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Bürgerbegehren in Übersee wird auf den Weg gebracht

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Übersee. Seit fünf Jahren ist in Übersee die Neuordnung des Chiemseeufers im Gespräch und vor kurzem mit einem einstimmig beschlossenen Bebauungsplan formal abgesegnet worden. Doch erst jetzt sind die Überseer Bürger nach eigenem Bekunden »aufgewacht«: Rund 100 Bürger kritisierten in einer Infoveranstaltung von Bürgermeister Marc Nitschke und den Projektplanern vor allem die beabsichtigten, massiven Vergrößerungen der beiden Gastronomie- und Hotelbetriebe Seewirtschaft und Chiemgauhof. Im Anschluss an die Veranstaltung fasste der harte Kern der Kritiker den Entschluss, ein Bürgerbegehren anzustreben (wir berichteten bereits gestern).


Widerstand gegen die Planung hatte sich schon in einer Infoveranstaltung der Überseer Grüne« formiert. Nun kamen an die 100 Kritiker in den überfüllten Rathaussaal. Als Initiator stellte Wolf Steinert, Leiter des Arbeitskreises Ortsentwicklung, zunächst klar, »dass sich die Veranstaltung nicht gegen die Gemeinde richtet«, sondern sich als Chance für eine Meinungsbildung auf beiden Seiten verstehe. Formal sei nichts gegen den Bebauungsplan einzuwenden.

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Unter dem Aspekt »einer stets ausführlichen Bürgerinformation« und Beteiligung aller Behörden ließ Bürgermeister Marc Nitschke dann noch einmal die Entwicklung der fünfjährigen Planung Revue passieren. Den letztens häufig gehörten Vorwurf, die Überseer Bürger seien künftig vom See ausgesperrt, wollte der Rathauschef nicht gelten lassen: »Der Bürger kann überall ans Seeufer und hat durch die Einrichtung des Chiemseeparks mit Freiflächen, Bänken und Spielplatz sowie der Verbannung wild parkender Autos sogar verbesserte Freizeitmöglichkeiten.«

Die Grundlage zur Erweiterung der beiden Hotel- und Gastronomiebetriebe seien nach Nitschkes Worten der zunehmende Bettenbedarf im Ort und der »Hotelmasterplan des Landkreises Traunstein« gewesen. Darin wurde die Feldwieser Bucht als »hervorragender und ausbaufähiger Standort für hochwertige Hotelbetriebe« bewertet. Die Befürchtung der Kritiker von einem künftigen »Massentourismus« sah der Bürgermeister angesichts 20 neuer Betten in der Seewirtschaft und 50 im Chiemgauhof nicht gegeben.

Höhe der Seewirtschaft würde sich verdoppeln

Als große Zukunftschance sah auch Städteplaner Dietmar Narr aus Marzling das Planungswerk. Der Stolz des Planers verpuffte jedoch bei den Kritikern nach Narrs dargelegten Einzelheiten über die neuen Gebäudegrößen. So werde sich die Höhe der Seewirtschaft von jetzt 3,5 auf 7,15 Meter mehr als verdoppeln, die Grundfläche sich mit dann 800 Quadratmetern verdreifachen und das Bauvolumen gegenüber heute sechs Mal so groß sein.

Noch massiver dürften laut Bebauungsplan die möglichen Ausmaße des geplanten, dreigeschoßigen Chiemgauhofes mit einer durchgehenden Höhe von neun Metern (jetzt 6,5 Meter) und der gesamten bebauten Fläche von 2500 Quadratmetern werden. Auch das zum Chiemgauhof gehörende Haus östlich der Straße werde auf eine Grundfläche von 400 Quadratmeter (jetzt 150) und eine Höhe von sieben Meter (jetzt 2,5) vergrößert. Für die neu geplante Beach-Bar ist eine Höhe von drei Meter und eine Grundfläche von 87 Quadratmeter angesetzt.

Als »viel zu massive Betonklötze« verurteilten die Kritiker diese Ausmaße und befürchteten damit »eine Totalvermarktung des Chiemseeufers«. Ihr übereinstimmender Wunsch: »Wir möchten die Erweiterungen reduzieren und vor allem die jetzigen Gebäudehöhen festschreiben«. Letzteres sei besonders wichtig, um bei eventuellen, späteren Verkäufen an Investoren keine bösen Überraschungen zu erleben.

Hier sah Bürgermeister Nitschke Kompromissmöglichkeiten: »Sollte der Chiemgauhof bei seiner Erweiterung unter der Maximalhöhe des Bebauungsplanes von neun Metern bleiben, könnte der Gemeinderat über eine entsprechende Festschreibung der Gebäudehöhe entscheiden.« Hier und jetzt seien ihm aber keine bindenden Zusagen möglich. Während den Gegnern dieses Angebot zu vage war, bewertete es Steinert immerhin als »bemerkenswerte Wende«.

Auch die von Planer Franz Gruber von der Firma HPC in Übersee vorgestellte Straßenplanung mit einer durchgängigen Verbreiterung der Julius-Exter-Promenade auf fünf Meter, einem Geh- und Radweg vom Chiemgauhof bis zum Strandbad direkt neben der Straße von 2,5 Meter Breite und 300 zusätzlichen Parkplätzen im gesamten Bereich kam nicht ohne Kritik aus. So sahen die Bürger im Radlweg ohne eine Abtrennung zum Autoverkehr und mit der Vermischung von Fußgängern und Radfahrern bei nur 2,5 Meter Breite ein hohes Gefahrenpotenzial.

Der Abend sei gut gelaufen, resümierte Steinert angesichts der von Bürgermeister Nitschke angedeuteten Kompromissmöglichkeit. Das sahen etwa 15 Kritiker anders: Nach einigen Diskussionen entschieden sie sich zu später Stunde für ein Bürgerbegehren. Einzelheiten sollen am heutigen Samstag festgelegt werden.

Nitschke: Kompromiss teilweise realisiert

Inzwischen hat Bürgermeister Nitschke gegenüber unserer Mitarbeiterin erklärt, dass er die in der Versammlung geäußerte Kompromissmöglichkeit bereits teilweise realisiert habe. In Übereinkunft mit Christof Imdahl, Geschäftsführer des Chiemgauhofs, soll die umstrittene Seitenwandhöhe – statt der im neuen Bebauungsplan enthaltenen neun Meter – auf maximal 7,5 Meter reduziert werden. Eine entsprechende Bebauungsplanänderung sei bereits auf die Tagesordnung der nächsten Gemeinderatssitzung am kommenden Donnerstag gesetzt worden. Dabei soll auch über die Festschreibung dieser neuen Ausmaße für die Zukunft entschieden werden. bvd