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Brückenschlag zwischen Flüchtlingen und Einheimischen

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Die einzelnen Schicksale der Flüchtlinge, die Angst vor dem Ertrinken, Gewalterfahrungen oder die Hoffnung auf ein besseres Leben thematisierte die Performance der Theaterwerkstatt Traunstein im »Chor der Schutzflehenden«. (Foto: Effner)

Traunstein – Nach der Flüchtlingswelle im Herbst 2015 haben über eine Million Menschen in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Doch sind die von Verlusten, harten Entbehrungen und monatelangen Strapazen geprägten Menschen nach ihrer Flucht wirklich bei uns angekommen?


Bei einer Fotoausstellung im Landratsamt zeigen noch bis Mitte November über 300 Fotografien, wie Flüchtlinge mit den Herausforderungen des Alltags umgehen, was ihnen in ihrer neuen Umgebung besonders auffällt und wie vielfältig sich die Kontakte mit Einheimischen gestalten. Die Ausstellung ist ein zentraler Teil des Film-, Foto- und Theaterprojekts mit dem Titel »Angekommen?!«, das jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

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Bereits 2016 hat die Katholische Erziehergemeinschaft Bayern (KEB) das Vorhaben im Rahmen der Initiative Integration und Toleranz der Stiftung Wertebündnis Bayern gestartet. Treibende Kraft war KEB-Landesvorsitzende Ursula Lay, zugleich Kulturreferentin der Stadt Traunstein. Ziel ist, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene über das Medium Smartphone-Fotografie miteinander in Kontakt und ins Gespräch zu bringen, gegenseitige Befindlichkeiten zu erspüren und auf kreative Weise ihre Gedanken und Erfahrungen des »Ankommens« und die Herausforderungen des Alltags zu thematisieren.

Zum Auftakt drehte Fotograf und Regisseur Hans Günther Kaufmann einen Film zum Thema, der die besondere Situation der Flüchtlinge in der neuen Heimat, das gegenseitige Kennenlernen von Einheimischen und Flüchtlingen und die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Bräuchen und Verhaltensweisen thematisiert. Im weiteren Verlauf schloss sich zudem ein Improvisationstheater dem Projekt an, das vom Bayerischen Sozialministerium, dem Wertebündnis Bayern und von der Erzdiözese München Freising gefördert wird.

In Traunstein entstand daraus im Zusammenwirken von Flüchtlingen sowie Schülern und Lehrkräften aus fünf Schulen samt Berufsintegrationsklassen, von Ehrenamtlichen des Traunsteiner Netzes und von Künstlern eine Fotoausstellung. Diese war im Sommer im Rahmen der Offenen Jahresausstellung des Kunstvereins Traunstein und der Chiemgauer Kulturtage im Landratsamt Traunstein zu sehen. Eine Videoinstallation des Q3-Medienquartiers in Traunstein präsentierte zudem in einer Videoinstallation sämtliche der mehr als 450 angefertigten Fotos.

Bei der Vorstellung des Projekts von Ursula Lay rief die Grünen-Landtagsabgeordnete Gisela Sengl die Schwierigkeiten der Flüchtlingspolitik ins Gedächtnis. »Wir müssen alle dazu beitragen, dass dieser Prozess gelingt.« Ausgehend von den eigenen Vorstellungen, wo und wie jemand »angekommen« sei, stellte sie auch das Gefühl des »Angenommenseins« bei den Flüchtlingen heraus, das die Voraussetzung für eine gelingende Integration bilde.

Die einzelnen Schicksale der Flüchtlinge, die Angst vor dem Ertrinken, Gewalterfahrungen oder die Hoffnung auf ein besseres Leben thematisierte die Performance der Theaterwerkstatt Traunstein im »Chor der Schutzflehenden«. An Vorbildern aus der Antike angelehnt, erinnerte die umständliche Ausdrucksweise und der monotone Sprachduktus der gleichzeitig Sprechenden an eine moderne Kakophonie, die eine wirkliche Verständigung schwierig macht. Immer wieder wechselte das Ensemble dabei aus der Rolle der Flüchtenden zu den Einheimischen, die im trotzig gesungenen Lied »Kein schöner Land in dieser Zeit« die Augen vor den veränderten Gegebenheiten verschließen. Zusammen mit ihrem künstlerischen Leiter Reinhold Lay ist die Theaterwerkstatt Traunstein für ihr Engagement im Sommer mit dem »Roter-Reiter-Preis« ausgezeichnet worden.

Einen weiteren Akzent für den befruchtenden Austausch verschiedener Kulturen setzte bei der Projektpräsentation im Landratsamt auch das Chiemgauer Ensemble »Gschekad« mit Klezmer-, Gipsy- und Latinklängen. Wie sich mit einfallsreichen Improvisationstheater Sprachbarrieren humorvoll überwinden lassen, zeigten Yusuf Demirkol und Ercan Öksüs als Duo »Spontan getürkt« in mehreren szenischen Einlagen. eff