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Bekommt Erlstätt wieder einen Dorfladen?

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Nach der Schließung des traditionsreichen Dorfladens Klauser Ende vergangenen Jahres wollen die Erlstätter Bürger nun unter fachkundiger Anleitung selbst ein Dorfladen-Geschäftsmodell entwickeln. (Foto: M. Müller)

Grabenstätt. Exakt 100 Jahre konnten die Erlstätter Bürger in der Ortsmitte in ihrem Dorfladen einkaufen, doch seit der Schließung des »nah & gut Klauser« vor gut einem halben Jahr ist dieses Kapitel Geschichte – zumindest vorerst. Denn aus der Bürgerschaft gibt es Bestrebungen, selbst einen Dorfladen aus der Taufe zu heben, um nicht mehr für jeden kleinen Einkauf die mindestens viereinhalb Kilometer entfernten Supermärkte und Discounter in Grabenstätt, Chieming, Vachendorf und Traunstein ansteuern zu müssen.


Insbesondere für die älteren, nicht mehr so mobilen Bürger ist dies ein großes Problem, denn sie sind vor allem auf ihre Angehörigen und Bekannten angewiesen, um ihre Einkäufe tätigen zu können. Auch die Gemeinde Grabenstätt scheint der Idee einer »Dorfladen-Gründung« positiv gegenüberzustehen, denn Mitinitiator Gerhard Wirnshofer bedankte sich für die in Aussicht gestellte »finanzielle und logistische Unterstützung«.

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Dorfladen-Konzept »muss vor Ort entstehen«

Da bei solch einem großen Projekt bekanntlich aller Anfang schwer und guter Rat teuer ist, hatte die Bürgergruppe unlängst zu einer Informationsveranstaltung in den Gasthof Fliegl in Erlstätt geladen, bei der Wolfgang Gröll, seit 20 Jahren erfolgreicher Fachberater für Dorfläden in Bayern, die einzelnen Schritte zu einer Dorfladen-Gründung detailliert darlegte und Chancen und Schwierigkeiten aufzeigte. Ganz bewusst stellte er kein fertiges Dorfladen-Konzept für Erlstätt vor, denn ein solches »muss immer vor Ort entstehen und sein eigenes Gesicht haben«.

Der Trend zu professionell geführten, modernen »Tante-Emma-Läden« sei aber längst nicht mehr aufzuhalten, betonte Gröll. Diese könnten nämlich sehr wohl preislich mit den großen Supermärkten und Discountern mithalten, eigene Akzente und Trends setzen und mit ihrem ausgewählten Sortiment ganz bestimmte Zielgruppen ansprechen. Erfahrungsgemäß seien »die bürgerschaftlichen Läden und jene, die von Seiteneinsteigern geführt werden, mit Abstand am erfolgreichsten«, meinte Gröll und verwies auf eine Erfolgsquote von 95 Prozent.

Wichtig sei eine zentrale Lage und dass man auf regionale Produkte, einen hohen Frischeanteil, geringen Non-Food-Anteil, eine familiäre Wohlfühl-Atmosphäre sowie zusätzliche Service- und Dienstleistungsangebote wie Post, Lotto, Café-Ecke setze. Die Gewinnmaximierung sei nicht das oberste Ziel, vielmehr gehe es darum, »alle Bürger vor Ort einzubinden«, betonte der Referent.

Alle Gesellschafter würden zudem nur begrenzt mit ihrer Einlage in Höhe von 150 bis 500 Euro haften. Zur Finanzierung gab es zu Recht auch einige kritische Stimmen, doch dabei wurde übersehen, dass man sich erst in der mehrwöchigen Sensibilisierungsphase mit der Bürgerinformation und -aufklärung befindet, die erfahrungsgemäß drei bis acht Monate vor einer möglichen Geschäftseröffnung über die Bühne geht. »Heute wollten wir erst einmal feststellen, ob überhaupt Interesse besteht«, betonte Arbeitskreis-Sprecher Wirnshofer und erhielt von den rund 70 Bürgern ein breites positives Votum.

Damit könnte man nun zeitnah zum etwa ein bis drei Monate dauernden Vorgründungsprozess übergehen, bei dem eine Machbarkeitsstudie erstellt und im Zuge einer Gründungsversammlung die Rechtsform festgelegt und die Finanzierung gesichert wird. Falls das Eigenkapital nicht ausreicht, gibt es hier eine zweite Sollbruchstelle, mit der man das Projekt vorzeitig beenden könnte. Ansonsten folgt die Umsetzungsphase mit einer Zeitdauer von ein bis mindestens vier Monaten.

In Erlstätt »nicht nur wohnen, sondern auch leben«

Auch zu Beginn dieser dritten und letzten Phase könnte der Prozess gestoppt werden, wenn beispielsweise die Räumlichkeiten wegfallen oder die Investitionen ausufern würden. Ist dies nicht der Fall, gilt es den Rechtsträger zu gründen, die Fördermittel zu beantragen, Räumlichkeiten zu sichern, das Gründungskapital einzuzahlen, das Feinkonzept mit der Ladenplanung und der Sortiments- und Lieferantenauswahl zu erstellen sowie notwendige Investitionen zu tätigen und passende Mitarbeiter einzustellen.

Dass der Weg zu einem neuen Dorfladen kein leichter sein würde, war vielen schon vor dieser Info-Veranstaltung klar. Dennoch will man das ambitionierte Vorhaben offenbar entschlossen weiterverfolgen, auch deshalb, »weil wir in unserem Dorf nicht nur wohnen, sondern auch leben wollen«, wie es Zweiter Bürgermeister Robert Muggenhamer treffend formulierte. mmü