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»Beim Wetter gibt es keine Regelmäßigkeiten«

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Niederschlagsmenge und Luftfeuchtigkeit werden elektronisch gemessen und per Funk an den Deutschen Wetterdienst übermittelt. Karl Scherer muss nur den Messbehälter regelmäßig warten. (Fotos: Wannisch)
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Seit 1960 zeichnet Karl Scherer die Wetterdaten für Reit im Winkl auf, hier die Niederschlagsmenge im Winter.

Reit im Winkl – Das Wetter ist seine Leidenschaft, das kann Dr. Karl Scherer aus Reit im Winkl mit Fug und Recht behaupten. Seit 1960 begeistert sich der heute 72-Jährige für alle messbaren, meteorologischen Phänomene. Bereits als 14-Jähriger protokollierte er täglich Sichtweite, Temperatur und Niederschlagsmenge. Seit 2007 ist er auch offizieller Wetterbeobachter des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Trotz jahrzehntelanger Wetterbeobachtungserfahrung muss Scherer aber zugeben: »Beim Wetter gibt es keine Regelmäßigkeiten.«


Bereits seit 1896 werden in Reit im Winkl Wetterdaten erhoben. Zu Anfang maß der Königlich Bayerische Wetterdienst nur die Schneehöhe, ab 1899 auch die Niederschlagsmenge. 1937 folgte schließlich die Aufzeichnung von Temperatur und Feuchtigkeit. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Niederschlagsmenge, Feuchtigkeit, Temperatur in fünf Zentimetern und in zwei Metern Höhe, sowie zwischen Oktober und April die Schneehöhe werden täglich zur DWD-Zentrale nach Offenbach übermittelt.

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Vieles hat sich aber bei der Methodik der Aufzeichnung geändert. »Mein Vorgänger hat die Feuchtigkeit noch täglich mit einer Schleuder gemessen, das war richtige körperliche Arbeit«, erinnert sich Scherer. Auch Windrichtung und Sichtweite wurden noch vom Wetterbeobachter erfasst. Das haben inzwischen Wettersatelliten übernommen. Anfangs musste auch Scherer die Niederschlagsmenge noch per Hand messen. Die in einem speziellen Gefäß gesammelte Tagesniederschlagsmenge wurde dazu in einen Messbehälter umgefüllt, um so den Volumenwert zu ermittelt. Inzwischen wird auch dieser Wert elektronisch erfasst, statt nach Volumen geht es nun nach Gewicht.

Die vom DWD zur Verfügung gestellten Messgeräte dazu stehen nur etwa zwei Gehminuten von Scherers Haus entfernt auf einem noch unbebauten Grundstück nahe der Ortsmitte von Reit im Winkl. Ein Sensor ermittelt die Niederschlagsmenge, ein weiterer die Temperatur in zwei Metern Höhe und ein Dritter die Temperatur fünf Zentimeter über dem Boden. Den vier Quadratmeter großen Bereich, auf dem die Temperatur über dem Boden gemessen wird, muss Scherer zwischen Frühjahr und Herbst frei von Bewuchs halten, um die Messergebnisse nicht zu verfälschen. Eine Aufgabe, die an 365 Tagen seine Anwesenheit erfordert? Nicht ganz, damit der passionierte Wetterbeobachter auch mal in den Urlaub fahren kann, hat er zwei Vertreter, die sich in seiner Abwesenheit um die Messstation kümmern.

Täglich raus aufs Feld muss Karl Scherer nur zwischen 1. Oktober und 30. April, wenn Schnee gefallen ist. In dieser Zeit gehört es zu den Aufgaben des DWD-Wetterbeobachters, die tägliche sowie die absolute Schneehöhe von Hand zu messen. Viel Arbeit sei das nicht, wiegelt Scherer ab. Man braucht dazu weder physikalische noch meteorologische Kenntnisse. Das Messprinzip ist einfach. Gemessen wird täglich gegen 6.50 Uhr die Schneemenge, die in den vergangenen 24 Stunden hinzugekommen ist. Dieser Wert ergibt die tägliche Neuschneehöhe und -menge. Diese addiert Scherer zu der bereits gemessenen Schneehöhe dazu und erhält so die absolute Schneehöhe. Diese Werte muss er noch in einen Computer eintippen und so nach Offenbach übermitteln.

»Besonders interessant sind die Extremwerte«, sagt Scherer. Und die sind in Reit im Winkl gar nicht so selten. So war Reit im Winkl am 1. August 2017 mit offiziell gemessenen 35,9 Grad Celsius der wärmste Ort in ganz Deutschland. Möglich macht dies die Kessellage der Gemeinde; umgeben von Bergen spielt Wind zum Beispiel kaum eine Rolle. Auch komme es vor, dass »seine« DWD-Station an ein und demselben Tag den niedrigsten und den höchsten Tageswert misst. »Zwei oder dreimal im Winter kann das schon vorkommen, wenn Schnee liegt, die Nacht klar war und tagsüber der Himmel blau ist«, berichtet der Hobbymeteorologe.

Allgemein stellt Scherer, der die Entwicklung der Winter mit besonderem Interesse verfolgt, fest, dass die kalte Jahreszeit im Laufe der Jahrzehnte niederschlagsärmer wurde. Prognosen, wie ein Winter oder ein Sommer wird, kann er aber trotz seiner Erfahrung nicht geben. »Ein Winter kann streng anfangen, und mild weitergehen und umgekehrt.« Das Wetter macht eben, was es will.

Damit die 122-jährige Geschichte der Wetteraufzeichnung in Reit im Winkl weitergehen kann, sucht der DWD in Reit im Winkl nun ein neues Grundstück und einen neuen Wetterbeobachter für die Messstation. Der derzeitige Standort wird zum April 2019 aufgegeben, weil dort ein Haus gebaut wird. Einfach wird das nicht, weiß Scherer, der die Station auch an einem neuen Standort weiterbetreuen würde. Denn alle Messgeräte müssen doppelt so weit von einem Hindernis entfernt stehen – etwa ein Baum oder ein Haus – wie dieses hoch ist. Findet sich kein neuer Standort, wird die Wetterstation aufgegeben. Verena Wannisch

Wer Interesse hat, dem Deutschen Wetterdienst ein geeignetes Grundstück zur Verfügung zu stellen und/oder die Messstation zu betreuen, kann sich direkt bei Thomas Hirchert (069/8062  9253) oder Birgit Werrbach (069/8062 9243) von der regionalen Messnetzgruppe München melden.