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Braucht jede Gemeinde einen eigenen Hausarzt?

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Traunstein. Die flächendeckende, bedarfsgerechte Versorgung des ländlichen Raums mit Haus- und Fachärzten stand gestern auf der Agenda des Planungsausschusses des Regionalen Planungsverbands für Südostoberbayern. Insbesondere im Norden der Region 18, also in den Landkreisen Altötting und Mühldorf, zeichnen sich bereits Versorgungsengpässe ab.


Dem zunehmenden Bedarf an ärztlichen Leistungen, bedingt durch die demografische Entwicklung, steht eine Überalterung bei den niedergelassenen Ärzten entgegen – die sich in absehbarer Zeit aus Altersgründen aus ihrem Beruf zurückziehen werden. Der Verbandsvorsitzende, Traunsteins Landrat Hermann Steinmaßl, stellte die Prognose: »Es ist davon auszugehen, dass nicht mehr alle Praxen, insbesondere in kleinen ländlichen Gemeinden, besetzt werden können.«

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Der Tenor gestern in dem Gremium: Der zu befürchtenden mittelfristigen Ausdünnung bei der Zahl der Hausärzte muss rechtzeitig und wirksam begegnet werden. Dabei wurde auch die Frage angeschnitten, ob wirklich jede Gemeinde einen eigenen Hausarzt haben muss. Und: Um die Versorgung auf dem Land sicherzustellen - wer muss dafür sorgen? Eine Arbeitsgruppe aus Bürgermeistern und weiteren Akteuren soll jetzt nach Willen des Ausschusses entstehen – zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch und zur Bildung weiterer Modellgemeinden.

Albert Eicher vom Bayerischen Gesundheitsministerium betonte, Bayern verfüge bundesweit über das dichteste Ärztenetz und biete die beste Versorgung. Die Ausbildung eines Arztes dauere im Durchschnitt zehn Jahre. Frischgebackene Ärzte scheuten die Selbständigkeit, wollten zum Beispiel eher in Praxisgemeinschaften arbeiten – mit der Folge, dass die Zahl der Standorte weniger werde. Eicher informierte, im Rahmen des Strukturgesetzes sei die »Residenzpflicht« entfallen. Ein Arzt müsse nicht mehr in der Gemeinde wohnen, in der seine Praxis liege.

Der Freistaat fördert Projekte für »innovative Versorgungsmodelle«, beispielsweise die Niederlassung von Ärzten in Gemeinden unter 25 000 Einwohnern. Die Praxisgründung werde mit 60 000 Euro unterstützt, primär in den Landkreisen Altötting, Mühldorf und Rosenheim. Auch die Facharzt-Weiterbildung von Medizinstudenten im ländlichen Raum werde gefördert.

In der Diskussion im Gremium war von einem »Überangebot an Fachärzten« die Rede. Es sei versäumt worden, den Hausarztberuf attraktiv zu gestalten. Gar mit einer strukturellen Unterversorgung muss sich die kommunale Selbstverwaltung auseinandersetzen, trug Günther Pfaffeneder, Verwaltungsleiter einer Klinik, bei.

60 Prozent der Arzttätigkeit sei »kassenbezogen«. Die Ärztekammer müsse sich bewegen, ebenso der Gesetzgeber. Die Anerkennung der Ausbildung von ausländischen Ärzten müsse zudem verbessert werden. Die Zahl der Studienplätze sei in den vergangenen Jahren nicht größer geworden und müsse ebenfalls erhöht werden. Auch die Zulassungsbedingungen müssten überdacht werden. Wenn ein junger Mensch schon als Rettungssanitäter gearbeitet habe, müsse es vielleicht nicht unbedingt »die Eins« im Abiturschnitt sein. Medizinstudenten fänden ihren Beruf eigentlich toll, hätten aber »Angst vor der Bürokratie«.

In der intensiven Diskussion klangen noch viele weitere Argumente an. Verbandsvorsitzender Steinmaßl unterstrich: »Wir sind bereit, mitzudenken und mitzuhelfen.« kd