellten und über München und Engelsberg in die Stadt Traunstein gebracht wurden. Hier leben sie seit zehn Monaten zusammen in einer Ein-Zimmer-Wohnung und hoffen auf die Anerkennung ihres Asylantrags. Und Samim hofft, dass er einen Beruf erlernen kann – was ihm im Iran nicht gestattet wurde. »Ich würde gerne etwas lernen und arbeiten, was mit Elektrotechnik zu tun hat«, sagt der 24-Jährige und ist weit davon entfernt, in das oft bemühte Bild eines »Sozialschmarotzers« zu passen.

Wenn man die beiden fragt, was ihnen besonders wichtig ist, kommt schnell der Hinweis auf die Lehrer der Berufsschule I, die sie in der neuen BAF (Berufsausbildung für Asylbewerber und Flüchtlinge) unterrichten und zu »Kümmerern« geworden sind – weit über die Aufgaben eines Lehrers hinaus. Das Café International, eine Initiative des konfessions- und organisationsübergreifenden »Traunsteiner Netzes«, findet einmal im Monat im großen Saal der Evangelischen Kirchengemeinde statt.

Besucher schenkte ihr ein Deutsch-Buch

Es ist für sie eine Möglichkeit, Menschen kennenzulernen. Hier können sie Besuchern ihre Geschichte erzählen und Kontakte knüpfen. »Wir kommen immer hierher«, sagt Samim und freut sich, dass es hier Menschen gibt, die ihnen helfen wollen. »Letztes Mal bekam ich ein Buch geschenkt und kann damit mein Deutsch verbessern.«

Der evangelische Pfarrer Sebastian Stahl kennt viele Asylsuchende, die ins Café kommen. Freudige, herzliche Begrüßungen finden da statt, während man locker an den Tischen sitzt. Er selbst ist begeistert von dem ehrenamtlichen Engagement vieler Bürger aus der Stadt und der Region, erzählt er, während Traunsteins Dritte Bürgermeisterin Waltraud Wiesholler-Niederlöhner wie eine Kellnerin durchs Café wirbelt und schaut, dass nichts fehlt.

Das »Traunsteiner Netz« findet bereits Nachahmer, wie ein ähnliches Konzept in Berchtesgaden zeigt. Viele Ehrenamtliche helfen mit, um den Asylsuchenden, von denen derzeit gut zehn in Traunstein leben (zu Spitzenzeiten waren es 23, einige sind aber inzwischen nach Ablehnung ihres Asylantrags abgeschoben worden), etwas Gutes zu tun. »Die Traunsteiner sind umwerfend«, freut sich Pfarrer Stahl über das Engagement im Café, aber auch bei Behördengängen oder beim Unterricht in Deutsch.

Kopfschüttelnd spricht er aber auch über die andere Seite: Über anonyme Briefe, die er persönlich aufgrund seines Engagements für die Asylsuchenden erhält, was ihn aber nicht davon abbringt, christliche Nächstenliebe aktiv zu praktizieren und andere darin zu ermutigen: »Diese Briefe werfe ich so, wie sie kommen, gleich weg.«

Er erinnert sich, wie die Idee des Cafés entstand: Nachdem die Menschen im August kamen, war klar, dass hier »Menschen wie du und ich« sein werden: Freundliche Menschen, schwierige Charaktere mit Ecken und Kanten, lebensfrohe und verstörte Menschen gleichermaßen – und »alle mit einer Wahnsinnsgeschichte im Gepäck«. Bei der Informationsveranstaltung in Heilig Kreuz im vergangenen Jahr habe er in der aufgeheizten Stimmung eine diffuse Angst ausgemacht. Da gab es Wortmeldungen, wie etwa, dass Familien nun ihre Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt spielen lassen könnten. Das Café als Treffpunkt biete nun die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von den Menschen zu machen.

Nächster Termin ist am 4. Mai

Für die Freunde des Cafés International heißt es nun wieder warten, bis am 4. Mai (im April fällt das Café aus) um 15 Uhr wieder Kaffeeduft das Gemeindehaus füllt. Pfarrer Stahl macht Mut, dann als Besucher mit dabei zu sein. Er höre immer wieder, dass interessierte Traunsteiner gerne kämen, aber Sorge hätten, dass ihre Englischkenntnisse nicht ausreichten. »Die Asylbewerber sprechen schon recht gut Deutsch. Aber es kommt vor allem darauf an, Präsenz zu zeigen und einfach da zu sein.«

Das Café International war für Samim und Shiba ein Tag mit einer schönen Abwechslung. Rauskommen aus den »eigenen« kleinen vier Wänden und mit anderen Menschen in einer ungezwungenen Atmosphäre in Berührung kommen. Jetzt hoffen die beiden auf ein gesundes Kind und eine gemeinsame Zukunft als junge Familie in Traunstein: »Ich hoffe, dass meine Frau und ich mit unserem Kind hier ein gutes Leben haben können und dass wir bleiben dürfen.« awi