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Bildung ist mehr als angehäuftes Wissen

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Die besten sechs Absolventen am Chiemgau-Gymnasium waren (ab dem Zweiten von links) Johannes Dieplinger, Magdalena Koch, Paulina Dufter, Magdalena Hiermer (alle 1,1), Florian Hofhammer und Konstantin Steinmaßl (beide 1,0). Unser Bild zeigt sie mit Oberstufenkoordinator Stefan Ruß (links) und Schulleiter Klaus Kiesl.

Traunstein – Nicht nur wegen des »Brexits« war der Freitag ein historischer Tag. Eine Zäsur auf ihrem persönlichen Lebensweg stellte er auch für die Abiturienten dar, die an den bayerischen Gymnasien in die Freiheit entlassen wurden. Am Chiemgau-Gymnasium Traunstein (CHG) steht bei mehr als einem Drittel der Absolventen eine Eins vor dem Komma. Florian Hofhammer und Konstantin Steinmaßl durften sich gar über die Traumnote 1,0 freuen. Die besten 24 mit einem Schnitt von 1,5 oder besser waren bereits am Vortag von Landrat Siegfried Walch für ihre herausragenden Leistungen geehrt worden.


Bei der Abiturverleihung am CHG, die Florian Krutzenbichler mit souverän gespielten Polkas und Märschen auf dem Akkordeon musikalisch untermalte, blickten 130 Abiturienten auf ihre Schulzeit zurück. Dabei sahen sie Momente gemeinsamer Erfahrungen, die die Jahrgangsstufensprecher Eva Hüfner und Johannes Holzner mit ihrer bairisch-hochdeutschen Ansprache Revue passieren ließen. Besondere, denkwürdige, spannende und emotionale Momente – Erinnerungen, die die ehemaligen Schüler aus ihrer Schulzeit mitnehmen werden – konnten sie bei einer Diaschau nochmals nachempfinden, den ersten Schultag zum Beispiel oder die gemeinsamen Klassenfahrten.

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Die Abiturienten nehmen aber noch viel mehr mit: Ein »Reifezeugnis« – so Schulleiter Klaus Kiesl –, das ihnen gymnasiale Bildung bescheinige; jene sei eben nicht nur ein Grundbestand an Wissen, sondern beispielsweise auch die logische Durchdringung von Problemstellungen, präzise Organisationsfähigkeit, Argumentations- und Diskussionsfähigkeit sowie vor allem die Entwicklung eigener Werthaltungen. Diese Kompetenzen sah Kiesl geradezu als Verpflichtung, später einmal Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. »Wer sonst sollte dazu prädestiniert sein?«, so sein Fazit.

Der Elternbeiratsvorsitzende Sebastian Ring zeigte Verständnis für Schüler, die damit hadern, sich vermeintlich unnötiges Wissen anzueignen: »Warum muss ich den Quintenzirkel lernen – ich will doch Arzt werden?« oder: »Wozu brauche ich Stochastik – ich studiere später doch eh Sport auf Lehramt?« Er betonte jedoch, dass allein diese breite Allgemeinbildung eine freie Studien- und Berufswahl erlaube. Konkrete Tipps fachlicher Art könne er dazu als Vertreter einer Generation, die ihre Abschlüsse zu Zeiten des Eisernen Vorhangs gemacht habe, nicht geben. Er hielt sich lieber an Marcel Beyer und empfahl augenzwinkernd: »Immer schön die Zähne putzen – und lassen sie ihr Gepäck nie unbeaufsichtigt!« Dass den Abgängern am CHG das nötige »Rüstzeug« mitgegeben worden sei, um ihren weiteren Lebensweg zu meistern, dessen zeigte sich Ring sicher.

Auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen, dazu ermutigte die jungen Erwachsenen auch ihr Oberstufenkoordinator Stefan Ruß, der sie mehr als zwei Jahre auf ihrem Weg begleitet hatte. Dass sie in dieser Zeit »persönlich gereift sind und wichtige Kompetenzen erworben haben«, verdeutlichte er, indem er den Werdegang seiner Schützlinge von der ersten Informationsveranstaltung zur Oberstufe bis zu den entscheidenden Abiturprüfungen schilderte – eine manchmal nervenaufreibende Zeit, so Ruß, auch für die Eltern, die einerseits Trost spenden und andererseits Mut zusprechen mussten.

Der Vorsitzende des Vereins der Freunde des CHG, Ludwig Harkotte, beschrieb das Abitur als einen Abschied von der Schule, aber meist auch vom Heimatort und somit von den Eltern. Er rief die Absolventen dazu auf, sich nicht ganz von der Heimat zu verabschieden und in absehbarer Zukunft dem Verein der Freunde des CHG beizutreten, damit dieser den nächsten Schülergenerationen das ermöglichen könne, was er ihnen ermöglicht habe: eben solche Momente, die – wie in der Rede der Oberstufensprecher angesprochen – wohl am längsten in Erinnerung bleiben.

Eva Mallmann und Anne-Sophie Schneider