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Bio-Streuobstwiesen fast überall

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Wer für sein Streuobst den höheren Preis bei den Keltereien haben möchte, muss seine Streuobstwiesen zwingend Bio-zertifizieren lassen. Darauf wurde in der jüngsten Kreisausschusssitzung hingewiesen. (Foto: Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft)

Traunstein – Die Bio-Zertifizierung von Streuobstwiesen durch den Landschaftspflegeverband Traunstein schlägt sich direkt im Geldbeutel nieder. Wer Äpfel und Birnen von zertifizierten Obstangern für Bio-Saft in Keltereien anliefert, bekommt etwa den doppelten Erlös im Vergleich zu den üblichen Preisen. Wie Verbandsgeschäftsführer Jürgen Sandner im Kreisausschuss informierte, soll die Bio-Zertifizierung auf Zwetschgen und Walnüsse ausgeweitet werden. Damit wäre keine neue Erfassungsaktion notwendig – falls sich für dieses Obstsorten Verwertungsmöglichkeiten ergeben.


Die Zertifizierungsidee geht zurück auf die »Streuobstinitiative Chiemgau e.V.«, die sich vergangenes Jahr an die Landkreise Traunstein und Rosenheim gewandt hatte – mit der Bitte um Unterstützung für das geplante Projekt »Streuobst wertschätzen und erhalten«. Nach reger Diskussion sprang der Landschaftspflegeverband als Projektträger ein. Seit 2002 organisiert der Verband Obstbaumpflanzungen. Im Landkreisgebiet wurden im Herbst 250 neue Bäume gepflanzt, davon 96 mit staatlicher Förderung über die »Bayerische Landschaftspflegerichtlinie« und 154 ohne Staatszuschuss.

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90 Prozent bereits als »bio« bewirtschaftet

Im Zug der 2018 gestarteten Bio-Zertifizierung wurde deutlich: Die meisten Streuobstwiesen, etwa 90 Prozent, werden bereits nach Bio-Kriterien bewirtschaftet, also ohne Kunstdünger und ohne chemische Spritzmittel, zumeist auch ohne Einsatz von Gülle. Die Bewirtschafter sind nach Christof Sandner meist keine Bio-Bauern, sondern konventionelle oder überhaupt keine Landwirte.

Auch auf öffentlichen Flächen wird Streuobst geerntet. Obwohl dieses Obst »bio« ist, darf es nicht als »bio« an Keltereien verkauft werden. Es gilt als konventionelles Obst mit entsprechend unattraktivem Preis. Der Verbandsgeschäftsführer weiter: »Damit ist die Motivation gering, das Obst aufzusammeln.« Andererseits suchten die regionalen Keltereien in Übersee, Laufen und Garching an der Alz angesichts des jährlichen Wachstums im Bio-Bereich dringend Bio-zertifiziertes Obst.

Fast doppelter Erlös bei wenig Aufwand

Der Landschaftspflegeverband, selbst nach EU-Öko-Verordnung als Bio-Betrieb anerkannt, schließe mit interessierten Obstwiesenbesitzern sogenannte »Obstnutzungsverträge«, erläuterte Sandner zum Ablauf. Die Bio-Kontrollstelle besichtige die Obstwiesen und zertifiziere sie. Das könne für alle Obstsorten geschehen. Der Erzeuger bewirtschafte die Obstwiese wie bisher und erhalte weiterhin landwirtschaftliche Förderung. Im Namen des Landschaftspflegeverbands könnten die Erzeuger dann im Herbst nach Terminvereinbarung an die Keltereien liefern. Zum Nutzen der Aktion führte der Referent aus, ohne großen bürokratischen Aufwand winke ein fast doppelter Erlös für das Bio-Obst. Das sei auch ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Streuobstwiesen. Zudem verfügten die Keltereien über mehr Bio-Obst aus der Region.

Bereits Bio-zertifiziert wurden vergangenes Jahr 13 Streuobstwiesen im Landkreis Traunstein mit 550 Obstbäumen, davon 330 Apfelbäume in Ruhpolding, Übersee, Vachendorf, Chieming, Surberg, Waging, Petting, Kirchanschöring und Fridolfing. Überall war nach Sandner die »rückwirkende Anerkennung« möglich: »Das erspart eine dreijährige Übergangszeit. Man konnte also sofort Bio-Obst liefern und den höheren Preis erhalten.«

Zum Thema Geld verwies der Verbandsgeschäftsführer auf Abnahmepreise von 20 Euro je Doppelzentner Bio-Äpfel in den Keltereien in Übersee und Laufen. Der Landschaftspflegeverband habe von den 20 Euro 18 Euro an die Erzeuger ausgezahlt, zwei Euro als Beitrag zu den Unkosten einbehalten. Beide Keltereien zusammen hätten über 20 Tonnen Bio-Äpfel abgenommen. Aus einer Tonne seien circa 650 Liter Apfelsaft zu gewinnen. 14 weitere Anfragen für eine Zertifizierung, davon acht aus der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel, lägen bereits vor, hob Sandner heraus. Die nächste Bio-Erstkontrolle sei für April und Mai geplant. Schon jetzt sei absehbar, dass die heurige Obsternte deutlich geringer ausfallen werde, als letztes Jahr: »2018 war ein außergewöhnliches Jahr.«

In der Aussprache warf Heinz Wallner, Bayernpartei, ein, das System sei »nicht begreiflich«: »Wir haben 1500 Kilogramm Äpfel in Übersee pressen lassen. Unser Obstanger ist absolut bio. Wenn man nichts macht, kriegt man nur den halben Preis.« Der Landrat stellte fest: »Andersrum. Wenn man etwas macht, kriegt man den doppelten Preis. Wer den doppelten Preis will, muss sich zertifizieren lassen.« Der Verbraucher wolle wissen, ob ein Produkt bio sei. Genau dazu diene die Zertifizierung. »Jedes Gütesiegel kostet«, trug Franz Parzinger, CSU, zur Diskussion bei.

Potenzial im Landkreis noch groß

Wie der Stand bei Ökomodell Achental sei, wollte Willi Geistanger, Bündnis 90/Die Grünen, wissen. Diese Organisation unterscheide sich in ihren Zielen sehr vom Ökomodell Waging. In Sachen Streuobstwiesen werde man aber auch im Achental vorsprechen, antwortete Jürgen Sandner. Für die Keltereien sei es ein Fortschritt, Bio-Obst aus der Region beziehen zu können, meinte Geistangers Parteikollege Sepp Hohlweger. Das Potenzial an Streuobstwiesen sei noch groß. Im südlichen Landkreis Altötting wolle eine Kelterei auch mehr in Richtung bio gehen, ergänzte Sandner. kd