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Burschenverein Ruhpolding feiert 125-jähriges Bestehen

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Eines der seltenen Dokumente aus der Ruhpoldinger Burschenvereinschronik – die undatierte Aufnahme dürfte etwa aus den 1920ern stammen.

Ruhpolding – Ein ganz besonderes Jubiläum steht am Wochenende dem Burschenverein Ruhpolding ins Haus: das 125. Gründungsfest. Den Auftakt bildet ein zünftiger Jubiläumsabend mit verschiedenen Musikgruppen und Tanz im Kurhaus, am Sonntag steht der Festgottesdienst vor dem Kurhaus mit anschließendem Festzug im Mittelpunkt.


Gegründet wurde der Burschenverein Ruhpolding 1891, nachdem sich unter den jungen Männern im Miesenbacher Tal – wie auch andernorts – der Wunsch nach Selbstbestimmtheit breitmachte, um abseits aller gesellschaftlichen Zwänge die Geselligkeit zu pflegen. Dass dieses Ansinnen damals einer kleinen Revolution gleich kam und im Dorf unterschiedlich aufgenommen wurde, kann man sich leicht vorstellen.

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Hang der Jugend zur Vergnügungssucht beklagt

Während manche Seelsorger solche Burschenschaften mit dem Hintergedanken unterstützten, die männliche Jugend für die Ideale der Kirche zu gewinnen, hatten es die Ruhpoldinger Burschen mit einem vehementen Gegner zu tun: Pfarrer Josef Thalmayr. Denn in einem geharnischten Brief an das Königliche Bezirksamt in Traunstein ging der Geistliche mit allen Mitteln gegen die Dorfjugend vor, indem er unter anderem »…den ohnehin so mächtig hervortuenden Hang der ländlichen Jugend zur Genuss- und Vergnügungssucht« anprangerte und zugleich befürchtete, »…dass unter den Bauernburschen das 'kneipen' an Werktagen in Usus kommt….und auch auf die weibliche Jugend ein verderblicher Einfluss ausgeübt werden wird!«

Wie aus der Chronik hervorgeht, blieb die »wohlmotivierte Bitte« des Pfarrers, »…die distriktpolizeiliche Genehmigung versagen zu wollen«, ungehört, weil es dazu keine gesetzlichen Möglichkeiten gab. Zwei Jahre darauf zählte der Burschenverein bereits 140 Mitglieder. Trotz heftigen Gegenwinds aus der Bevölkerung, von Gemeindevätern und der Geistlichkeit setzten die Burschen ihr Vorhaben um und gründeten 1891 ihren Verein.

Erster Vorstand war damals Sebastian Nothegger (Viehdoktor Wastl), Schriftführer Josef Schweiger und Kassier Andre Haßlberger. Die Eintrittsgebühr betrug 60 Pfennig, und als Jahresbeitrag wurden 50 Pfennig erhoben. Leider existieren aus der Gründungszeit nur spärliche Aufzeichnungen über damalige Aktivitäten wie Burschenbälle, Christbaumversteigerungen und Gartenfeste.

Da der Viehdoktor Wastl wegen Heirat aus der Vorstandschaft ausscheiden musste, übernahm 1895 Josef Schweiger sein Amt. Trotz knapper Mittel beschloss man bald den Kauf einer Fahne für 500 Mark, die 1898 im Beisein des Patenvereins Reit im Winkl geweiht wurde. Dass der Burschenverein mittlerweile auch in der Bevölkerung akzeptiert war, beweist das von der Gemeinde gestiftete Fahnenband. Auf der Fahne war der heilige Valentin aufgestickt, der Schutzpatron der Kranken. Aus den anfänglichen Anliegen, die Geselligkeit zu pflegen und zu fördern, wurde bald die Hilfe für Mitglieder im Krankenfall oberstes Gebot. Der »Burschen-Kranken-Unterstützungs-Verein Ruhpolding«, wie sich der Verein nun nannte, konnte seinen Mitgliedern in Notfällen beistehen und sie finanziell unterstützen.

1926 musste die Fahne restauriert werden

1926 kam es zur Restaurierung der Fahne im damaligen St.-Anna-Haus in Ruhpolding. Laut Rechnung wurden dafür 879 Arbeitsstunden zu je 60 Pfennig benötigt. Der Betrag in Höhe von 813,95 Mark konnte in Raten beglichen werden. Im selben Jahr feierte man das 35. Gründungsjubiläum. In der entbehrungsreichen Nachkriegszeit (aus beiden Kriegen kamen 75 Mitglieder nicht mehr zurück) oblag es Christian Hechenbichler (Simandl), den Wiederaufbau in Gang zu bringen.

Mit der Wahl von Josef Plenk zum Vorsitzenden begann für den Verein eine Ära, die wohl über die Gemeindegrenzen hinaus als rekordverdächtig bezeichnet werden kann. 50 Jahre lang stand der »Stockreiter-Sepp« mit Umsicht, Herz und Verstand an der Spitze. In das halbe Jahrhundert seiner »Regierungszeit« fiel die neue Satzung (ausgearbeitet vom damaligen Amtmann Leonhard Schmucker), nach deren Genehmigung 1963 der Verein den ursprünglichen Namen »Burschenverein Ruhpolding« trägt. Nach dem Wegfall der Krankenunterstützung, die die Krankenkassen übernommen hatten, legte man nun wieder das Augenmerk auf Kameradschafts- und Geselligkeitspflege.

1991, zum 100-jährigen Bestehen, richtete der Verein das Gaufest mit Weihe der neuen Fahne aus. Fahnenmutter war damals Posthalterin Elisabeth Rechl, Fahnenbraut Christine Hinterreiter (Hansenbauer).

Ein langjähriger Wegbegleiter, auf den sich der Stockreiter felsenfest verlassen konnte, war bis 1994 sein Stellvertreter, Schriftführer und Festleiter Hans Hallweger (Progoder). In der Folge standen Josef Plenk zur Seite: zweiter Vorstand Georg Hollweger, Schriftführer Rudi Rechl und als Kassier Anton Krutzenbichler. Der Dachverband der Burschenvereine würdigte Plenks besondere Verdienste mit einer Ehrenurkunde, die Ruhpoldinger ernannten ihn zum Ehrenvorstand.

Seit 2010 ist Christian Haller sen. Vorsitzender

Seit 2010 leitet nun Christian Haller sen. die Interessengemeinschaft, die seit kurzem als eingetragener Verein geführt wird. Er füllt mittlerweile die Fußstapfen seines Vorgängers bestens aus und sorgte für eine Verjüngung der Mitgliederstruktur. Seit Hallers Amtsantritt gab es einen Zuwachs von 40 jungen Mitgliedern, sodass dem Verein mittlerweile 220 Burschen angehören. Besonders erfreut ist man über die »Strohnschneid-Musi«, die sich aus dem Nachwuchs heraus gebildet hat.

Die aktuelle Vorstandschaft setzt sich zusammen aus Vorstand Christian Haller, zweitem Vorstand Markus Semmelmayr, Kassier Thomas Hochreiter, Schriftführer Sebastian Plenk (Saliter) und der Fahnensektion Benno Gehmacher (Michlbauer), Franz Haßlberger, Korbinian Haller.

Die Jubiläumsfeier beginnt am Samstag um 18 Uhr mit dem Totengedenken am Feldaltar auf der Kurhauswiese. Anschließend ist ab 19 Uhr Fest- und Tanzabend mit den Chiemgau-Böhmisch, der Strohnschneid-Musi und der 5-Dörfer-Musig im Kurhaus Ruhpolding. Am Festsonntag beginnt um 10 Uhr der Festgottesdienst auf der Kurhauswiese mit anschließendem Festzug durch den Ort und Ausklang in der Eishalle. ls